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Bücher

5 Romane fürs Frühjahr (II)

Im zweiten Teil unserer Reise durch Frühjahrsneuerscheinungen präsentieren wir Ihnen heute Romane aus England, Russland, Deutschland und Finnland. Außerdem: eine wunderbare Neuedition der Werke von Edgar Allen Poe.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Nun ja, er lügt wie ein Augenzeuge, wie das Sprichwort sagt. (J. Barnes: "Der Lärm der Zeit")

Was ist wahr, was Propaganda? Was bedeutet Mut? Wie kann, darf und soll man sich als Künstler in einer Diktatur verhalten? All diese Fragen beantwortet der britische Schriftsteller Julian Barnes in seinem neuen Roman "Der Lärm der Zeit", eine der herausragenden belletristischen Neuerscheinungen in diesem Frühjahr.Und er beantwortet sie auch nicht, weil sie natürlich nie end- und allgemeingültig zu beantworten sind.

"Der Lärm der Zeit" ist der Lebensroman des Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906 - 1975). Die Biografie des berühmten russischen Komponisten nimmt Barnes als Blaupause für sein Buch über einen Künstler in Zeiten der Diktatur. Und weil es sich hier um einen Komponisten handelt und nicht um einen Schriftsteller, einen Filmregisseur oder auch einen bildenden Künstler, lässt sich die Spannbreite zwischen Mut und Widerstand auf der einen Seite und Anpassung und Verzweiflung auf der anderen Seite trefflich durchspielen. Musik bleibt, bei aller kompositorischer Zuspitzung, abstrakt.

Kein Heldenepos eines Künstlers hat Barnes hier zu Papier gebracht. Wie ließe sich das auch unter der Schreckensherrschaft eines Diktators wie Stalin vorstellen? Barnes Roman ist gerade deshalb so gelungen, weil er all das durchspielt, was vorstellbar ist. Die große Kunst des Romans besteht darin, dass der elegante Stilist Barnes das Leben des von Stalins Schergen drangsalierten Komponisten so unvoreingenommen erzählt – ohne Anklage, aber auch ohne falsches Mitleid, ohne Schaum vor dem Mund, aber auch mit sehr viel Empathie.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit, Roman, aus dem Englischen von Getraude Krueger, 245 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04888-9.

Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd

Der Mensch lebt und atmet Mord, schweift umher im blutigen Dunkel, stirbt im blutigen Dunkel dahin. Ein Raubtier tötet, von Hunger gequält, der Mensch - aus Müdigkeit, Faulheit und Trübsinn. (B. Sawinkow: "Das schwarze Pferd")

Schostakowitsch war 19, als er 1925 seine erste Symphonie komponierte. Sie brachte ihm frühen Ruhm. Im gleichen Jahr stürzte sich der russische Schriftsteller Boris Sawinkow aus dem fünften Stock des Lubjanka-Gefängnisses und starb elendig. Sawinkow war zuvor von den kommunistischen Machthabern zum Tode verurteilt worden, die Strafe war wenig später zu zehn Jahre Haft umgewandelt worden. Der Autor hatte sich im russischen Bürgerkrieg zunächst auf Seiten der Weißen, die für einem demokratischen Prozess und gegen die Verstaatlichung des Eigentums kämpften, und später dann mit den Bauern gegen die roten Machthaber engagiert. Er war Soldat und Aktivist, für kurze Zeit auch Minister in Moskau - und er war Schriftsteller. Sein Werk ist seit kurzem auf Deutsch zu entdecken.

"Das schwarze Pferd" ist ein in vielen, kurzen Kapiteln aufgefächerter Roman über die Kämpfe an der Front des russischen Bürgerkriegs. Georg, der Ich-Erzähler, zieht mit einem kleinen Trupp übers Land: Jegorow vertritt das einfache, gottgläubige Volk, Wrede ist ein ehemaliger Gutsherr, Iwan Lukitsch Unternehmer. Olga, Georgs frühere Geliebte, gehört zum russischen Adel; Gruscha, mit der er sich danach einlässt, ist Bäuerin.

