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Kultur

100 Jahre Kunst in Israel

Eine beispiellose Berliner Ausstellung zeigt israelische Kunst aus 100 Jahren. Ein Highlight: Die Tempelrolle von Qumran. Doch das 2000 Jahre alte Exponat ist längst nicht das eindrucksvollste.

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Nir Hods "Verlorene Jugend" (2004)

Früher verlief am Martin-Gropius-Bau die Berliner Mauer und teilte die Stadt in Ost und West. Nun verläuft eine Grenze direkt durch das Gebäude, zerschneidet die Ausstellungsfläche des Museums. Es ist keine massive, unüberwindbare Mauer wie einst. "Fence", so heißt das Werk des israelischen Künstlers Micha Ullman. Die Installation ist Teil der Ausstellung "Die Neuen Hebräer - 100 Jahre Kunst in Israel", die noch bis zum 5. September im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.

In regelmäßigen Abständen markieren sieben mit rotem Sand gefüllte, mannshohe Pfeiler den Verlauf eines Grenzzaunes. Ein "Zaun", wie er als kontroverser Schutzwall die Israelis vor palästinensischen Selbstmordattentätern schützen soll. Das Werk korrespondiert ganz nebenbei auch mit der Geschichte des Museums und seiner Umgebung.

700 Kunstwerke von über 100 Künstlern, Fotografen und Architekten haben die Kuratoren Doreet LeVitte Harten und Ygal Zalmona für Schau nach Berlin geholt. Es ist die größte Sammlung israelischer Kunst außerhalb Israels. Der Anlass: 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen.

LeVitte Harten und Zalmona haben die Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau mit viel didaktischem Eifer konzipiert. Das ist ein Verdienst. Denn die vielen einführenden Texttafeln erläutern nicht nur künstlerische Positionen: Sie helfen dem deutschen Publikum auch, geschichtliche, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu begreifen und machen die weitgehend fremde Kunst verstehbar.

Von heller und dunkler Kunst

100 Jahre Kunst in Israel, Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin

Idealbild des Neuen Hebräers. Zoltan Kluger: Feldarbeiter kehren heim (1938)

Die Geburtstunde der israelischen Kunst schlug nicht erst mit der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel 1948. Vielmehr gilt die Gründung der Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem als ihr Ausgangspunkt, die 1905 auf dem 7. Zionistischen Weltkongress angeregt wurde. Im 1912 gegründeten Bezalel-Museums hing damals ein großes Gemälde, das dem Besucher der Berliner Schau als erstes und besonders intensiv begegnet: "Der wandernde Jude" von Shmuel Hirszenberg.

Ahasver, der aus Unglaube zur ewigen Wanderschaft verdammt ist, eilt darauf mit flehendem Blick halbnackt über Leichenberge, umzingelt von einem unheimlichen Wald aus Kreuzen. Das Bild scheint wie eine Vorahnung des beispiellosen Grauens, das den Juden im 20. Jahrhundert bevorstehen sollte. Doch es kündet von bereits Erlebtem, von den russischen Pogromen des gerade zu Ende gegangenen 19. Jahrhunderts.

Kontraste prägen die Schau. So präsentieren sich die unter dem Titel "Erstlingsfrüchte" versammelten Werke als hell, optimistisch, naiv. Es sind Bilder, die den hoffnungsvollen Pioniergeist der jüdischen Einwanderer der 1920er Jahre in sich tragen. In Erez Israel sollte ein kulturelles Miteinander von Immigranten und arabischer Bevölkerung möglich sein. Sinnbild dieser Utopie ist der Neue Hebräer, jener idealisierte Menschentyp, der in Harmonie in und mit seiner Umwelt leben sollte.

Nach Verfolgung und Diaspora sollte dieser neue Mensch als besonders kraftvoll gelten. Daher die Betonung der Körperlichkeit: Zeitgenössische Fotodokumente zeigen den Neuen Hebräer bei der Feldarbeit, als Bauer, der sich das Land zu eigen macht. Passivität galt dagegen als stereotypes Signum des in Fremdheit und Ausgrenzung lebenden Stetljuden.

100 Jahre Kunst in Israel- Ausstellung im Martin Gropius Bau

Sensation der Schau: Die 2000 Jahre alte Tempelrolle

Sensation unter Panzerglas

Im schützenden Halbdunkel, in einem Panzerglasschrein ist das kostbarste Werk der Ausstellung zu sehen: Die berühmte Tempelrolle, einer der bedeutendsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts. Das 2000 Jahre alte Schriftstück berichtet von Riten, Regeln und Verboten. Als ein frühes Zeugnis jüdischen Glaubens ist die Rolle für die hebräische Identität von unschätzbarem Wert. Dass die Kostbarkeit zum ersten Mal überhaupt auf europäischem Boden gerade in Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist mehr als eine Sensation. Es ist eine Geste der Freundschaft.

