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Doping

Alle Leichtathletik-Rekorde auf Null?

Die Europäer und IAAF-Präsident Sebastian Coe wollen die Rekordlisten bald fast komplett neu schreiben. Damit soll Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf zurückgewonnen werden. Doch es regt sich heftiger Widerstand.

Im Kampf gegen Doping soll die Leichtathletik mit einem tiefgreifenden Schnitt weiter an Glaubwürdigkeit gewinnen. Deswegen könnte es ab dem kommenden Jahr neue Rekordlisten geben. Einen entsprechenden Reformplan für Europarekorde befürwortet das Council des Europäischen Leichtathletik-Verbands. Im August dieses Jahres könnte der Weltverband IAAF diese Vorschläge für Weltrekorde übernehmen. "Es geht darum, dass man nicht jeden Rekord einzeln prüft, sondern einen Strich drunter macht und neu anfängt", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop dem SID. Der 60-Jährige saß selbst in der zuständigen Kommission, die in den letzten Monaten die Empfehlungen ausarbeitete: "Der europäische Verband würde gerne ab 1. Januar 2018 neu beginnen."

DLV-Präsident Clemens Prokop im Porträt (Foto: picture-alliance/dpa/S. Hoppe)

DLV-Präsident Prokop: "Strich drunter machen"

Hintergrund der Rekord-Diskussion ist die Skepsis, die vielen aktuellen Bestmarken entgegengebracht wird. Eine ganze Reihe der Rekorde wurde in den Hochzeiten des Anabolika-Dopings aufgestellt. "Bei objektiver Betrachtung ist eine Vergleichbarkeit der Leistungen nicht mehr gegeben", sagte Prokop: "Deshalb ging es darum, die Rekorde für die Zukunft neu zu fassen." Nach dem Willen der EAA sollen die bisherigen Bestleistungen in eine Art historische Liste überführt werden, aber nicht mehr als aktuelle Rekorde gelten. Auf europäischer Ebene würde dies fast ein Dutzend von deutschen Athleten aufgestellte Bestmarken betreffen, zudem stünden vier "deutsche" Weltrekorde zur Diskussion.

Zukunft gestalten: Coe ist dabei

Die Anerkennung zukünftiger Rekorde soll an neue Bedingungen geknüpft werden. So müssen die Athleten nach den Plänen der EAA im Vorfeld eine Mindestanzahl an Trainingskontrollen hinter sich haben. Die Dopingproben des entsprechenden Wettkampfs sollen zehn Jahre für Nachtests eingefroren werden. Darüber, ob derzeit bestehende Rekorde, die die zukünftigen Kriterien erfüllen, weiter bestehen bleiben könnten, wurde noch nicht entschieden. Vor dem Jahr 2005 aufgestellte Rekorde erfüllen die Kriterien allerdings nicht. Zudem sollen bei einer späteren Doping-Sperre eines Sportlers dessen Rekorde nachträglich auch dann aberkannt werden, wenn nicht konkret bewiesen werden kann, dass die Bestleistung unter Dopingeinfluss aufgestellt wurde. Diese Passage ist jedoch rechtlich umstritten.

Unterstützung bekamen die Europäer von höchster Stelle. "Ich mag diesen Vorschlag", sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe, er sei ein "Schritt in die richtige Richtung". Um die angedachten Reformen auch auf Weltrekorde zu übertragen, müssten die anderen Kontinentalverbände zustimmen. In der Vergangenheit hatte ein Vorschlag des DLV, ab dem 1. Januar 2000 neue Listen einzuführen, keine Mehrheit gefunden.

