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Nahost

Amnesty International: "Blinde Rache gegen Sunniten im Irak"

Die sunnitischen Extremisten des "Islamischen Staats" haben die religiösen Konflikte im Irak neu angeheizt. Nun seien schiitische Milizen auf blindem Rachefeldzug, sagt Amnesty International.

DW: Frau Rovera, sie sind in den Irak gereist und haben dort eine neue Welle der Gewalt von schiitischen Milizen gegen Sunniten dokumentiert. Sind diese Milizen von Rache getrieben gegen die Extremisten des "Islamischen Staats"?

Rovera Donatella: Ja. Diese schiitischen Milizen existieren seit vielen Jahren und haben früher vor allem amerikanische Soldaten angegriffen. Jetzt richten sie ihre Waffen auf sunnitische Männer. Das müssen nicht unbedingt Sunniten sein, die zum IS gehören und Verbrechen verübt haben. Die Milizen töten wahllos Sunniten. Wir sehen religiös motivierte Gewalt wie zu den Hochzeiten des Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten in den Jahren 2006 und 2007.

Dann hat der Aufstieg des IS die schiitischen Milizen sogar gestärkt?

Bombenanschlag in Bagdad Irak (Photo: REUTERS/Thaier Al-Sudani)

In schiitischen und sunnitischen Vierteln Bagdads explodieren weiter Bomben

In der Tat. Sie stehen an vorderster Front gegen den "Islamischen Staat", weil dieser die irakische Armee an den Rand der Auflösung gebracht hat. Aber die schiitischen Milizen stehen auch an vorderster Front in einem blinden Rachefeldzug der allein religiös motiviert ist. Da geht es nicht darum, Dschihadisten zu bekämpfen.

Sie haben auch Fälle dokumentiert, in denen sunnitische Männer verschleppt wurden, um Lösegeld zu erpressen. Geht es also nicht nur um Religion, sondern auch um Geld?

Die Milizen arbeiten auch wie kriminelle Banden. In manchen Fällen entführen sie Sunniten mit der klaren Absicht, sie zu töten. Aber vorher zwingen sie die Familie ihrer Geisel, ein Lösegeld von bis zu 100.000 US-Dollar zu zahlen. Die Familien zahlen dann in der Hoffnung, dass ihre Angehörigen frei kommen - und dann werden die Geiseln erschossen. In anderen Fällen ist Gier das einzige Motiv und es werden auch Menschen gekidnappt, die keine Sunniten sind. Aber Sunniten sind mehrheitlich Opfer dieser Milizen.

Sie haben mit vielen Familien gesprochen, die Angehörige verloren haben. War das gefährlich?

Es war schwierig, diese Familien zu finden und sie zu überzeugen, mit mir zu sprechen. Ich habe ihnen Anonymität zugesichert. Viele haben ihre Häuser verlassen und leben in Verstecken, sie sind völlig verängstigt.

Und wie stand es um Ihre eigene Sicherheit?

Donnatela Rovera (Photo: AP Photo/ Tara Todras-Whitehill)

Donnatela Rovera ist für Amnesty International in den Irak gereist

Über die machen wir uns natürlich auch Gedanken. Bisher haben schiitische Milizen sich aber auf Sunniten als Entführungsopfer konzentriert und nicht auf Journalisten oder internationale Helfer. Und ich habe diese Familien natürlich im Geheimen getroffen.

In welchen Regionen greift die Gewalt denn weiter um sich?

Die schiitischen Milizen sind in allen Regionen präsent, die von der Regierung kontrolliert werden. Viele ihrer Kämpfer sind aus Städten wie Kerbala oder Nadschaf, in denen keine Sunniten leben. Und sie operieren vor allem in Städten, in denen Schiiten und Sunniten gemeinsam leben. Also in der Hauptstadt Bagdad, im Öl-reichen Kirkuk, in Samara oder Tikrit. Und ganz besonders in der Nähe der Front zum "Islamischen Staat".

Was tut die Regierung in Bagdad, um die Gewalt der Milizen im von ihr kontrollierten Gebiet zu verhindern?

Sie tut gar nichts gegen die Macht der Milizen. Im Gegenteil: sie tut alle, um diese Milizen weiter zu fördern. Insbesondere die Regierung Al-Malikis ist so vorgegangen, das war eine schiitisch dominierte Regierung. Jetzt haben wir eine neue Regierung in Bagdad, die aber noch nicht vollständig ist. Und Premierminister Haider al-Abadi hat gesagt, dass er die religiösen Konflikte schlichten will. Wir werden sehen, ob er das meint, was er sagt und ob er auch in der Lage ist, das durchzusetzen.

Bislang aber ist die irakische Regierung ihrer Ansicht nach an Kriegsverbrechen beteiligt?

Absolut. Es wird entführt und massenweise erschossen mit Wissen und in Zusammenarbeit mit den Regierungstruppen.

Wie kann diese Gewalt schiitischer Milizen eingedämmt werden, ohne damit gleichzeitig den IS zu stärken?

Der IS konnte nur so stark werden, weil sich viele Sunniten von der schiitischen Regierung in Bagdad an den Rand gedrängt fühlten. Die einzige Lösung ist eine irakische Armee, die nicht von einzelnen religiösen Gruppen dominiert wird, sondern alle Bürger schützt.

Donatella Rovera dokumentiert für Amnesty International Menschenrechtsverletzungen in Kriegen und Konflikten.

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