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Kultur

Abgrund Nationalsozialismus: Christian Petzolds "Phoenix"

Deutsche Geschichte und Kinoreminiszenz, Aufarbeitung der Vergangenheit und Verbeugung vor Hitchcock - all das will "Phoenix" sein. Nach der Weltpremiere in Toronto kommt Christian Petzolds Film in die deutschen Kinos.

Es ist eine Frau ohne Gesicht, die da über die Grenze kommt, zurück nach Deutschland. Ihr Antlitz ist von schwersten Verletzungen entstellt. Ihr Kopf ist bandagiert, der Verband noch blutgetränkt. Die Frau wird von ihrer Freundin Lene in einer schwarzen Limousine über die Grenze nach Deutschland gebracht. Lene arbeitet für die Jewish Agency. Nelly, die Frau ohne Gesicht, will nach Hause. Doch ihre Freundin bedrängt sie, nach Palästina auszuwandern. In Deutschland könne sie doch nicht bleiben, nach all dem, was man ihr angetan habe.

Leben mit neuem Gesicht

Christian Petzolds Film spielt unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die beiden Frauen kommen in die Trümmerstadt Berlin. Nelly war im Konzentrationslager. Sie hat überlebt. Doch sie ist so schwer verletzt, dass man sie erst wieder zusammenflicken muss. Danach ist ihr Gesicht nicht mehr ihr altes. Doch Nelly hat ein Ziel. Sie will ihren Mann Johnny wiederfinden. Das ist die große Tragödie, die der Film erzählt: Johnny erkennt Nelly nicht mehr. Und doch tut er sich mit ihr zusammen, um an das Vermögen von Nelly zu kommen.

Phoenix Film FilmStill (Foto: © Christian Schulz/Verleih piffl Medien)

In den Nachkriegstrümmern Berlins: Nina Hoss als Nelly

"Ist es möglich, über den tiefen, nihilistischen Riss, den die Nationalsozialisten in Deutschland vollzogen haben, zurückzuspringen und die Gefühle, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Mitleid, überhaupt das Leben zu rekonstruieren?", formuliert Christian Petzold die Grundfrage seines neuen Films. Kann Nelly an ihr altes Leben anknüpfen, nach dem Horror, den sie überlebt hat? Kann sie zurückfinden zu ihrem alten Leben mit ihrem Mann, der sie doch für tot hält? "Phoenix" ist ein Film über vergangene Gefühle und den Versuch, Anschluss zu finden an das alte Leben.

Um an Nellys beträchtliches Erbe zu kommen, entwickelt Johnny einen perfiden Plan. Zwar erkennt er seine Frau nicht wieder, doch eine gewisse Ähnlichkeit erscheint ihm vorhanden. Die will er ausnutzen. Nelly soll sich als seine ehemalige Frau ausgeben - so will er an das Vermögen kommen. Johnny gibt ihr die alten Kleider seiner Frau, Schuhe und Schmuck. Sie soll sich schminken wie Nelly, gehen wie Nelly, schreiben wie Nelly. Johnny will die angeblich Tote wieder zum Leben erwecken. Und Nelly, die anfangs entsetzt ist, weil Johnny sie nicht wiedererkennt, willigt ein. Aus Liebe. Nelly will, dass alles wieder so wird wie vor dem Krieg.

Mischung aus "Vertigo" und Wiederkehr aus dem KZ

Phoenix Film FilmStill (Foto: © Christian Schulz/Verleih piffl Medien)

Johnny (Ronald Zehrfeld) schlägt sich nach dem Krieg als Kellner durch

"Vertigo - aus dem Reich der Toten" hieß einer der berühmtesten Filme Alfred Hitchcocks. Auch dort konnte man verfolgen, wie ein Mann eine Frau zurückverwandeln will. James Stewart und Kim Novak waren 1958 das Traumpaar des Films. "Aus der Asche entstiegen" heißt das Buch des französischen Autors Hubert Monteilhet, dass Petzold gemeinsam mit dem gerade verstorbenen Regisseur und Drehbuchautor Harun Farocki für seinen Film verwendet hat: "Wir haben viel darüber gesprochen, auch darüber, dass es vielleicht nur in Frankreich möglich ist, so eine Geschichte zu erzählen, so eine Mischung aus 'Vertigo' und der Wiederkehr aus dem Lager", sagt Petzold, "und, dass der Nationalsozialismus einen Abgrund geschaffen hat, auf den man immer wieder zurückgeworfen wird."