"Natürlich hat subjektiv jeder recht", schreibt Sawinkow im Vorwort zur russischen Ausgabe des Romans: "Die Roten, die Weißen wie auch die Grünen. Darum habe ich den Roman (…) ‚Das schwarze Pferd‘ genannt." Das Buch blickt tief in die zerrissene Seele des russischen Volkes und kommt zu einer düsteren Erkenntnis: Die Schlacht um Macht und Einfluss lässt ausschließlich Verlierer zurück.

Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd, Roman, aus dem Russischen von Alexander Nitzberg, 267 Seiten, Galiani, ISBN 978-3-86971-145-4.

Feridum Zaimoglu: Evangelio

Es reicht also, ein Dutzend Bücher zu lesen, damit die Wahrheit fassbar wird? - Kommt ganz auf die Bücher an. - Das Evangelium? - Nein, das ist was für Kinder.

Der Dialog stammt nicht aus dem neuen Luther-Roman des Schriftstellers Feridum Zaimoglu "Evangelio", sondern aus Boris Sawinkows "Das schwarze Pferd". Zaimoglu hätte ihn wohl auch kaum verwendet. So ändern sich die Zeiten und die Sichtweisen.

Zaimoglu, dessen Eltern kurz nach dessen Geburt in der Türkei nach Deutschland kamen, ist einer der produktivsten Schriftsteller hierzulande. In seinem neuen Roman hat er sich Martin Luther zugewandt. Würde man Zaimoglu nach dem Werk des großen Reformators fragen, so könnte er es vermutlich vielfach beschreiben. Als Kinderlektüre aber bestimmt nicht. "Ihr wollt wissen, wie es Luther ging, dann quält Euch bitte", antwortete Zaimoglu auf den Einwurf eines Journalisten der Deutschen Presse-Agentur, dass "Evangelio"  für den Leser doch ein "ziemliches Stück Arbeit" darstelle. Der Roman ist schwer zu lesen, auch für den geübten Leser. Der Autor hat ein deftiges, mittelalterlich anmutendes Deutsch gewählt, durchsetzt mit vielen Ausdrücken, die die meisten Leser kaum kennen dürften.

Erzählt wird Zaimoglus Luther-Roman aus der Perspektive des fiktiven Landsknechts Burkhard. Der soll auf den auf der Wartburg eingesperrten Luther aufpassen. 1521/22 übersetzt Luther das Neue Testament in nur zehn Wochen ins Deutsche. Die Burg über Eisenach wird ein Zufluchtsort, an dem der ehemalige Augustiner-Mönch von allerlei Zweifeln, Versuchungen und Wahnvorstellungen heimgesucht wird. Er habe keinen "wohnzimmertauglichen Luther mit seinem netten Kräutergarten" beschreiben wollen, sagt Zaimoglu. Den hat die Forschung sowieso schon lange hinter sich gelassen, muss man gerechterweise anmerken. Und so ist Feridum Zaimoglus "Evangelio" nicht "der" Luther-Roman zum Luther-Jahr 2017. Als aufschlussreiche Romanlektüre und als Ergänzung zu den vielen Sachbüchern eignet er sich jedoch hervorragend.

 Feridum Zaimoglu: Evangelio, Roman, 352 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05010-3.  

