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Kultur

Ai Weiwei und China - was nun?

Der Künstler Ai Weiwei kämpft für Menschenrechte und gegen die Willkür der chinesischen Regierung. Gerade wurde er verhaftet. Die Kultur-Politikerin Monika Grütters (CDU) im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Kunstwerk von Ai Weiwei auf der documenta 12 (Foto: Courtesy the artist; Galerie Urs Meile, Beijing–Lucerne)

Symbolisch? Installation von Ai Weiwei auf der documenta 12

Deutsche Welle: Frau Grütters, nach der Verhaftung von Ai Weiwei am 3. April haben die Regierungen vieler Länder heftig protestiert und die Freilassung des chinesischen Künstlers gefordert. Wie schätzen Sie dieses Vorgehen der chinesischen Regierung ein?

Monika Grütters: Also, wir sind natürlich erschrocken, enttäuscht auch, weil gerade Deutschland das Land war, was als erstes ein Kulturinstitut dort vor elf Jahren errichten durfte. Da die Gleichzeitigkeit mit der Eröffnung der Ausstellung zur "Aufklärung" natürlich besonders brüskiert, sind wir auch schockiert darüber, wie hemmungslos dieses kommunistische Regime vorgegangen ist. Das ist auch eine Beleidigung unseres Außenministers, der gerade noch dort war. Aus diesem Grunde hat er den Botschafter dann auch einbestellt.

Im Fernsehen war seine Stellungnahme auf die Reaktion der chinesischen Regierung zu hören. Das klang ziemlich moderat. Glauben Sie, schärfere Worte könnten eine Veränderung im Sachverhalt bringen?

Das ist nicht mein Stil; deshalb glaube ich auch nicht, dass das jetzt angebracht wäre. Sondern ich glaube, dass wir mit dieser Ausstellung zur "Aufklärung" ein Angebot zum Dialog geschaffen haben. Wer den Dialog will, muss ihn jetzt auch führen. Das ist genauso ein Appell an uns. Auch mit denen, die Ateliers verwüsten. Wobei ganz klar gemacht werden muss: Wer Ateliers verwüstet, verwüstet auch die Seelen der Menschen, die damit betroffen sind. Deutlich wird auch, welchen Respekt die Chinesen vor der Kraft der Kultur haben. Künstler sind Exponenten einer Gesellschaft, Projektionsfläche. Aber natürlich auch in besonderer Weise zur Kommunikation befähigt. Dass die Chinesen ausgerechnet ihren bekanntesten Künstler vor den Augen der gesamten Welt verhaften und kein Lebenszeichen mehr senden, das ist schon besonders deutlich und wirklich schockierend.

Einige Parlamentarier forderten, man solle die Anfang April eröffnete Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" in Peking abbrechen. Hier beteiligen sich ja drei große deutsche Museen. Wie ist denn Ihre Meinung dazu?

Monika Grütters, Vorsitzende Kulturausschuss im Deutschen Bundestag (CDU) - Foto: dpa

Monika Grütters

Meine Meinung ist, dass gerade wir Deutschen aus unserer eigenen Geschichte gelernt haben. Auch wir hatten Diktatoren auf deutschem Boden im letzten Jahrhundert. Die Lehre aus den Abgründen unserer eigenen Geschichte ist, dass wir, mehr als jedes andere Land, aber auch deutlich nach innen und außen auf die Freiheit der Kunst setzen. Wir haben das sogar in unserem Grundgesetz Artikel fünf verbrieft. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Der Staat fördert diese Freiheit mit einer auskömmlichen Finanzierung. Wir haben deshalb nicht nur unser kulturelles Erbe verwaltet, sondern machen immer wieder auch Avantgardistisches möglich, indem wir den Künstlern erlauben, zu experimentieren. Sie dürfen auch mal scheitern, denn nur so wird Fortschritt möglich. Diese Haltung hat uns wieder zurück gebracht hat in die Weltgemeinschaft der Völker; und diese Haltung werden wir in aller Form sehr selbstbewusst, aber auch strikt in China mit dieser Ausstellung verteidigen. Haltung zeigen, Vorbild sein, Eindruck machen. Das ist, glaube ich, wichtiger als jetzt mit scharfen Worten zu reagieren. Ich glaube nicht, dass wir mit Eingeständnissen an die Ausstellung, mit dem Abziehen von Exponaten, dem Reduzieren des Begleitprogramms, vielleicht sogar dem Schließen der Ausstellung, diese Haltung verteidigen können. Im Gegenteil: dann hätten wir uns dem Stil der Diktatoren dort gebeugt. Das halte ich auf jeden Fall für falsch.

Diese Ausstellung ist ja nicht gemacht für das chinesische Regime, sondern für die chinesische Bevölkerung. Wozu kann man jetzt diese Ausstellung in Peking benutzen?

Wir versuchen gerade, mit unserem Kulturengagement im Ausland in den hermetischen Gesellschaften etwas zu erreichen, wo Politik und Diplomatie nicht mehr greifen. Nämlich dorthin vorzudringen, wo es besonders eng geworden ist, wo die Verhältnisse sich verhärtet haben. Wir haben in Nordkorea eine Bibliothek, in Afghanistan Mädchenschulen gebaut; wir waren zuletzt im Iran mit einer Delegation in Teheran und haben die Verträge mit dem DAAD und dem Deutschen Archäologischen Institut erneuert; wir haben im Irak großflächige Deutschangebote an Schulen und Hochschulen. Das alles sind unsere Anstrengungen und unser deutsches Angebot an die Mechanismen, die vor allen Dingen die Menschen erreichen sollen und - wie Sie zu Recht sagen - eben nicht an die Politik und an die Administration gerichtet sind. Aber wir erreichen dieses Ziel ja auch! Die Botschaft ist, wir lassen die Menschen in solchen hermetischen Gesellschaften einfach nicht allein. Wir verteidigen natürlich Werte wie Freiheit, Toleranz, Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte. Die nur so auch in die Köpfe und Herzen der Menschen gelangen können. Man sieht in Nordafrika, dass das in der langen Strecke der Bewusstseinsbildung auch wirkt.

Das Gespräch führte Conny Paul
Redaktion: Claudia Unseld