IAAF-Präsident Lord Sebastian Coe im Porträt (Foto: picture-alliance/empics/L. Hurley)

IAAF-Präsident Coe: "Schritt in die richtige Richtung"

"Es muss das Ziel sein, dass wir in der Leichtathletik einheitliche Rekordlisten haben", sagte DLV-Chef Prokop: "Wenn der europäische Verband seinen festen Willen bekundet, diese Neuregelung auf jeden Fall umzusetzen, wird es auch für den Weltverband schwierig zu sagen: 'Wir beharren auf unseren alten Rekorden'". Prokop prognostizierte, dass die EAA im Notfall "auch alleine so eine Neuregelung vornehmen würde".

Kontroverse Reaktionen

Als "längst überfällig" bezeichnete Ines Geipel, Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins, den Schritt: "Die Rekordliste ist keine reine Symbolik, sondern eine ethische Richtlinie", sagte die 56-Jährige. Die ehemalige DDR-Sprinterin hatte 2005 für Aufsehen gesorgt, weil sie die Streichung ihres Namens aus den Rekordlisten (Vereinsweltrekord über 4x100 Meter mit dem SC Motor Jena) verlangte. 2006 wurde ihr Name durch ein Sternchen ersetzt. Zustimmung gab es auch von der Niederländerin Dafne Schippers. "Jeder weiß, dass die 1980er Jahre nicht die besten Jahre der Leichtathletik waren. Und viele Rekorde sind aus dieser Zeit", sagte die Weltmeisterin und Europarekordlerin über 200 Meter der englischen Zeitung "Daily Mail": "Es wäre gut, wenn wir diese Zeit hinter uns lassen könnten."

Es gab allerdings auch teilweise heftige Kritik. Einige Athleten befürchten, durch die Regel, mit Doping-Sündern in einen Topf geworfen zu werden. "Ich fühle mich verletzt und denke, dass dadurch mein Ansehen beschädigt wird", sagte Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe. Colin Jackson, Inhaber des Hallen-Weltrekords über 60 Meter Hürden, erklärte in der BBC: "Sie wollen Erinnerungen stehlen." Auch Steve Cram, Europarekordler über 2000 Meter und über die Meile, äußerte Kritik: "Es wird nichts verändern. Es wird die Leute nicht davon abbringen zu betrügen." Weitsprung-Weltrekordler Mike Powell sagte, die Vorschläge seien respektlos, ungerecht und ein Schlag ins Gesicht. "Ich habe bereits meinen Rechtsanwalt kontaktiert", sagte der 53-Jährige, der bei der WM in Tokio 1991 mit der noch heute gültigen Bestmarke von 8,95 Meter Gold gewann, in "BBC Radio 5".

Der US-Amerikaner Mike Powell bei seinem Weltrekordsprung über 8,95 Meter im Weitsprung-Finale der Männer bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1991 in Tokyo in Japan (Foto: picture-alliance/Lacy Perenyi)

Mike Powell - hier bei seinem Weltrekordsprung bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1991 in Tokyo - übt Kritik

Kampfansage

Al Joyner, Witwer der 1998 verstorbenen 100- und 200-Meter-Weltrekordhalterin Florence Griffith-Joyner, will im Fall einer Zurücksetzung der Weltrekorde sogar rechtliche Mittel prüfen. Die Bestmarken von "Flo-Jo" von 10,49 Sekunden (100 Meter) und 21,34 (200 Meter) aus dem Jahr 1988 sind bis heute unerreicht. "Das entehrt meine Familie. Ich werde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren", sagte der Dreisprung-Olympiasieger von 1984 dem "Wall Street Journal": "Ich werde jeden juristischen Weg nutzen, den ich finden kann. Ich werde dafür kämpfen, als ob ich für eine olympische Medaille trainieren würde."

 "Es ist richtig, dass es im Einzelfall zu Ungerechtigkeiten führen kann", räumte DLV-Präsident Prokop ein: "Ich glaube, letzten Endes kann man nur an die Solidarität der betroffenen Athleten appellieren und sie um Verständnis bitten, dass eine Neuregelung der Rekorde nur funktionieren kann, wenn einige Athleten letztendlich vielleicht ungerecht behandelt werden."

ck/sn (sid)

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