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Asien

Afghanistans Elite auf der Flucht

Schlechte Wirtschaftslage und extremistische Bedrohung lähmen Afghanistan. Aber nur wer über die nötigen Ressourcen und Verbindungen verfügt, schafft den Sprung nach Europa. Der Rest strandet in Pakistan und Iran.

Mehr als 30 Jahre lang kamen die meisten Flüchtlinge weltweit aus Afghanistan, laut Statistiken des UNHCR wurde es erst im vergangenen Jahr von Syrien aus dieser Spitzenreiterposition verdrängt. Die lange Kette von Kriegen, Unrechtsregimen und Terror trieb, vor allem in den 90er Jahren, bis zu sechs Millionen Afghanen aus dem Land.

Sie flohen vor der sowjetischen Invasion 1979, dem kommunistischen Regime und nachfolgenden Bürgerkrieg und der Taliban-Herrschaft. Den Flüchtlingsstrom brachten aber auch die internationalen Truppen nicht vollends zum Stehen, als sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 das Land endlich stabilisieren sollten. Die Afghanen mussten erleben, dass auch die ausländischen Soldaten den Terror nicht niederkämpfen konnten.

Trotz der hoch subventionierten Rückführungsprogramme der UN leben noch immer 2, 7 Millionen afghanische Flüchtlinge im Ausland. Wer es aus den zahllosen lokalen Krisenherden nur in die nächste größere afghanische Stadt geschafft hat, ist dabei nicht mitgezählt. Der UNHCR schätzt die Zahl dieser Binnenflüchtlinge auf 683.000.

Afghanische Flüchtlinge werden aus dem Iran abgeschoben (Foto: picture-alliance/Tom Koene)

Afghanische Flüchtlinge werden aus dem Iran abgeschoben

Aufgegeben und in Berlin gelandet

Über 90 Prozent der Flüchtlinge stranden in den Lagern im östlichen Nachbarland Pakistan oder verdingen sich als Parkwächter, Gärtner oder Hausangestellte im Iran auf der Westseite, oft illegal und in ständiger Angst, abgeschoben zu werden. Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge hat die finanziellen Ressourcen, persönlichen Verbindungen und die Gelegenheit, den Sprung nach Europa und die USA zu wagen. Gewöhnlich stammen diese aus den gut ausgebildeten Eliten im Land - lokale Mitarbeiter ausländischer Organisationen, Akademiker, Medienmacher, auch Verwaltungsleute aus den verschiedensten Regierungsebenen.

Sharmila Hashimi hat sich bereits vor zwei Jahren entschieden, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Die Sprecherin des Gouverneurs der westafghanischen Provinz Herat und ihr Ehemann, der mit ihr zusammen ein Ausbildungszentrum für Journalisten leitete, waren den Taliban ein Dorn im Auge. Die beiden fühlten sich bedroht. "Also beschlossen wir, das Zentrum zu schließen und das Land zu verlassen." Sie knüpften Kontakte zu Schleppern und fanden sich auf dem Weg nach Deutschland wieder. "Wir hatten keine Ahnung, wohin es gehen würde, aber schließlich kamen wir irgendwie an", sagte Sharmila nach ihrer Ankunft in Berlin.

Dolmetscher der Bundeswehr 2011 im Einsatz an einem Kontrollposten (Foto: picture-alliance/dpa)

Ein Dolmetscher der Bundeswehr 2011 im Einsatz an einem Kontrollposten (2.v.r.): Trotz Maskierung kennen die Taliban die vermeintlichen "Spione der Ausländer"

Bedrohte Ex-Mitarbeiter der NATO-Truppen

Die vielleicht bekannteste Gruppe, die das Land verlassen will, sind die ehemaligen Dolmetscher und andere zivile Mitarbeiter der abziehenden ausländischen Truppen. Rund 60 Prozent der Asylanträge, die afghanische Mitarbeiter der Bundeswehr bis April 2014 gestellt hatten, wurden allerdings abgelehnt.

In den Augen der Taliban sind Bundeswehrhelfer Kollaborateure, wie Alilullah aus Kundus berichtet. "Eines Abends, als ich mit meiner Familie zusammensaß, erhielt ich einen Anruf", erinnert sich der junge Afghane. "Eine unbekannte Nummer. Ein Mann sagte auf Paschtu: Du arbeitest als Übersetzer und Spion für die Ungläubigen, für die Ausländer, die uns bekämpfen. Das ist ein Verbrechen. Du hast jetzt die Chance, bei uns mitzumachen und gegen die Deutschen und die Regierung zu kämpfen."

Aliullah lehnte ab - und fürchtete um sein Leben. Seine Familie machte sich Sorgen um ihn, er selbst verließ kaum noch das Haus und blieb unversehrt. Sein Freund und Kollege Wafa hatte weniger Glück. Der 25-Jährige arbeitete ebenfalls für die Deutschen in Afghanistan. Im November 2013 wurde Wafa erdrosselt im Kofferraum seines Autos gefunden.

Afghanischer Flüchtling im pakistanischen Peshawar (Foto: Reuters/F. Aziz)

Afghanischer Flüchtling im pakistanischen Peshawar mit Aufenthaltserlaubnis bis Dezember 2015 und ungewisser Zukunft

Wachsende Bedrohung und schlechte Perspektiven

Es gibt gute Gründe, das Land zu verlassen, auch ohne gezielte Bedrohung. Anschläge häufen sich und die Militäraktionen als Reaktion darauf. Im letzten Jahr hat es dabei so viele zivile Opfer gegeben wie noch nie seit Beginn der systematischen Erhebung im Jahr 2009. Die Zahl der zivilen Opfer des Konflikts ist laut UN im vergangenen Jahr um 22 Prozent gestiegen. 2014 wurden demnach fast 4000 Zivilisten getötet. Mitte April diesen Jahres bekannte sich erstmals der "Islamische Staat" zu einem Selbstmordanschlag in Ostafghanistan. Eine Woche später kündigten die Taliban eine neue Frühjahrsoffensive gegen die schlecht ausgerüstete afghanische Armee an.

In Kabul sitzt derweil eine schwache Regierung mit zwei widerstreitenden Fraktionen, die es auch nach mehr als einem halben Jahr seit der Präsidentschaftswahl nicht geschafft hat, die Spitze des Verteidigungsministeriums zu besetzen. Ausgerechnet die Weltbank als ehemaliger Arbeitgeber des neuen Präsidenten stellt ihm ein schlechtes Zeugnis aus: 36 Prozent der Afghanen leben unter der Armutsgrenze. Das Wirtschaftswachstum fällt stetig - von rund neun Prozent in den Jahren 2003-12 auf zwei Prozent im vergangenen Jahr. Und lokale Medien im Land berichten, dass mehr als ein Drittel aller Afghanen ohne Arbeit seien.

Angesichts dieser Situation gibt es nur wenig Perspektiven, auch für gut ausgebildete Afghanen. Gute Verbindungen und die richtige ethnische Zugehörigkeit sind oft wichtiger als jede Qualifikation. Doch viele Afghanistan-Flüchtlinge in Europa sind sich der Kehrseite ihres Handelns durchaus bewusst. Denn jeder Intellektuelle, der geht, fehlt für den Aufbau eines modernen Afghanistan. “Wir sind in einem Dilemma“, sagt Pedram Torkam, der in Schweden um Asyl gebeten hat. "Man kann den Verlust von akademischer und kultureller Stärke in einem Land vergleichen mit einem Auto, das keinen Fahrer hat."

Unter Mitarbeit von Anne Allmeling und Waslat Hasrat-Nazimi

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