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Welt

Abwarten und Kokatee trinken

Bolivien hat blutige Zeiten im Antidrogenkampf erlebt. Die scheinen vorbei zu sein, seit Evo Morales regiert. Das ist ein Erfolg. Doch in der Praxis zeigt sich: Kokabauer Morales hat weniger verändert, als erwartet.

Kokabauer bei der Ernte

Bauer erntet Blätter des Kokastrauchs

Zu seinem 47. Geburtstag ist Evo Morales dorthin zurückgekehrt, wo sein sagenhafter Aufstieg zum ersten indigenen Präsidenten Boliviens begann, ins Chapare. Hier im zweitwichtigsten Koka-Anbaugebiet des Landes ist der Präsident noch heute der "Compañero Evo". Hunderte sind zum Sitz der sechs Federationen der Kokaproduzenten gekommen, jener Organisation, deren unumstrittener Anführer Evo Morales war. Sie ehren, lieben ihn, in den meisten Dörfern im Chapare haben mehr als 95 Prozent der Leute bei den Wahlen für seine Bewegung "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) gestimmt.

Evo Morales (3. v. l.) mit Weggefährten bei seinem 47. Geburtstag im Chapare

Evo Morales (3. v. l.) mit Weggefährten bei seinem 47. Geburtstag im Chapare

Hier braucht Evo keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen, es ist wie ein Familienfest, man kennt sich. Evo isst von der Geburtstagstorte, tanzt, singt, bedankt sich für die unzähligen Geschenke. Wie alle Ehrengäste bekommt auch er einen Kranz aus Kokablättern umgehängt. Am Ende des Abends werden viele den Kranz fast vollständig aufgekaut haben. "Picchar", das Kauen der Kokablätter, gehört hier zum täglichen Leben wie das Amen in der Kirche.

Kokapflanze soll vermarktet werden

"Wir unterstützen das Motto von Evo 'Koka ja, Kokain nein'", sagt einer der Kokabauern. "Wir wollen nicht, dass sie uns ständig als Drogendealer abstempeln." Die Morales-Regierung möchte erreichen, dass das Kokablatt als geschütztes andines Kulturerbe angesehen wird und nicht primär als Grundstoff für die Kokainherstellung. Die Kokapflanze soll als Tee, Medizin, Seife, Sirup, Wein, Kaugummi, Kekse, Salben oder Shampoo international vermarktet werden. Die Morales-Regierung hat jedoch bei der angestrebten Legalisierung der Kokapflanze bislang keine Fortschritte erzielen können. Der Kokastrauch steht nach wie vor wie die Substanzen Kokain und Heroin auf dem Index der UN-Drogenkonvention. Ein Export ist damit ausgeschlossen.

Versammlung von Kokabauern im Chapare

Versammlung von Kokabauern im Chapare

Im Chapare sind die Kokabauern dennoch zufrieden mit ihrem Präsidenten. "Vorher gab es hier einen blutigen Drogenkrieg mit Toten und Verletzten. Gelitten hat darunter stets der einfache Kokabauer, die wahren Drogenhändler blieben verschont", sagt der Bürgermeister von Villa Tunari, Feliciano Mamani Quispe. Die Wut der Bauern auf die US-Regierung ist heute noch groß. Die bolivianische Anti-Drogenpolitik war die vergangenen zwei Jahrzehnte von Washington aus ferngesteuert. Armee und Polizei gingen brutal gegen Kokabauer vor. Milliarden US-Dollar wurden investiert, vergebens. Die Kokainproduktion konnte nicht eingedämmt worden.

