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Welt

Kommentar: Jetzt muss Ghani regieren

US-Präsident Obama und sein afghanischer Amtskollege Ghani haben in Washington die Beziehungen beider Länder wieder auf Grün gestellt. Ein überfälliger Schritt, meint Michael Knigge.

Wie zerrüttet das Verhältnis zwischen den USA und Afghanistan noch vor wenigen Monaten war, verdeutlicht nichts besser als die Abschiedsrede von Ashraf Ghanis Vorgänger Hamid Karsai. Darin gab der scheidende Präsident noch einmal seine tiefe Abneigung gegenüber US-Präsident Barack Obama und dem Westen zu Protokoll. Seinem Nachfolger riet er, sehr wachsam gegenüber Amerika und dem Westen zu sein. Denn nur wenn Washington wolle, so Karsai, werde es auch Frieden in Afghanistan geben.

Nur wenige Monate zuvor hatte Karsai Russlands Annexion der Krim gutgeheißen - ohne klares afghanisches Eigeninteresse und just vor einem Treffen Obamas mit den Europäern zur Ukraine-Krise. Spätestens damit war das Tischtuch zwischen Karsai und Obama endgültig zerschnitten.

Mit Karsais Nachfolger Ashraf Ghani, einem langjährigen Weltbank-Manager mit Doktortitel in Anthropologie, wagt Washington jetzt den Neubeginn. Und allein der Körpersprache und dem Umgangston zwischen Ghani und Obama auf der Pressekonferenz nach zu schließen, scheint die Chemie zwischen beiden Präsidenten zu stimmen.

Porträt Michael Knigge (Foto: DW/ P. Henriksen)

DW-Redakteur Michael Knigge

Doch schon vor dem heutigen Treffen im Weißen Haus waren die Vorzeichen auf beiden Seiten vielversprechend. Ghani hatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine wichtige Hürde aus dem Weg geräumt, indem er das afghanisch-amerikanische Sicherheitsabkommen unterzeichnet hatte. Karsai hatte dies beharrlich verweigert. Im Gegenzug willigte Obama nun in Washington ein, das Tempo des geplanten Abzugs amerikanischer Kampftruppen aus Afghanistan zu drosseln: Die USA werden bis Ende des Jahres doppelt so viele Soldaten im Land behalten wie ursprünglich geplant. Damit bekommt Ghani wie gewünscht mehr Spielraum, um die weiterhin prekäre Sicherheitslage im Land zu stabilisieren. Dies ist auch bitter nötig, doch die Zeit drängt. Denn auch wenn Obama den Zeitplan des US-Truppenabzugs aus Afghanistan geändert hat, an der Erfüllung seines zentralen Wahlkampfversprechens hat er nie einen Zweifel gelassen: Bis Ende seiner Amtszeit will er alle Kampftruppen aus Afghanistan nach Hause holen.

Von der Theorie zur Praxis

Jetzt, da die Chemie zwischen Washington und Kabul wieder stimmt, kann und muss sich Ghani an die eigentliche Herkulesaufgabe seiner Amtszeit machen: Afghanistan braucht endlich eine Regierung, die diesen Namen auch verdient. Rund sechs Monate nach seiner Wahl ist Ghanis Kabinett noch immer nicht komplett. Zwar ist dies sicher auch der schwierigen Aufgabenteilung zwischen Präsident Ghani und Abdullah Abdullah, seinem früheren Kontrahenten und jetzigem Chief Executive, geschuldet.

Aber Ghani und Abdullah müssen nun liefern, wollen sie nicht das gerade wiedergewonnene Vertrauen Washingtons und Europas aufs Spiel setzen. Denn wie, so werden sich sonst nicht nur externe Beobachter schon bald fragen, will Ghani das Land befrieden, wenn nach einem halben Jahr noch nicht einmal das Regierungsteam steht. Zumal es auch bei den von Ghani avisierten Verhandlungen mit den Taliban bislang bei Ankündigungen geblieben ist.

Mit seinen Antrittsbesuchen - zuerst in Pakistan und China und jetzt in den USA - hat Ghani seine außenpolitischen Hausaufgaben gemacht und die Beziehungen des Landes zu seinen wichtigsten Partnern repariert. Nach seiner Rückkehr aus den USA muss er nun aber auch endlich die innenpolitischen Herausforderungen angehen. Wie das theoretisch geht, hat Ghani in seinem 2009 erschienenen Buch "Fixing Failed States" detailliert beschrieben. Jetzt muss er beweisen, dass er sein Wissen auch praktisch umsetzen kann.

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