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Kultur

Adoptivkinder als Handelsware

Jeden Tag werden in Ländern der so genannten Dritten oder Zweiten Welt Kinder geboren, die niemand will. Ihre einzige Chance: die Adoption. Doch die ist mittlerweile zu einem lukrativen Geschäftszweig verkommen.

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Möchtegern-Eltern würden Tausende Dollar zahlen

Adoptivbabys sind heiß begehrt. Gerade in den westlichen Industriestaaten, in denen mehr und mehr Paare unfreiwillig kinderlos bleiben. Aber die Anforderungen der offiziellen Vermittlungsstellen sind streng. Darüber hinaus übersteigt die Zahl der Bewerber das Angebot an Adoptivkindern um ein Vielfaches, sagt Bernd Wacker, Adoptionsexperte der Menschenrechtsorganisation Terres de Hommes.

Bewerber wollten nicht nur ein gesundes Kind, berichtet er: "Sie wollen ein möglichst hellhäutiges Kind, ein Kind natürlich ohne Behinderung, sie wollen vor allem keine Geschwistergruppen, sie wollen kein älteres Kind." Das schließe viele Kinder von vornherein aus.

Im Internet kontrolliert niemand

Logo von Terres des hommes

Das Logo von Terres des hommes

Diese Marktlücke wird andernorts bedient - zum Beispiel übers Internet oder durch private Agenturen. Die meisten sitzen in den USA, wo Adoption keiner staatlichen Kontrolle unterworfen ist. Im Internet finden sich Tausende Angebote: ein Foto und ein kurzer Steckbrief - deklariert als Sonderangebot, rasch und ohne bürokratische Hürden erhältlich.

Bis zu 30.000 Dollar lassen sich manche Eltern einen gesunden Säugling kosten. Hauptlieferanten sind Guatemala, China, Südkorea und vor allem Russland und die Ukraine. Verschwiegen werde, wie die Vermittler zu den Kindern kommen, sagt Rolf Bach, Leiter der gemeinsamen zentralen Adoptionsstelle in Hamburg: "Überall, wo die Nachfrage groß ist aus den Industrienationen, wird in den Heimatländern der Kinder natürlich versucht, ein entsprechendes Angebot gelegentlich auch auf kriminellem und illegalem Weg zu organisieren." Eine lukrative Form des Kinderhandels, sagt Bach.

Entweder Klavier oder Adoption

Egal, ob in Zentralamerika und Asien oder in den postkommunistischen Staaten Ost- und Südosteuropas: Die maroden Gesellschaften bieten den Händlern ideale Vorausetzungen - überdurchschnittlich arme Bevölkerung, schlechte soziale Infrastruktur, geringe Akzeptanz allein erziehender Mütter. Meist sind Behörden und Staatsangestellte in den Adoptionshandel verwickelt.

Korruption ist in solchen Ländern das größte Problem. "Ein ganz konkreter Fall war, dass ein Richter in der Ukraine gesagt hat: 'Meine Kinder benötigen ein neues Klavier für den Musikunterricht. Ich kann mich entweder um das Klavier kümmern oder um dein Adoptionsverfahren'", erzählt Bach. "Der Mann hat verstanden und hat der Dame ein Klavier besorgt."

Unterschreiben allein hilft nicht

Familie unter einem Baum

Die Eltern in spe wollen oft Familienidylle - Experten raten aber von Auslandsadoptionen ab

Seit 1993 existiert ein internationales Adoptionsabkommen - die Haager Konvention. Danach müssen zentrale Behörden aus Herkunfts- und Aufnahmeland gemeinsam prüfen, ob die Adoption allein dem Wohl des Kindes dient, ob kein Zwang ausgeübt wurde. Geld darf nur in Höhe einer minimalen Aufwandsentschädigung im Spiel sein.

Damit hat sich beispielsweise die Situation in vielen lateinamerikanischen Ländern erheblich gebessert. Allerdings hätten bisher nur 46 Staaten, darunter auch Deutschland, das Abkommen ratifiziert, sagt Bach – dazu gehörten weder die USA noch China, Russland oder die Ukraine. Doch auch wenn ratifiziert wurde: In vielen Ländern ist das Rechts- und Sozialsystem noch nicht in der Lage, das Übereinkommen umzusetzen. Rumänien hat nun, nach mehreren gescheiterten Versuchen, einen allgemeinen Adoptionsstopp eingeführt.

Glücklicher im Heimatland

Grundsätzlich raten viele Experten ganz von einer Auslandsadoption ab. Terre des Hommes vermittelt nur noch an Pflegefamilien im Heimatland des Kindes. Kinder wollen später wissen, wo sie herkommen, wo ihre Wurzeln liegen. Viele hätten in ihren Herkunftsländern Schlimmes erlebt, leiden an psychischen Spätfolgen - damit müssten Pflegeeltern umgehen können, sagt Wacker. "Es geht um Eltern für Kinder und nicht darum, inkomplette Familien, unfreiwillig kinderlose Paare mit dem ersehnten Nachwuchs aus der Fremde zu versorgen."

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