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Kultur

Aids in Indien: Die Angst vor der Wahrheit

Indien weist weltweit nach Südafrika und Nigeria die dritthöchste HIV-Infektionsrate auf. Besondere Sorge bereitet die Zunahme der HIV-positiven Schwangeren und Neugeborenen. Beratungen sollen nun helfen.

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Scham und Angst spielen eine große Rolle

Nach konservativen Schätzungen liegt das Übertragungsrisiko von Mutter zu Kind bei 30 Prozent, das heißt pro Jahr werden etwa 30.000 Kinder mit dem HI-Virus infiziert. Der westindische Küstenstaat Maharashtra mit der Millionenmetropole Bombay hat deshalb Maßnahmen ergriffen, um die drohende Aids-Epidemie einzudämmen. Im Vordergrund steht dabei die Verhütung einer HIV-Übertragung von Mutter zu Kind. Dafür wurden neue Beratungsstellen eingerichtet.

Die Unterschicht ist auf dem Weg ins Krankenhaus

Aids krankes Kind in Indien

Junge im Akankshya-Waisenhaus, Delhi

Der aufstrebende Stadtteil Mulund liegt auf dem Weg ins Zentrum Bombays. Auf acht Gleisen rattern die Vorortzüge durch das dicht bewohnte Viertel. Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt befindet sich das örtliche Krankenhaus. Hinter der vom Monsunregen ausgewaschenen hellgrünen Fassade führt eine Treppe in den Seitenflügel der Klinik. Eine große rote Schleife, das weltweite Symbol der Aids-Aufklärung, kennzeichnet die hiesige Beratungsstelle. Sie steht jedem offen - Leuten aus der Nachbarschaft, aber auch den Bewohnern anderer Stadtteile.

Meistens gehören die, die sich hier testen lassen, der Unterschicht an. Zuständig für die Beratungen sind zwei Psychologinnen. Eine von ihnen ist Poonam Nagara. "Sie kommen, nachdem sie ungeschützten Sex hatten, und sich dann der Gefahr von HIV und Aids bewusst werden und Angst bekommen. Sie wollen wissen, herauszufinden, ob sie HIV-positiv sind."

Eine Frage des Geldes

In jüngster Zeit kommen jedoch auch immer mehr Schwangere zu den kostenlosen Beratungen und Bluttests. Nicht ganz freiwillig, erklärt Hemangi Sarode, die zweite Psychologin im Team: "Nach dem Gesetz muss jede Schwangere an einer HIV- und Aids-Beratung teilnehmen. Vor dem obligatorischen Bluttest laden wir sie zu einem Einzel-Gespräch ein, sammeln Informationen über sie, ihren Ehemann, ihr Sexualleben, Art der Verhütung und so weiter. Daran können wir bereits einschätzen, ob sie HIV-positiv ist."

Das Übertragungsrisiko von Mutter zu Kind liegt bei 30 Prozent

Das Übertragungsrisiko von Mutter zu Kind liegt bei 30 Prozent

Sarode beobachtet in jüngster Zeit eine dramatische Zunahme von HIV-Infektionen bei Schwangeren. Die Gefahr, dass die Mütter das Virus an ihre Kinder weitergeben, ist vor allem bei der Geburt sehr groß, doch auch danach bleiben Risiken. So liege beispielsweise das Übertragungsrisiko beim Stillen bei bis zu zwanzig Prozent, bei der Verabreichung von Babynahrung hingegen sei das Übertragungsrisiko gleich Null. Doch Babynahrung sei für viele Mütter einfach zu teuer - der Schutz vor Aids wird damit zu einer Frage des Geldes. "Trotz des Risikos entscheiden sich die meisten für das Stillen", sagt Sarode.

Nach sechs Monaten wird das Kind abgestillt. Doch dieser Zeitpunkt bedeutet für viele Mütter auch das Ende ihrer Beratung: "Diese Frauen kommen nie zur Folgebehandlung, weil wir nach sechs Monaten das Blut des Neugeborenen auf HIV testen müssen", sagt Sarode. Die Mütter hätten Angst, sie wollen nicht der Tatsache ins Auge blicken, dass ihr Kind HIV-positiv sein könnte. "Also kommen sie einfach nie wieder zu uns zurück."

"Nicht das Ende des Lebens"

Doch Resignieren kommt für die beiden jungen Frauen nicht in Frage: Sarodes Kollegin Poonam Nagara ist überzeugt davon, dass sie einen positiven Einfluss auf die Mütter haben. "Wir müssen sie ausführlich beraten, damit sie erkennen, dass AIDS nicht das Ende ihres Lebens darstellt", sagt Nagara. Wie lange sie noch zu leben haben, liegt auch in ihren Händen. "Sie müssen auf ihre Ernährung, auf ihre Gesundheit, Kontakte und Beziehungen Acht geben. Wir helfen ihnen, ihren Alltag zu erleichtern, damit sie ein gutes Leben führen können."

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