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Afrika

Ackerland im Angebot

Immer mehr afrikanische Staaten verkaufen Anbauflächen für Lebensmittel und Biosprit an Länder aus Asien und Nahost. Das ist nicht unumstritten: Madagaskars Präsidenten kostete der Ausverkauf schon das Amt.

Bauer (Foto: dpa)

Bauern bewirtschaften das Land, aber wem gehört es?

Madagaskars Präsident Marc Ravalomanana wollte 1,3 Millionen Hektar Land für 99 Jahre an den südkoreanischen Mischkonzern Daewoo zu verpachten. Das entspricht etwa der Hälfte des fruchtbaren Landes auf der Insel. Die Koreaner wollten vor allem Mais und Palmöl anbauen und nach Asien verschiffen. Bezahlen werde man dafür höchstens einen symbolischen Betrag, im Gegenzug würden bis zu 70.000 Arbeitsplätze geschaffen, ließ Daewoo Logistics verlauten.

Kaum war der Handel öffentlich, begannen die Proteste, die schließlich zum Sturz des Präsidenten führten. Sein Rivale und Nachfolger Rajoelina annullierte den Vertrag umgehend. Madagaskar ist kein Einzelfall, denn immer mehr afrikanische Länder bieten Investoren aktiv ihre Agrarflächen an. Zu den Interessenten gehören China, Südkorea, Japan, Saudi-Arabien und Kuwait. Sie suchen nach Flächen, auf denen sie Nahrungsmittel oder Biokraftstoffe für den heimischen Verbrauch anbauen können, da sie ihren wachsenden Bedarf nicht mehr selbst decken können.

Neuer Kolonialismus…

Marc Ravalomanana (Foto: AP)

Stolperte über Landverkäufe: Marc Ravalomanana

Experten der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO warnen angesichts dieser Entwicklung vor einem Neokolonialismus der reichen Nationen, berichtet die Wirtschaftszeitung "Handelsblatt". Den Schaden hat oft die einheimische Bevölkerung, kritisiert Sofia Monsalve von der Menschenrechtsorganisation FIAN. Bauern verlieren ihr Land und damit die Chance, sich selbst zu versorgen: "Was wir leider häufig beobachten, ist, dass wenn solche Investoren die Nutzungsrechte von diesem Land kriegen oder das Land kaufen, die Menschen, die darauf leben, einfach zwangsvertrieben werden, ohne sie zu entschädigen und ohne sie woanders anzusiedeln." Und das sei nach dem internationalen Menschenrechtspakt ein Verstoß gegen das Recht auf Wohnung und auf Nahrung, kritisiert sie.

Gerade die anscheinend ungenutzten Flächen sind oft wichtig für das Überleben von armen ländlichen Gemeinden. Diese brauchen sie zum Beispiel zum Grasen, zum Sammeln von Holz, medizinischen Pflanzen und Naturprodukten. Experten warnen vor Unruhen, wenn die Rechte der Kleinbauern nicht beachtet werden. So betont Monsalve: "Man müsste natürlich sehr genau gucken, wie diese Verträge geschlossen werden. Für uns gilt es, dass viele von diesen Ländern Mitglieder von den internationalen Menschenrechtspakten sind. Und die Menschenrechte von der lokalen Bevölkerung sollten geschützt werden, wenn diese Verträge geschlossen werden."

…oder sinnvolle Investitionen?

Frauen (Foto: www.das-fotoarchiv.com)

Auch scheinbar ungenutzte Flächen sind wichtig für die ländliche Gemeinden

Der Nahrungsmittelexperte des UN-Umweltprogramms, UNEP, Christian Nellemann, sieht auch potenzielle Vorteile für die afrikanischen Länder: "Die Tatsache, dass andere Länder Land pachten, kann auch zu einer Zunahme von Investitionen in den jeweiligen Ländern führen. Dies kann Arbeitsstellen schaffen, Gehälter erhöhen und ähnliches, was wiederum die Lebensmittelsicherheit in den Ländern erhöhen kann, die zur Pachtung von Land ausgewählt wurden."

Land in der landwirtschaftlichen Produktion sieht Nellemann genauso als Rohstoff an wie Holz oder Öl. Es sei wichtig, dass ein guter ethischer Standard eingehalten werde, so der Nahrungsmittelexperte: "Wenn es in einer transparenten Art und Weise ausgeführt wird und der Hauptaugenmerk auf die Investition in die Landwirtschaft und deren Ankurblung gelegt wird, dann ist es offensichtlich eine positive Sache. Aber es gibt keinen Grund, naiv zu sein. Ich meine, es ist sehr wichtig, sich beider Aspekte bewusst zu sein: Des potentiellen Nutzens, aber auch der Risiken, die damit einhergehen."

Das Beispiel Nigeria

Frau (Foto: dpa)

Bauern müssen einbezogen werden

Das westafrikanische Land Nigeria hat kürzlich mit Thailand vereinbart, bei Anbau und Verarbeitung von Reis zusammenzuarbeiten. Die Thailänder wollen rund 830 Millionen Euro investieren und damit die marode Landwirtschaft Nigerias ankurbeln. Abubakar Wore, Vorsitzender des Verbandes der Reisbauern, reagiert verärgert: "Als Farmer verfügen wir nicht über genügend Ausbildung, technisches Know-how. Wir haben kein Geld, keine Macht. So müssen wir immer darauf schauen, was die Regierung tut. Wir wissen, dass wir allein mit der Situation fertig werden können. Aber dass andere eingeladen werden, um uns zu helfen, heißt, dass wir unfähig sind."

Versprochene Gelder seien nie bei den Bauern angekommen oder es würden nur die Großbauern von staatlicher Hilfe profitieren, klagt Abubakar Wore. Der nigerianische Landwirtschaftsminister Abba Sayyadi Ruma reagiert auf solche Kritik mit Unverständnis: "Wir haben eine Menge Bauernvereinigungen, besonders von Reisbauern. Also, wenn irgendjemand sagt, er sei nicht einbezogen, dann ist sich dieser Bauer dessen nicht bewusst, oder er ist zu spät gekommen. Aber wir haben die Bauern darüber aufgeklärt. Wir haben alle Bauernvereinigungen im ganzen Land zusammengerufen, Landwirtschaftsbeauftragte aller Bundesländer inbegriffen, und wir haben über Wege diskutiert, die Bauern zu unterstützen."

Die Verantwortung der Regierungen

Experten sind sich einig, dass es noch zu früh sei, ein abschließendes Urteil darüber zu fällen, in welche Richtung sich die zunehmende Verpachtung afrikanischen Ackerlandes entwickeln wird. Wenn der Anbau auf Kosten von Umwelt- und Sozialstandards oder auf Kosten der Arbeitsplätze betrieben wird, wird auch der Rohstoff Agrarboden in alter Kolonialmanier ausgebeutet. Wenn dagegen Know-How und Infrastruktur der Regionen gestärkt werden, profitiert auch die Lokalbevölkerung. Doch die Verantwortung für die Verträge kann nur bei den Regierungen liegen, betont auch die FAO.

Autorin: Ilka Simon

Redaktion: Dirk Eckert

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