Aids-Beratung für Flüchtlinge: Let′s talk about sex! | Deutschland | DW | 18.03.2018
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Flüchtlinge

Aids-Beratung für Flüchtlinge: Let's talk about sex!

Ohne Dildo, aber mit Kondom: So geht sexuelle Aufklärung von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Wie über Aids und HIV in Erstaufnahmelagern in Deutschland gesprochen wird, berichtet aus Zirndorf Astrid Prange.

Ein gängiges Klischee sagt: Mit Flüchtlingen kann man nicht über Sex reden. Nicole Ziwitza von der Aids-Beratung Mittelfranken hat andere Erfahrungen gemacht. Seit 17 Jahren macht sie Aids-Beratung in Nürnberg. Seit drei Jahren geht sie mit Unterstützung der Deutschen Aids-Stiftung für HIV-Prävention in Flüchtlingsheime.

Einmal im Monat ist die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf bei Nürnberg dran. Nicole Ziwitza und die Dolmetscher von der Aids-Beratung Mittelfranken sprechen Asylbewerber in der Einrichtung direkt an und bitten sie in die Cafeteria.

Die Prävention in Zirndorf verläuft anders als an Schulen oder in Kultureinrichtungen. Sie kommt ohne Dildo und Beamer aus. Es gibt auch keinen Lehrer, der Vorträge hält. Die Asylbewerber besprechen das sensible Thema sozusagen unter sich - moderiert von ehrenamtlichen Dolmetschern der Aids-Beratung, die selbst Flüchtlinge waren oder noch sind.

"Für mich war alles neu"

Deutschland HIV-Aufklärung für Flüchtlinge | Moustafa Mohamad (DW/Aasim Saleem)

Dolmetscher Moustafa Mohamad aus dem syrischen Kobane: "Manchmal verteilen wir einfach Broschüren"

Moustafa Mohamad ist einer von ihnen. Der 29-Jährige flüchtete vor zweieinhalb Jahren aus Syrien nach Deutschland und verbrachte knapp zwei Monate in Zirndorf. Als anerkannter Asylbewerber spricht er mit seinen Landsleuten in Zirndorf über Aids und andere Themen.

"Ich hatte damals auch HIV-Aufklärung. Für mich war alles neu", erinnert sich Moustafa Mohamad. "Ich wusste zwar, dass es die Immunschwächekrankheit gibt, aber ich wusste nicht, wie man sich mit HIV infiziert."

Drei Männer aus Syrien sitzen mit Moustafa Mohamad am Tisch. Als er seinen Schnellhefter mit den Info-Blättern herausholt, auf denen die tödlichen Viren ebenso wie Kondome als Comic-Zeichnungen dargestellt sind, steht einer von ihnen auf. Er schüttelt den Kopf und verlässt wortlos die Cafeteria.

Aids im Nahen Osten - ein ungewohntes Thema

Die anderen beiden Männer bleiben sitzen. "Es ist manchmal schwer, Flüchtlinge aus Syrien davon zu überzeugen, dass HIV-Aufklärung wichtig ist, zum Beispiel jetzt", räumt Mohamad ein. "Ich habe nur gesagt, wir sind von der Aids-Beratung, aber der Mann will nicht mit uns sprechen."

Sein Landsmann Mohamed Abid, der sitzen geblieben ist und sich für die Aufklärung interessiert, pflichtet ihm bei. "Viele Leute denken, Aids ist im Nahen Osten kein Thema, weil voreheliche Beziehungen nicht erlaubt sind", sagt er. "Aber das stimmt nicht. Es passiert, es spielt sich alles im Geheimen ab."

Am Nebentisch ist die Stimmung derweil gut. Der 21-jährige Dolmetscher Ahmad Amini aus dem Iran packt Kondome aus und legt sie auf den Tisch. Gelächter. Nach anfänglichem Zögern greifen alle zu. Ahmad Amini legt nach. Auch er floh vor ein paar Jahren nach Deutschland. Als Kind afghanischer Eltern im Iran galt er als staatenlos.

