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Kultur

Ammon: "Deutschlernen ist wieder attraktiv"

In der Welt ist Deutsch als Fremdsprache immer stärker gefragt. Das liegt an Deutschlands Wirtschaftskraft, vermutet der Essener Germanist Ulrich Ammon.

DW: Herr Prof. Ammon, stirbt das Deutsche aus?

Ulrich Ammon: Das wäre übertrieben. Aber es hat in den letzten 100 Jahren infolge der von Deutschland ausgeführten Politik, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, stark eingebüßt. Zuletzt hat sich Deutsch wieder etwas gefangen, wohl unter dem Eindruck, dass die deutschsprachigen Länder wirtschaftlich florieren und der Stabilitätsanker in Europa sind. Das macht das Deutschlernen bis zu einem gewissen Grad attraktiv, vor allem in Entwicklungsländern, weil man sich von Deutschkenntnissen wirtschaftliche, berufliche und auch wissenschaftliche Vorteile verspricht.

Wo genau steht die deutsche Sprache im internationalen Vergleich?

Bei der Zahl der Muttersprachler steht sie ziemlich weit hinten und zwar an 10. Stelle. Es sind ungefähr 104 Millionen Muttersprachler. Wichtiger für die internationale Stellung ist aber das Bruttosozialprodukt, das die deutsche Sprachgemeinschaft hervorbringt. Und da stehen die deutsche Sprachgemeinschaft und die deutsche Sprache an vierter Stelle in der Welt. An erster Stelle die englische Sprachgemeinschaft, gefolgt von der chinesischen und der spanischen. So kann man sagen: Die deutsche Sprachgemeinschaft ist, was das Wirtschaftspotential, das sich mit den Muttersprachlern verbindet, durchaus sehr gewichtig.

Prof. Dr. Ulrich Ammon

Germanist Ulrich Ammon

Hier noch ein anderer Maßstab: Die Zahl der Fremdsprachenlerner, die Deutsch als Fremdsprache lernen, ist beachtlich. Da rangiert Deutsch ebenfalls auf Rang vier. Nur Englisch, Französisch und Chinesisch liegen vor Deutsch und Spanisch. Je weiter man nach Osteuropa geht, desto wichtiger wird Deutsch. Aber selbst in China oder Indien ist Deutsch wichtiger als Fremdsprache als etwa Spanisch.

Warum lernen Ausländer heute Deutsch? Weil Deutschland reich, wirtschaftlich stark und sexy ist?

Ja, vereinfacht ausgedrückt ist das so. Die Welt weiß, dass die EU wirtschaftlich stark auf Deutschland angewiesen ist und dass Österreich und die Schweiz, die ja auch deutschsprachig sind, ebenfalls wirtschaftlich florieren. An Deutschland beeindruckt sehr, dass es mit diesen sehr großen Ländern um die Exportweltmeisterschaft konkurriert. Das alles erweckt den Eindruck: Wenn man Deutsch kann, hat man den Zugang zu Ländern, die wirtschaftlich florieren - mit guten beruflichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, mit Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten für vorübergehende Aufenthalte, vielleicht auch für Zuwanderung und dergleichen. Und das alles motiviert zum Deutschlernen.

Aber Geschäfte werden überwiegend auf Englisch gemacht?

Ja, die Verträge werden auf Englisch gemacht. Wenn es um Details, die juristisch wichtigen Details geht, benutzt man Englisch. Aber man weiß genau, dass man mit der Muttersprache und der Amtssprache der betreffenden Länder weiter kommt als wenn man nur Englisch kann. Für die Kontaktpflege, für die Anbahnung von Geschäften und auch teilweise für die geschäftliche Kommunikation sind Deutschkenntnisse zusätzlich von Vorteil.

Würden Sie sagen, die Deutschen sollten stärker auf die Verbreitung ihrer Sprache achten?

Ja, soweit sie damit nicht unhöflich werden. Es ist auf jeden Fall von Vorteil, wenn die eigene Sprachgemeinschaft weit verbreitet ist. Personen, die diese Sprache als Fremdsprache gelernt haben, suchen bevorzugt Kontakte zu den Muttersprachlern. Die Lerner von Deutsch als Fremdsprache werden aus diesen Deutschkenntnissen etwas zu machen versuchen: Sie gehen öfter nach Deutschland, sie pflegen Kontakte zu den Deutschen. Das kann man im Tourismus, bei Geschäftskontakten und bei allem Möglichen feststellen.

Tut Deutschland denn genug für die Verbreitung der deutschen Sprache?

Nicht unbedingt. Da gibt es große Unsicherheiten. Es hätte 1973 durchaus die Chance bestanden, Deutsch als Amtssprache bei den Vereinten Nationen einzuführen. Damals sind die Bundesrepublik und die DDR parallel in die Vereinten Nationen aufgenommen worden, aber von deutscher Seite wurde kein einziger Antrag gestellt. In meinen Augen war das ein schwerer Fehler, der die Stellung des Deutschen international stark beeinträchtigt.

In der EU ist es ähnlich verlaufen. Nach der deutschen Wiedervereinigung hat Kanzler Kohl damals gedrängt, dass jetzt auch die Stellung des Deutschen in der EU gestärkt werden müsste. Aber die deutsche Regierung hat es dann irgendwie verschlafen. Nichts ist passiert. Nun ist die Lage eingetreten, dass Deutsch zwar von den Statuten her Arbeitssprache in der Kommission ist, aber niemand spricht Deutsch.

Was muss passieren, damit Deutsch in der Welt vorankommt?

Zunächst sollten wir verstehen, wie wichtig die internationale Stellung der deutschen Sprache ist. Das müsste schon in den Schulen anfangen. Ein Problem ist, dass es an den Universitäten kein Forschungsthema ist. Warum? Weil die Fächereinteilung nicht dazu passt: Die Soziologen sagen, das ist ein sprachliches Thema, die Politologen ebenfalls. Und die Linguisten/Germanisten sagen, das ist ein politisches, soziologisches Thema. Damit fällt es zwischen die Fächer und wird von niemandem in Forschung und Öffentlichkeitsarbeit berücksichtigt. Die Politiker sollten sich Überlegungen, wie sie in meinem Buch angestellt werden, zu eigen machen und darüber nachdenken, welche Vorteile das hat.

Das Gespräch führte Stefan Dege.

Ulrich Ammon, Jahrgang 1943, ist germanistischer Linguist mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen. Sein neues Buch "Die Stellung der Deutschen Sprache in der Welt" ist soeben im Berliner Verlag De Gruyter erschienen. 1314 Seiten kosten € 79,95.

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