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G20-Gipfel in Hamburg

Altenheim zu G20: Bitte keine Krawalle!

Das Schanzenviertel in Hamburg, wo der G20-Gipfel stattfindet, gilt als Hochburg der links-alternativen Szene. Mittendrin steht aber auch ein Seniorenheim. Dort fordert ein Banner nun friedliche Proteste.

Punks, Umweltaktivisten, Graffitis und Bioläden prägen das Schanzenviertel in Hamburg. Die Hauswände sind zugepflastert mit politischen Plakaten - die meisten kündigen momentan Termine und Treffpunkte der vielen Anti-G20-Proteste an.

Seit Wochen schon treffen sich lokale Aktivisten in Stadtteilzentren, um ihren Protest gegen den Gipfel der 20 Staats- und Regierungschefs am 7. und 8. Juli zu koordinieren. Aber im Viertel leben auch unpolitische Menschen. 

In direkter Nachbarschaft zur Sicherheitszone

Dazu gehören auch die 174 Bewohner des Elisabeth Alten- und Pflegeheims. Nur eine Grünanlage trennt die Seniorenresidenz von der Sicherheitszone rund um das G20-Konferenzzentrum. Das Altenheim ist ein ruhiger Ort mit hellen Zimmern, einem großen Garten und sogar eigenen Bienenstöcken.

Draußen vor der Tür herrscht jedoch Kontrastprogramm. Auf der Hauptstraße rauschen Autos und Fahrräder vorbei. Mehrmals im Jahr finden hier auch kleinere und größere Demonstrationen statt. In einem so politisierten Stadtteil ist das nichts Ungewöhnliches.

Aber wenn sich die Spitzenpolitiker des G20-Gipfels nur wenige Meter weiter treffen, werden die Proteste diesmal heftiger ausfallen. Es gilt als wahrscheinlich, dass es tagelang zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kommt.

Aufruf zum Frieden

Das liegt auch an den erwarteten Gästen: US-Präsident Donald Trump, der russische Staatschef Wladimir Putin und auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan haben sich angekündigt. Für Anarchisten und Aktivisten aus der links-alternativen Szene ist das Treffen ihrer politischen Hassfiguren eine gute Gelegenheit, ihren Unmut kundzutun.

Am größten der Anti-G20-Proteste werden sich wohl mehr als 100.000 Demonstranten beteiligen. 15.000 Polizisten aus Hamburg und ganz Deutschland werden dann vor und während des Gipfels im Einsatz sein.

Leiter des Elisabeth Pflegeheims in Hamburg, Hans-Jürgen Wilhelm (Foto: DW/J. Witt)

Altenheim-Leiter Wilhelm: Die pflegebedürftigen Senioren können ja nicht einfach weg während des Gipfels

Es sind diese schieren Größenordnungen, die Hans-Jürgen Wilhelm, den Leiter des Pflegeheims, dazu bewogen haben, zu ungewöhnlichen Maßnahmen zu greifen, um seine Bewohner und Mitarbeiter zu schützen. Drei riesige Banner zieren nun das Gebäude. Darauf steht auf Englisch: "We wish all peaceful encounters! Elisabeth Nursing Home," - "Wir wünschen allen friedliche Begegnungen - Elisabeth Pflegeheim." 

Der Appell richtet sich vor allem an Tausende Demonstranten und Polizisten, die von außerhalb ins Hamburger Schanzenviertel kommen, sagt Hans-Jürgen Wilhelm der DW. "Wir wollen klar machen, dass es sich bei diesem Haus um ein Pflegeheim handelt. Wir hoffen, dass beide Seiten Rücksicht darauf nehmen, dass in diesem Haus ältere, hilfsbedürftige Menschen leben, die einfach nicht weg können und die hier bleiben müssen."

Altenheim-Leiter Wilhelm steht seit Wochen in engem Austausch mit der Polizei. Die Zufahrt von Krankenwagen und Notdiensten sei gewährleistet, sagt er. Das Heim habe genügend Essensvorräte bestellt, damit die Proteste draußen nicht zu Lebensmittelknappheit führen.

Senioren lassen sich nicht aus der Ruhe bringen

Die Bewohner des Altenheims blicken indes mit stoischer Gelassenheit auf die Proteste. Einer von ihnen ist Ernst Nack, 92. Seit zwei Jahren lebt er in dem Heim mitten im Schanzenviertel. "Man kennt ja die Atmosphäre hier", sagt er. "Es führt sicherlich leicht zu Krawallen. Das berührt mich aber nicht. Es gibt kluge und dumme Menschen. Beide wollen wahrscheinlich auf die Straße. Mir persönlich macht das keine Sorgen."

Mitarbeiter und Bewohner des Seniorenheim Elisabeth in Hamburg (Foto: DW/J. Witt)

Die Devise für Mitarbeiter und Bewohner: Bloß keine Panik - aber auf den Ausnahmezustand vorbereitet sein

Klaus Derda hingegen ist schon beunruhigt. Er ist für die Koordination der Pflege im Heim zuständig. Diesmal mache er sich größere Sorgen als bei anderen Großereignissen zuvor. Das größte Problem sei, dass die Mitarbeiter wahrscheinlich durch das Chaos und die Polizeikontrollen zu spät zur Arbeit kommen.

Die Pflegekräfte habe er vorgewarnt: Gut möglich, dass Kollegen verspätet erscheinen oder gar nicht erst durchkommen. Auch die Angehörigen der Bewohner seien über die Situation informiert. Derda sagt, sie würden die Maßnahmen unterstützen, auch die Banner am Gebäude. Und für den Fall der Fälle habe das Management des Pflegeheims zwei Sicherheitsleute für die Nacht angestellt.

Warum ausgerechnet Hamburg?

Die Seniorenheim-Mitarbeiter unterdessen bleiben ruhig angesichts des Gipfels. Martina Schuldt arbeitet in der Verwaltung. Sie sagt, es werde zwar viel über G20 geredet, aber es gebe wenig Befürchtungen. "Allerdings fragen sich viele, ob es überhaupt sinnvoll ist, den Gipfel gerade hier in Hamburg auszutragen - es würde ja durchaus auch andere Standorte geben, die das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung auch mit in Betracht ziehen."

G20-Protestbanner in Hamburg (Foto: DW/J. Witt)

Krawalle mit Ankündigung: Ein Anti-G20-Banner gegenüber des Altenheims

Auch am Fenster des gegenüber liegenden Hauses, auf der anderen Straßenseite des Altenheims, flattert ein Banner. "Let's smash G20 now" - "Lasst uns G20 zerstören", steht dort. Jeden Tag tauchen neue Graffitis auf, die zu Demonstrationen und sogar Attacken gegen den Gipfel aufrufen.

Pflege-Koordinator Klaus Derda sagt, wer Ärger suche, der solle weg vom Pflegeheim bleiben: "Wenn Ihr Krawall wollt, dann macht das, aber bitte nicht hier bei uns. Wir gehören nicht dazu, auch wenn wir hier sehr nahe am Tagungsort sind."

Die Spannungen rund um das Elisabeth Seniorenheim schwellen bereits an. Aber die Menschen, die dort leben und arbeiten, sind fest entschlossen, ihre kleine Oase der Ruhe zu schützen.  

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