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Kultur

Alten Freunden zum Geburtstag gratulieren

Internet-Communities versuchen sich über viele kleine Extras von der Konkurrenz zu unterscheiden. Doch die Nutzer fühlen sich davon überfordert. Sie wollen vor allem alte Freunde treffen, so eine aktuelle Studie.

Internetnutzer in einem Internet-Café in Frankfurt am Main, Quelle: AP

Internet-Communitys überfordern ihre Nutzer oft mit zu vielen Möglichkeiten

Es gibt so viele. Vielleicht zu viele. Wer sich nach Online-Communities umschaut, der findet welche für werdende Mütter, Praktikanten, Hundeliebhaber, Ranglisten-Fans und tote Tiere und verstorbene Angehörige. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Ein Internet-Nutzer surft auf einem Friedhof auf einem virtuellen Friedhof

Es gibt nichts, was es nicht gibt: sogar seine Angehörigen kann man virtuell gleich nochmal beerdigen

Die Online-Communities boomen, weltweit. Und irgendwie gleichen sie sich doch alle. Ein eigenes Profil, ein kostenloser Zugang, Diskussionsgruppen zu verschiedenen Themen, dazu die Möglichkeit, ein eigenes Profil anzulegen und mit seinen Freunden zu kommunizieren - vielmehr braucht es theoretisch gar nicht, damit ein Portal funktioniert.

Die Features erschlagen den Nutzer

Der ganze Rest - Lieblingsbücher bewerten, Blogeinträge schreiben oder Fotos kommentieren - werde kaum genutzt, sagt Jens Böcker. Der Wirtschaftswissenschaftler der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg hat für eine Studie über Erfolgsfaktoren von Online-Communities im Web 2.0 Internet-Start-Ups und ihre Nutzer befragt. Das Ergebnis: die Unternehmen schätzen ihre Kunden falsch ein. Und bieten Sachen an, die den Durchschnittsuser nicht interessieren. "Die Anbieter packen da wahnsinnig viele Features rein, die nicht nachgefragt werden." So ein Portal ähnle einem modernen Telefon mit 400 Funktionen. Genutzt werden davon vielleicht fünf. "Die Vielzahl der Features erschlägt eher den Nutzer, die können damit gar nicht viel anfangen."

Vielmehr ginge es darum, dass die Kernfunktion bedienerfreundlich und klar erkennbar sei. Dass man also zum Beispiel Tipps zur Hundehaltung oder Angebote von Praktikumsplätzen sofort findet. Ein besonderes Feature ist dann aber – zur großen Überraschung und Erheiterung des Studienleiters - doch sehr wichtig: der virtuelle Geburtstagskalender. 70 Prozent der Nutzer gaben ihn als eines der wichtigsten Elemente an, genauso wie den Schutz der Privatsphäre. Diese Elemente rangieren damit noch vor Suchfunktionen und aktuellen Inhalten auf der Startseite.

Trial and error statt wohldurchdachter Neuerungen

In einem boomenden Markt dienen die vielen zusätzlichen Gimmicks den Unternehmen vor allem dazu, sich voneinander abzugrenzen – auch, wenn das die Nutzer kaum interessiert. Böcker sieht darin den größten Unterschied zur traditionellen Entwicklung von Produkten. Früher wurden sie fertig entwickelt und dann auf den Markt gebracht. Jetzt wird ein Feature einfach ins Netz gestellt. "Das ist eine trial-and-error-Geschichte. Die Anbieter werfen der Community erstmal einen ganzen Strauß an Möglichkeiten hin, und dann muss man schauen, was funktioniert."

Screenshot des deutschen Portals StudiVZ

Alte Freunde wiedersehen, statt neue finden: das deutsche Portal StudiVZ

Der Durchschnittsuser will vor allem eines: mit seinen Freunden in Kontakt bleiben. Und zwar mit denen, die man schon aus dem realen Leben kennt. "Man möchte mit seinen Offline-Freunden in Kontakt bleiben, und gar nicht unbedingt neue Freunde hinzugewinnen", sagt Böcker. Eine Internet-Gemeinschaft wie zum Beispiel StudiVZ, eine Art deutsche Variante von Facebook, helfe, Leute wiederzufinden, zu denen man den Kontakt zeitweise verloren hatte, alte Schulfreunde zum Beispiel. Den Wert von neuen Kontakten würden viele Anbieter jedoch überschätzen, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler.

Nicht alle werden überleben

Funktionieren werden die ganzen Portale auf Dauer nicht, da ist sich Böcker sicher. "Viele werden es nicht schaffen, sich zu etablieren. Zumindest nicht, bevor ihnen das Geld ausgeht." Denn oft werden die Unternehmen mit geringem Startkapital vom heimischen Schreibtisch aus betrieben. Mit diesen kleinen Firmen Geld zu verdienen, das sei die größte Herausforderung. Bezahlmodelle sind für mehr als 60 Prozent der Nutzer ein k.o.-Kriterium. Bleibt nur die Möglichkeit der Werbung. Und auch darauf reagieren viele Nutzer allergisch. Zu spüren bekommen hat das zuletzt StudiVZ. Es hagelte Kritik von den Nutzern, als das Studentenportal - mit laut Angaben der Betreiber knapp fünf Millionen Mitgliedern - in seinen neuen Geschäftsbedingungen personalisierte Werbung zuließ. Ob das Portal langfristig gute Überlebenschancen hat, da hat der Wirtschaftsprofessor so seine Zweifel.

Im Web 2.0 ist jeder wichtig

Screenshot des Rating-Portals Woobby.com

Wer über die beste Nudelsoße oder den besten Fernsehdoktor abstimmen will, ist hier richtig: Woobby

Bröcker hat die Studie nicht alleine erstellt. Neben seinen Studenten war auch die "Freundliche Netzwerke GmbH" mit dabei. Deren Start-Up-Portal "Wooby" lässt das Herz eines jeden Listen-Fetischisten höher schlagen. Denn dort kann man so ziemlich jeden Sinn und Unsinn ranken. Nicht nur "Die besten Reiseführer der Welt" oder "Die besten Firefox-Plugins", sondern auch "Die bekanntesten erfundenen Vögel". "Jeder ist ein Experte – auch dein Wissen zählt", verkündet man auf der Startseite. Die Meinung jedes einzelnen Users ist relevant. Auch wenn es sich nur um die Frage nach dem besten Fernsehserien-Arzt der Welt handelt.

Online-Communities sind eben doch vor allem eines: Unterhaltung. Und könnten langfristig, meint Jens Böcker, sogar dem Fernsehen den Rang ablaufen. Vielleicht wird man sich dann ja eines abends nicht mehr von Arztserien berieseln lassen, sondern im Internet mit Gleichgesinnten über das Lieblings-Zoo-Tier abstimmen.

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