Vernichtung der Felder wird abgesprochen

"Bei der Zerstörung der Kokafelder hat es mit Morales einen Wechsel gegeben", sagt Delfin Olivera, Chef von UDESTRO, der Institution, die sich um technische Aspekte der Drogenbekämpfung kümmert. "Die Zerstörung wird zuvor mit den Bauern und den Syndikaten, in denen die Bauern organisiert sind, abgesprochen. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht". Die Bauern dürfen im Chapare pro Familien einen "Cato" Koka bewirtschaften. Darauf hatten sie sich 2004 mit der Regierung Carlos Mesa einigen können. Ein "Cato" ist eine indianische Maßeinheit von 40 auf 40 Meter. "Zum Amtantritt von Morales gab es im Chapare 11.000 Hektar Koka. Wir haben uns verpflichtet, 5000 bis Ende des Jahres zu vernichten. Das werden wir auch schaffen", sagt Olivera.

Kokamarkt im Chapare: Die Blätter werden für traditionelle Zwecken genutzt

Kokamarkt im Chapare: Die Blätter werden für traditionelle Zwecken genutzt

Das Chapare ist nach dem noch heute gültigen Anti-Drogengesetz 1008 von 1988 eine Anbauzone mit "Überschussproduktion im Übergang". Der Koka-Anbau ist hier streng genommen nicht legal, sondern nur geduldet. Er soll schrittweise reduziert werden und durch Alternativen ersetzt werden.

Traditioneller Konsum erlaubt

Legal ist laut Gesetz nur der Anbau von insgesamt 12.000 Hektar Koka in den tropischen Tälern der Yungas nördlich von La Paz. Damit soll der Bedarf von Kokablättern für traditionelle Zwecke gedeckt werden. Die Zahl beruht auf einer Studie von 1978. Eine neue Untersuchung ist schon lange überfällig. Die EU hat sich bereit erklärt die neue Bedarfsermittlung zu finanzieren. Doch die Morales-Regierung gibt sich zögerlich. Experten vermuten, der wahre Kokakonsum könnte geringer ausfallen als erhofft.

Kokaanbaugebiete in Bolivien. Quelle: UNODC

Koka-Anbaugebiete in Bolivien. Quelle: UNODC

Laut einem UN-Bericht wurden im Jahr 2005 25.400 Hektar Koka in Bolivien angebaut. Die Morales-Regierung bemüht sich Erfolgsdaten im Kampf gegen die Kokain-Mafia vorzulegen. 2006 wurde nach offiziellen Angaben bereits fast doppelt so viel Kokain beschlagnahmt wie im Vorjahr. "Der Antidrogenzar Felipe Cáceres weiß, dass er im Rahmen der Gesamtstrategie überzeugende Ergebnisse im Bereich des 'Kokain nein!' vorweisen muss, um Handlungsspielraum für eine Politik des 'Koka ja' frei zu machen", schreibt der Bolivien-Experte Robert Lessmann in einem Beitrag für das Buch "Lateinamerika im Umbruch", das im März 2006 von Herbert Berger und Leo Gabriel herausgegeben wird.

Für Lessmann, der bereits mehrere Regierungen in Fragen der Drogenbekämpfung beraten hat, gab es mit der Morales-Regierung zwar einen Paradigmenwechsel. Allerdings habe sich in der Praxis der Drogenpolitik weniger geändert als erwartet. So sei beispielsweise das höchst umstritten Drogengesetz 1008 weiter in Kraft. Geplant ist im Rahmen der verfassungsgebenden Versammlung über Modifizierungen des Gesetzes nachzudenken. Das kann dauern, denn die Diskussion über eine neue Verfassung ist festgefahren.

Obwohl Morales die Befürchtungen der US-Regierung nicht erfüllt hat, die Beziehungen bleiben gespannt. Die USA haben ihr Budget für die Anti-Drogenhilfe drastisch heruntergefahren. Als Morales im November 2006 einräumte, dass beträchtliche Mengen Koka aus dem Chapare an die Kokain-Mafia abgezwackt werden, machte er dafür indirekt die USA verantwortlich. Solange die Nachfrage nach Kokain aus den USA bestehe, werde sich an dem Problem nichts ändern, sagte. Ein gefährliche Provokation, denn selbst Morales ergebene Getreuen räumen ein: Ohne Finanzhilfe der USA läuft im Kampf gegen die Kokain-Mafia nichts.

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