Deutschland HIV-Aufklärung für Flüchtlinge (DW/Aasim Saleem)

Begehrt: In einer der Gesprächsrunden sind die Kondome schnell vergriffen

Elf Asylbewerber aus dem Iran sitzen mit Ahmad Amini am Tisch und diskutieren lebhaft. Wortfetzen wie "HIV" und "Sex" durchdringen den Sprachfluss in Farsi. "Im Iran gibt es Aids-Kranke, aber das Thema wird verschwiegen", sagt Flüchtling Milad Salamat. "Doch für uns ist das kein Kulturschock, wir sprechen gerne über die Realität."

Als Dolmetscher Ahmad Amini über Therapien für Aids-Kranke in Deutschland spricht, wird es kurz still am Tisch. "Von den Medikamenten-Cocktails, mit denen man sich behandeln lassen kann, wussten wir nichts", meint Milad Salamat.

Fluchtgrund HIV

Deutschland HIV-Aufklärung für Flüchtlinge | Nicole Ziwitza (DW/Aasim Saleem)

"Wir zwingen niemanden": Nicole Ziwitza, Aids-Beratung

Andere Asylbewerber schon. Auch die Hoffnung auf medizinische Behandlung kann ein Fluchtgrund sein. "Es kommen Menschen, die bereits wissen, dass sie HIV-infiziert sind und die in ihren Herkunftsländern keine Versorgung mit Medikamenten bekommen", bestätigt Beraterin Ziwitza. 

Bayern lässt als bisher einziges Bundesland alle neu angekommenen Flüchtlinge auf HIV testen. Die umstrittene Gesundheitsprüfung hat sich für einige als Glücksfall erwiesen. Denn die Diagnose eröffnet hierzulande die Hoffnung auf eine lebensrettende Behandlung.

Die Statistik der Gesundheitsprüfung in Mittelfranken zeigt allerdings, dass die vielen neu angekommenen Flüchtlinge die Zahl der HIV-Infektionen nicht in die Höhe getrieben haben. 2014 gab es 93 Neuinfektionen in der Region, 2015 waren es 101 Fälle und 2016 insgesamt 84 Diagnosen. Zum Vergleich: Die Neuinfektionen auf nationaler Ebene liegen seit Jahren konstant bei rund 3500 Fällen.

Deutschland HIV-Aufklärung für Flüchtlinge (DW/Aasim Saleem)

Tröstlich: Dank medizinischer Fortschritte ist die Diagnose "HIV positiv" in Deutschland kein Todesurteil mehr

Religiöse Barriere

Bei der kurzen Begegnung zwischen Asylbewerbern und mittlerweile anerkannten Flüchtlingen, die als Dolmetscher arbeiten, wird klar, dass HIV-Aufklärung auf geteiltes Interesse stößt, aber niemals an der sprachlichen Verständigung scheitert. Auch an dem kleinen Tisch mit syrischen Flüchtlingen in der Cafeteria in Zirndorf können Welten aufeinanderprallen.

Dolmetscher Moustafa Mohamad ist überzeugt: "Das hat auf jeden Fall etwas mit dem Bildungsgrad und der Mentalität zu tun." Bei frommen Flüchtlingen, "die immer in die Moschee wollen", sei es schwieriger. "Ich bin Kurde. Den Syrern, die ich kenne, ist Religion nicht wichtig", fügt er hinzu.

Auch Deutsche konfrontieren Aids-Beraterin Nicole Ziwitza zuweilen mit Vorbehalten. Zum Beispiel, wenn sie Gemeinschaftsunterkünften eine HIV-Prävention anbietet. Häufig winkten die Mitarbeiter ab. HIV-Prävention sei unnötig, so die Einstellung.

Ziwitza nimmt es gelassen: "Die Schulungen sind freiwillig. Wir zwingen niemanden. Viele Deutsche sagen: Oh nee, Sex, man kann doch mit den Leuten nicht über Sex reden." Die Flüchtlinge selber, fügt Ziwitza hinzu, hätten diese Haltung eher selten.

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