"Nelly hat überlebt, sie wird gerettet: Wie ist das dann, wenn man dann noch direkt im Trauma steckt? In welchem Zustand befindet man sich da?", hat sich Nina Hoss gefragt, die die Nelly spielt. "Im Lager wurde versucht, alles, was einen Mensch sein ließ, zu zerstören. Wie kann man sich dem wieder annähern, dem, was einen als Mensch ausgemacht hat? - Das war meine Hauptarbeit. Das musste ich begreifen: Dass Nelly sich selbst nicht mehr erkennt. Dass es um einen Menschen geht, der versucht sich zusammenzusetzen."

Lob und Anerkennung aus dem Ausland

Florian Koerner von Gustorf, Christian Petzold und Nina Hoss in Toronto (Photo by Leonard Adam/Getty Images)

Produzent Florian Koerner von Gustorf, Christian Petzold und Nina Hoss (v.l.) in Toronto

Bei der Welturaufführung beim Filmfestival in Toronto wurde "Phoenix" vom Publikum gefeiert. Auch die internationale Presse zeigte sich angetan: "Christian Petzold gelingt es auf brillante Weise, das Genre des Melodrams für eine lebendige, moderne Idee des Kinos zu nutzen", schrieb "Le Monde" und "The Hollywood Reporter" urteilte: "Meisterhaft gefilmt und gespielt." Nach Toronto folgten weitere Festivaleinladungen. Gerade läuft "Phoenix" beim Festival in San Sebastian im Wettbewerb.

Christian Petzold gehört zum kleinen Kreis deutscher Regisseure einer jüngeren Generation, die auch im Ausland Anerkennung genießen, auf Festivals gezeigt und mit Werkschauen geehrt werden. Auch in Deutschland liegen ihm die meisten Kritiker zu Füßen. Das hat vor allem damit zu tun, dass Petzold ein sehr stilbewusster Regisseur ist. Das merkt man auch "Phoenix" an. Petzold erzählt in seinen Filmen immer Geschichten, die auch etwas mit dem Medium Kino zu tun haben.

Spiel mit der Kinogeschichte

So erzählt "Phoenix" einerseits eine Episode deutscher Nachkriegsgeschichte und Vergangenheitsbewältigung. Auf der anderen Seite ist es auch ein Film mit zahlreichen Bezügen zur Filmhistorie: "Vertigo" und Rainer Werner Fassbinders Werke über deutsche Zeitgeschichte wie "Die Ehe der Maria Braun" sind ebenso Referenzpunkte wie amerikanische Genrefilme. "Die Basis des Films ist im Grunde der Film Noir", räumt Christian Petzold ein. "Im Film Noir sind die Kontraste immer hart. Die Menschen versuchen, in Zwischenbereiche zu gelangen, aber die Welt ist entweder weiß oder schwarz. Die Zwischenreiche, die Zwischentöne sind verloren gegangen. Wir wollten Film Noir mit Technicolor verbinden." "Phoenix" spielt mit diesen filmhistorischen Verweisen.

Phoenix Film FilmStill (Foto: © Christian Schulz/Verleih piffl Medien)

Das Nachtlokal Phoenix im gleichnamigen Film: Traum in Technicolor und Hommage an den Film Noir

Petzolds Stilwillen unter deutschen Kritikern umstritten

Man kann Petzolds Werk als Historienfilm sehen, als Versuch, in die Psyche der Menschen nach 1945 einzudringen. Man kann ihn auch als kühle, ästhetische Anordnung sehen, mit Anspielungen auf die Filmgeschichte. Vielleicht ist mancher Kritiker auch deshalb irritiert - vor allem hierzulande. Zum Deutschland-Start schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Vergleiche man Petzold mit Fassbinder, so merkt man, was Petzold fehlt: "eine Lebendigkeit, die aus der sinnlichen Präsenz der Figuren kommt. 'Phoenix' wirkt bei aller visuellen Dichte abstrakt. Dieser Film hat einen großen Kopf und einen kleinen Körper." Und der Spiegel kritisierte: "Wenn 'Phoenix' ein Versuch gewesen sein sollte, den Judenmord ohne Braunhemden und anderes Hasskolorit zu zeigen und eher als melancholisch verhangene Jazzballade, dann kann man sagen, dass dieser Versuch gescheitert ist."

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