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Politik

Amerikas Ahnen

John Kerry, US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten, stammt aus Europa. Das hat eine amerikanische Zeitung herausgefunden. Für die Amerikaner ist dies durchaus von großer Bedeutung.

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Europäische Wurzeln: Präsidentschaftskandidat Kerry

Erst vor kurzem hat Kerry erfahren, dass sein Großvater aus Horni Benesov, einem kleinen Dorf in der Tschechischen Republik, stammt. Die US-amerikanische Tageszeitung "Boston Globe" hatte vor einem Jahr ein österreichisches Ahnenforschungsinstitut beauftragt, Kerrys Familien-Geschichte zu erforschen. Das Ergebnis war auch für Kerry eine Überraschung: Denn er stammt nicht aus Irland, wie sein Name nahe legt. Felix Gundacker vom Wiener "Institut für Historische Ahnenforschung" hat herausgefunden, dass Kerrys Großvater ursprünglich Kohn hieß und in Österreichisch-Schlesien zur Welt kam.

Kerrys Großmutter Ida und ihr Mann Fritz Kohn waren 1904 in die USA ausgewandert. Vorher hatten sie ihren Namen von Kohn in Kerry geändert und waren vom Judentum zum Katholizismus übergetreten. Wie Felix Gundacker vor kurzem herausfand, wurden die Schwester und der Halbbruder von Kerrys Großmutter während des Dritten Reichs in Treblinka und Theresienstadt ermordet.

Fromme Patrioten

Obwohl in den amerikanischen Medien wieder vermehrt über Kerrys Familiengeschichte berichtet wird, werde sich seine Herkunft in keiner Weise auf die Wahlen auswirken, glaubt Rainer Prätorius, Professor für Verwaltungswissenschaften an der Bundeswehruniversität Hamburg. Während John F. Kennedy bei den Präsidentschaftswahlen Anfang der 1960er Jahre noch mit vielen Vorurteilen gegen den Katholizismus kämpfen musste, spiele die Konfession heute keine Rolle mehr.

"Es ist die Zugehörigkeit zu einer Religion die erwartet wird." So würden es mehr als 90 Prozent der Amerikaner ablehnen, einem atheistischen Präsidentschaftskandidaten ihre Stimme zu geben. "Keine andere Gesellschaft der westlichen Welt ist so wenig säkularisiert wie die amerikanische", sagt Manfred Berg, Leiter des Zentrums für USA-Studien in Wittenberg. "In Amerika muss Politik nicht nur richtig sein, sondern auch immer moralisch gut", erklärt Christian Hacke, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Bonn. Manfred Berg fasst die Anforderungen an den Präsidenten knapp zusammen: "Man sollte Patriot, Kriegsheld und fromm sein."

Protestantische Tradition

Religion spielt in den USA traditionell eine große Rolle. Besonders die protestantischen englischen Siedler, die den nordamerikanischen Kontinent ab dem frühen 17. Jahrhundert besiedelten, betrachteten sich als von Gott ausersehen. Ihre Aufgabe: die Wildnis des riesigen Kontinents zu bestellen und zu zivilisieren. Fleiß und Bescheidenheit waren für die Puritaner dabei wichtige Werte.

Mittlerweile bilden die Katholiken mit 62 Millionen Einwohnern die größte Konfessionsgruppe in den USA. Deshalb sei ein katholischer Präsidentschaftskandidat auch keine Besonderheit mehr, sagt Rainer Prätorius. Obwohl die amerikanische Gesellschaft immer noch sehr protestantisch geprägt sei.

Ahnenforschung als Volkssport

Wieso aber interessieren sich die Amerikaner für die Herkunft und Konfession der Groß- und Urgroßeltern ihrer Präsidentschaftskandidaten? Warum beauftragt eine renommierte Tageszeitung wie die "Boston Globe" einen Ahnenforscher um Kerrys Familiengeschichte zu recherchieren?

Genealogie ist in den USA Mode: "Das ist so eine kleine Macke der Amerikaner. Als typische Einwanderungsnation haben sie ein großes Faible für Ahnenforschung", erklärt Prätorius. So sei denn auch das Bild von der amerikanischen Gesellschaft als "melting pot", dem Schmelztiegel, in dem alle ethnischen Unterschiede verschwimmen, eine naive Vorstellung, sagt Manfred Berg. In der Diskussion um Kerrys Herkunft zeigen sich die USA denn auch eher als "mixed salad", ein buntes Gemisch verschiedener Ethnien, bei dem sich viele - trotz Patriotismus - immer noch ihren Generationen zurückliegenden Wurzeln verbunden fühlen.

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