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Wirtschaft

Ab ins Ausland

Wegen anhaltend roter Zahlen baut der Halbleiterkonzern Infineon weitere 900 Stellen ab, die meisten in Deutschland. Firmenchef Schumacher denkt noch weiter: Wie wäre es, nach und nach ganz ins Ausland zu gehen?

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Das Steuerparadies Schweiz ist verlockend

Ulrich Schumacher macht Nägel mit Köpfen: Als erster Unternehmensteil geht die Sparte Automobil- und Industrieelektronik ins österreichische Villach. Der Umzug in die Alpenrepublik könnte erst der Anfang sein: Nach wie vor hält der Infineon-Chef an seinem Plan fest, auch die Konzernzentrale ins Ausland zu verlagern. Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, dass der Münchner Halbleiterhersteller mit mehreren Schweizer Kantonen verhandelt. Einer davon ist der Kanton Zug, schon seit Ende der 1960er Jahre die Heimat der Metro-Firmenholding des Otto Beisheim. Der Urvater des deutschen Einzelhandels mit einem geschätzten Privatvermögen von sechs Milliarden Schweizer Franken pendelt zwar zwischen seinen Wohnsitzen in Lugano, Paris, Rottach-Egern und Kalifornien. Doch aus steuerlichen Gründen ist sein Hauptwohnsitz seit mehr als 30 Jahren das schweizerische Baar im Kanton Zug.

Steuern sparen - ganz legal

Mit einem Umzug in die günstigste aller Schweizer Steueroasen würde Schumacher zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er müsste nur noch einen Bruchteil seiner Vorstandsbezüge von geschätzten 8,6 Millionen Euro (2002) versteuern und könnte gleichzeitig den Gewinn nach Steuern seines Unternehmens vervierfachen. Die Steuersätze im malerischen Kanton um den Zuger See sind nämlich traumhaft: Nur bescheidene zehn Prozent von jedem Euro Gewinn sind als Steuer fällig – eine Petitesse im Vergleich zur fast 40-prozentigen Körperschaftssteuer im deutschen Steuerreich des Hans Eichel.

Schumachers Motive sind klar: "Gerade in einer hyper-zyklischen Branche wie dem Halbleitersektor sind Unternehmen darauf angewiesen, Verluste in Krisenzeiten mit künftigen Gewinnen zu verrechnen", gibt Ronald Reepel, Analyst beim Finanzdienstleister Independent Research in Frankfurt am Main, zu bedenken. Genau das will die rot-grüne Bundesregierung ändern. Verluste der Vorjahre können dann nur noch mit der Hälfte des Gewinns verrechnet werden – das kommt im Grunde der Einführung einer Mindestbesteuerung für Unternehmen gleich. Die Pläne aus Hans Eichels so genanntem Steuervergünstigungsabbaugesetz haben aber wegen der Unionsmehrheit im Bundesrat keine Chance.

Haifischbecken Chipbranche

Die deutschen Halbleiterproduzenten sind dringend auf steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten angewiesen, um die jahrelange Flaute mit Millionenverlusten zu überleben. Noch weiß niemand, wie lange die Flaute bei Halbleitern noch andauern wird. "Selbst Brancheninsider waren überrascht, wie schnell es abwärts ging und wie lange die Flaute anhält", unterstreicht Analyst Reepel. Der Preiskampf in der Branche ist knallhart: Wurden im Frühjahr 2000 für einen 256 MB-Speicher-Chip noch 6 US-Dollar gezahlt, sind es aktuell nur noch etwa 4,70 Dollar. Zwischenzeitlich lag der Preis sogar unter 3 Dollar. Mittlerweile wurden die Produktionskosten bei Infineon auf 5,40 Dollar gedrückt. Bis zum Jahresende will Schumacher die Kosten bis auf 4,50 Dollar gedrückt haben.

Anders als bei der asiatischen Konkurrenz fließen staatliche Subventionen bei europäischen und amerikanischen Chipherstellern nur spärlich. Natürlich wird die Ansiedlung einer Fabrik im strukturschwachen Ostdeutschland öffentlich gefördert. Doch Subventionen wie etwa für die Infineon-Chipschmiede in Dresden betragen nur den Bruchteil der Rückendeckung durch Staat und Banken, über die sich die koreanischen Halbleitergiganten Samsung oder Hynix freuen können. Die Produkte beider Unternehmen wurden daher unlängst von den USA und der Europäischen Union mit hohen Strafzöllen belegt.

Geht doch nach Bagdad!

Gewerkschaftsvertreter, wie der IG Metall-Mann im Infineon-Aufsichtsrat Wolfgang Müller, reagieren zunehmend mit Sarkasmus auf Schumachers Abwanderungsdrohungen. Schumacher solle doch mit der Konzernzentrale nach Bagdad ziehen: "Da gibt es im Zuge des Wiederaufbaus bestimmt besondere Steuervergünstigungen, die noch höher als in der Schweiz sind", wetterte Müller.

Dass Konzerne wie Infineon weltweit produzieren ist nichts Neues. Dass aber deutsche Großunternehmen komplett ins Ausland abwandern, wäre neu. Selbst Mittelständler verlagern meist nur ihre Produktion ins Ausland. Kein Wunder also, dass Schumachers Drohungen genauso für Unruhe sorgen, wie das hartnäckige Gerücht, auch der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, würde auf seinem Vorstandssessel noch viel lieber Platz nehmen, wenn der in der Londoner City stehen würde.

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