Selja Ahava: Dinge, die vom Himmel fallen

Alles Gute kommt von oben, mag sich Martin Luther gedacht und dabei Gott im Sinn gehabt haben. Bei der finnischen Autorin Selja Ahava ist das Gegenteil der Fall. In ihrem Roman "Dinge, die vom Himmel fallen" kommt das Unglück von oben, im wahrsten Sinne des Wortes:

"Manchmal kann in einem Flugzeug, zum Beispiel an einem Wasserrohr oder an der Toilette, eine undichte Stelle auftreten. Das ist so. Wenn das heraustropfende Wasser blau ist, kommt es aus dem Klo, wenn es aber klar ist, hat es eine andere Quelle. Steht das Flugzeug auf der Erde, fällt das Wasser in Form von Tropfen auf den Boden. Ist es in der Luft, gefriert das tropfende Wasser wegen der niedrigen Temperatur draußen." (S. Ahava: "Dinge, die vom Himmel fallen")

Für die achtjährige Saara führt dieses Phänomen zur Katastrophe. Sie verliert ihre Mutter durch einen Eisklumpen, der vom Himmel fällt. Der Vater wird depressiv, Saara wächst bei der Tante auf. Die allerdings schwimmt im Glück, sie hat im Lotto gewonnen und kauft sich ein großes Gut. Doch auch dieses Glück währt nicht lange. Wieder zerschneidet ein unglaublicher Zufall jäh den Alltag Saaras. Selja Ahava schreibt einfühlsam in einer leichten Sprache mit vielen kurzen Sätzen vom Erwachsenwerden eines Mädchens im Norden Europas. Das hat oft etwas Märchenhaftes. Die finnische Literatur hat spätestens seit ihrem Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse vor drei Jahren auch hierzulande viele Fans. Damals erschien Ahavas Roman "Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm". Die Autorin knüpft dort jetzt mit "Dinge, die vom Himmel fallen" an, ein schönes Buch, das Poesie und Heiterkeit, Melancholie und Sprachwitz vereint.

Selja Ahava: Dinge, die vom Himmel fallen, Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster, 204 Seiten, Mare, ISBN 978-3-86648-242-5.

Edgar Allen Poe: Unheimliche Geschichten

Von Heiterkeit kann bei Edgar Allen Poe keine Rede sein. Doch glücklich darf sich der deutsche Leser in diesem Frühjahr schätzen, weil einer der großen Autoren der Weltliteratur jetzt in einer frischen Neuübersetzung wieder zugänglich ist. Edgar Allen Poe, der für viele Experten den Anfang der modernen amerikanischen Literatur markiert, wurde Mitte des letzten Jahrhunderts ausgerechnet von einem Franzosen dem Vergessen entrissen. Charles Baudelaire war es, der, besessen von Poes Prosa, den Autor in den Fokus der literaturinteressierten Öffentlichkeit stellte. Seine fünfbändige Ausgabe gilt noch heute als beste aller Poe-Editionen, dtv beginnt jetzt mit der Herausgabe der großartigen Übersetzungen von Andreas Nohl.

"Als ich im Frühling und einem Teil des Sommers 18* in Paris lebte, machte ich dort die Bekanntschaft eines gewissen Monsieur C. Auguste Dupin." (E.A.Poe: "Der Doppelmord in der Rue Morgue" aus dem Band "Unheimliche Geschichten")

… so heißt es zu Beginn der berühmten Erzählung "Der Doppelmord in der Rue Morgue", einem Schlüsseltext der Moderne. Die Kriminal- und Thrillerliteratur unserer Tage wäre ohne diesen nicht denkbar. Und auch in den übrigen zwölf Texten des nun vorliegenden Bandes kann man der ungeheuren Sprachkraft und der überbordenden Phantasie Edgar Allen Poes nachspüren und literaturhistorische Linien bis in die Gegenwart verfolgen. Poe war ein Meister des leisen Horrors, des abgrundtiefen Schreckens und blickte in seinen Erzählungen und Romanen tief in die Seelen der Menschen. Nicht zufällig war es dann Sigmund Freund, der sich intensiv mit diesem amerikanischen Autor beschäftigte. Für den Leser heute ist das auch ein lohnendes Unterfangen.

Edgar Allen Poe: Unheimliche Geschichten, Erzählungen, neu übersetzt von Andreas Nohl, 422 Seiten, dtv, ISBN 978-3-423-28118-8.

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