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Europa

"Abtreibungsdrohne" für Polens Frauen

Im katholischen Polen ist Abtreibung weitgehend verboten. Eine Aktivistengruppe will die dortigen Frauen dennoch mit der Abtreibungspille versorgen - und zwar per Drohne. Louise Osborne berichtet aus Slubice.

Vier kleine Rotoren heben die Drohne durch die Luft über die Oder, den deutsch-polnischen Grenzfluss. Unten dran hängen mehrere Tabletten-Packungen. Der Inhalt: Abtreibungspillen für polnische Frauen, in deren Heimat Schwangerschaftsabbrüche nur unter ganz bestimmten Bedingungen erlaubt sind.

Die Drohne gehört "Women on Waves" (Frauen auf Wellen), einer niederländischen Nichtregierungsorganisation. In ihr treten Ärzte und andere Aktivisten für das Recht von Frauen zur Abtreibung ein. Sie lenken die "Abtreibungsdrohne" von Deutschland aus hinüber nach Polen in die Grenzstadt Slubice, um auf die restriktiven Abtreibungsgesetze in Polen aufmerksam zu machen.

Aufsehen erregende Aktion

Es ist das erste Mal, dass Women on Waves zwei Frauen in Polen mit Abtreibungspillen beliefert, und das erste Mal, dass sie eine Drohne benutzen. "Aber schon im Vorfeld wurden wir gebeten, eine solche Aktion auch in Irland durchzuführen", sagt die Gynäkologin Gunilla Kleiverda von Women on Waves. Im Gespräch sei auch, Abtreibungspillen per Drohne von Uruguay nach Brasilien zu bringen.

Obwohl die deutsche Polizei wegen der Aktion in Slubice ermittelt, war die Aktion erfolgreich. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bestätigt, dass die Pillen ihre Adressatinnen erreicht haben. In Frankfurt/Oder prüfen die Ermittlungsbehörden nun einen möglichen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. Der Flug selbst habe zwar keine Konsequenzen auf deutscher Seite, heißt es. Doch die verschickten Abtreibungspillen seien jedoch verschreibungspflichtig.

Eine der Adressatinnen ist die 30-jährige Marta aus Warschau. Sie war außer sich, als sie erfuhr, dass sie in ihrer Heimat nicht legal an solche Medikamente gelangen konnte. "Als würde meine Situation nicht schon genug Stress erzeugen, wird mir auch noch Verantwortungslosigkeit und Kontrollverlust unterstellt, weil ich ein Recht auf sichere und legale Abtreibung fordere", sagt Marta. "So sieht das die Öffentlichkeit in Polen, und das ist sehr verletzend."

Gynäkulogin Gunilla Kleiverda zeigt eine PAckgun Abtreibungspillen (Foto: L.Osborne)

Die niederländische Gynäkologin Gunilla Kleiverda setzt sich mit Women on Waves für das Recht auf Abtreibung ein

Restriktives Abtreibungsrecht

Das katholische Polen ist eines der wenigen europäischen Länder, in denen Abtreibung weitgehend verboten ist. Als Ausnahmen gelten nur bei einem Fötus mit starken Missbildungen, wenn Leben oder Gesundheit der Frau gefährdet sind oder wenn die Schwangerschaft auf eine Vergewaltigung oder Inzest zurückgeht.

Doch aus Angst vor Strafverfolgung lehnen viele Ärzte den Eingriff auch dann ab, wenn einer dieser Fälle vorliegt und die Abtreibung legal wäre, sagt Aktivistin Kleiverda: "Wir haben Belege dafür, dass Ärzte einem 14-jährigen Mädchen die Hilfe versagt haben, das vergewaltigt und dabei geschwängert worden war. Wir können das Gesetz nicht ändern, aber darauf aufmerksam machen. Und dann müssen die Menschen im Land selbst tätig werden."

Abtreibungsgegner wollen andere Lösung

Zunächst hatten Abtreibungsgegner angekündigt, die Drohne abzuschießen. Am Ende beschränkten sie sich auf eine gewalfreie Protestaktion. Etwa ein Dutzend Aktivisten mit Transparenten verteilte kleine Plastikföten.

"Ich verstehe, dass es sehr schwierig für die Frauen ist, aber auf der anderen Seite geht es um ein Leben, um ein Kind", sagt Teresa Skraburska von der Polnischen Katholischen Mission in Berlin. Sie hält ein Schild in der Hand, auf dem ein Frauenkörper mit einem gehängten Kind darin symbolisiert ist.

Es sei die Pflicht der Gesellschaft, sich um diese Frauen und Kinder zu kümmern, erklärt die Demonstrantin. Die Kinder könnten ja auch zur Adoption freigegeben werden, sagt sie: "Das Problem ist, dass es ein schwerer Eingriff ist und die Frauen so einfach an diese Tabletten gelangen. Der Staat ist dafür verantwortlich, dass diese Frauen eine andere Möglichkeit erhalten."

Zwei Gegendemonstrantinnen zeigen ihre Plakate (Foto: L.Osborne)

Protest gegen die Abtreibungsdrohne: Viele Polen unterstützen das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen

Mangel an sicheren Optionen

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden in Polen jährlich mindestens 50.000 illegale Abtreibungen durchgeführt. Dazu kommt eine große Zahl Frauen, die für den Eingriff in Nachbarländern wie Deutschland reisen, in denen Abtreibung legal ist. "Viele Frauen würden alles für eine sichere Abtreibung geben", sagt Marta. "Die glücklichen unter ihnen können es sich leisten, viele können es aber nicht."

Mangelhafte sexuelle Aufklärung in Schulen, wenig Informationen zum Thema und schwieriger Zugriff auf Verhütungsmittel in Polen verlangten erst recht nach der Möglichkeit zu sicherer Abtreibung, sagt die Gynäkologin Kleiverda von Women on Waves.

Keine Liberalisierung in Sicht

Leider, sagt die Parlaments-Abgeordnete Malgorzata Prokop-Paczkowska von der linksliberalen Partei Twoj Ruch, sehe es allerdings nicht danach aus, als stünde die Legalisierung der Abtreibung in Polen kurz bevor: "Wahrscheinlich werden im Oktober die rechten Parteien eine Mehrheit im Parlament bekommen, und dann könnte es sogar ein absolutes Abtreibungsverbot geben", sagt sie. Für Frauen, die frei entscheiden wollen, bestehe wenig Hoffnung.

Vielleicht aber, meint Prokop-Paczkowska, helfen Aktionen wie die von Women on Waves den polnischen Bürger zu verstehen, dass sie Freiheit einbüßen könnten, wenn sie ihre Stimme rechten Parteien geben: "Freiheit ist das wichtigste überhaupt und polnische Frauen sollten die gleichen Rechte haben wie die Menschen auf der anderen Seite der Oder."

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