In Eichmanns Glaskasten

Und doch ist es nicht dieses mühevoll restaurierte Fundstück, das den nachhaltigsten Eindruck beim Verlassen der Schau hinterlässt. Wer die Rolle von Qumran erblickt, hat bereits den Abschnitt mit der Nummer acht passiert, der im Zeichen der Shoah steht. Zwei Videoinstallationen prägen sich ein: Eine Filmsequenz zeigt das gespenstische Erlahmen des öffentlichen Lebens in Israel, wenn zwei Mal im Jahr die Sirenen heulen, zum Gedenken an den Holocaust.

Noch bedrückender ist jedoch ein Video-Triptychon, das den für die jüdische Erinnerungskultur so bedeutsamen Eichmann-Prozess künstlerisch dokumentiert. Der Betrachter dieser Installation kann in einem Glaskasten Platz nehmen, ähnlich jenem, in dem der Obersturmbannführer Eichmann während seiner Verhandlung gesessen hatte. Wäre der Raum dieser Installation nicht abgedunkelt, so könnte man aus dem Fenster auf das benachbarte Gelände der "Topographie des Terrors" blicken. Dort befand sich einst das Hauptquartier von Gestapo und SS.

100 Jahre Kunst in Israel, Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin

Versteckt hinterm Museum: Installation "091138-05"

In solcher Nachbarschaft wirkt auch die leider etwas versteckt hinter dem Gropius-Bau platzierte Installation "091138-05" besonders intensiv. Die Künstlergruppe ZIK hat einen Stahlcontainer voller Glasbruchstücke, die von innen beleuchtet werden, geschaffen. Das Bruchglas und die Zahlen im Titel des Kunstwerks verweisen auf die Nacht vom 9. November 1938, die "Reichskristallnacht", die bis ins Heute, bis in "05" nachwirkt.

100 Jahre Kunst in Israel, Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin

Folgen des Terrors: Gil Shachars beklemmende Skulptur ohne Titel (2001)

Israels verlorene Jugend

Die künstlerischen Auseinandersetzungen mit der israelischen Gegenwart, mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, zählen zum beeindruckendsten der Ausstellung. Sie zeigen etwa die "Verlorene Jugend", wie sie von Nir Hod in Szene gesetzt worden ist: Schluchzende junge Frauen in Uniform, unmittelbar nach einem tödlichen Anschlag. Als letzte Spur der einst geträumten Utopie vom Neuen Hebräer, der in Harmonie und Frieden leben kann, umrankt ein kitschiger Blumenflor die Trauerszene.

Eine dunkle Ahnung davon, wie die permanente Terrorfurcht den Alltag bestimmt, bekommt man beim Anblick der Fotoarbeiten des Künstlers Alex Levac. Es sind großformatige Schwarzweißfotografien mit scheinbar banalem Inhalt: Menschen warten auf den Bus - mit den Nachrichtenbildern der von Bomben zerfetzten Autobus-Skelette im Hinterkopf lassen sich diese Bilder nicht mehr friedlich interpretieren. Gespenstisch auch eine unbetitelte Plastik von Gil Shachar aus dem Jahr 2001: Zwei Hände, die aus einer weißen Wand ragen, tragen eine in weißes Leinen gehüllte Leiche.

Lass dich überraschen!

Die Ausstellung bricht viele Erwartungen. Zunächst dadurch, dass die weitgehend fremde Kunst dem deutschen Betrachter durchaus recht vertraut erscheint. Die Inszenierung der Feldarbeiter erinnert an sozialistische Fotokunst und inmitten der ausgestellten Architekturmodelle wähnt man sich in einer Bauhaus-Retrospektive. Überraschender ist jedoch, wie wenig Raum der Auseinandersetzung mit dem Holocaust eingeräumt wird. Kuratorin LeVitte Harten begründet das damit, dass viele israelische Künstler Themen von unmittelbarer nationaler Relevanz entweder gar nicht erst beachten oder umgehen. Dahinter steckt - noch eine Überraschung - der Wunsch nach Normalität.

Und schließlich hat die Ausstellung trotz aller schweren Themen auch ihre heiteren Momente. "Zeit der Kirschen" heißt ein surrealistischer Kurzfilm von Chaim Buzaglo. Es zeigt den Künstler, der auf einem Armeejeep inmitten israelischer Soldaten durch eine hügelige Landschaft fährt und dabei zu den düster-pathetischen Klängen der "Carmina Burana" dirigiert - das Militärfahrzeug schmücken weiße Engelsflügel.

Die Ausstellung "Die Neuen Hebräer. 100 Jahre Kunst in Israel" ist noch bis zum 5. September 2005 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.

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