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Asien

100 Jahre Bollywood-Film

Filmkritiker in Indien wie auch im Westen sind seit jeher geneigt, das Bollywood-Kino als Kitsch ohne künstlerischen Gehalt abzutun. Fakt ist aber: Die indische Filmindustrie ist die größte der Welt.

Das indische Bollywood-Kino ist ein Kino der Emotionen. In klassischen Familiendramen, wie zum Beispiel "In guten wie in schweren Tagen" (Kabhi Khushi Kabhi Gham) aus dem Jahr 2001 geht es um die Liebe zwischen der schönen, quirligen Anjali und dem charmanten Rahul, verkörpert von Superstar Shah Rukh Khan. Rahul widersetzt sich seinem sturen und harten Vater Yash, als er sich entscheidet, mit Anjali eine Frau niederen Standes zu heiraten. Es bedarf vieler Tränen in den mehr als drei Filmstunden, bis Rahul und Yash wieder zueinander finden. Der Film führt den Zuschauer in eine Traumwelt, in der alle Grenzen zwischen Reich und Arm, zwischen Stand und Herkunft durch die Kraft der Liebe überwunden werden können. Es ist eine Welt, in der Traditionen und Werte wie Ehrlichkeit, Respekt vor den Eltern und harte Arbeit noch zählen. Eine Welt, die aber auch den Generationenkonflikt als Sinnbild für das moderne Indien thematisiert.

Szene aus dem Bollywood-Film In guten wie in schweren Tagen (Foto: DW)

Szene aus dem Bollywood-Film "In guten wie in schweren Tagen"

Die Liebe zu Bollywood eint die Inder, glaubt die indische Filmkritikerin Shubhra Gupta aus Neu-Delhi: "Ich glaube, der indische Film ist das demokratischste Medium, das wir in Indien haben. Jeder kann einen Bollywood-Film sehen. Ob er das nun in einem kleinen Dorfkino für ein paar Rupien tut oder in einem der riesigen luxuriösen Multiplexe in den großen Metropolen. Es ist die wichtigste Form der Unterhaltung für die Massen." Die Filme haben aber auch eine erzieherische Funktion. Denn noch immer kann ein Drittel der indischen Bevölkerung nicht lesen und schreiben.

Musik und Tanz

Am 21. April 1913 stellte Filmpionier Dhundiraj Govind Phalke mit dem mythologischen Film "König Harishchandra" (Raja Harishchandra) den ersten indischen Film der Öffentlichkeit vor. Frauenrollen wurden von Männern in Frauenkleidern verkörpert. Der Beruf der Schauspielerin galt als unanständig. Keiner hätte es damals wohl für möglich gehalten, dass die indische Filmindustrie einmal die größte der Welt werden würde.

Amitabh Bachchan als Angry Young Man (Foto:Mary Evans Picture Library)

Superstar Amitabh Bachchan 1981 in "Schicksal" (Naseeb)

Das Bollywood-Kino bediente sich vor allem in den Anfangsjahren thematisch und in den wichtigen Musik- und Tanzelementen bei den beiden großen indischen Epen, dem Ramayana und dem Mahabharata. Daneben fanden auch Volkstheatertraditionen ihren Eingang in die Filme, erklärt Javed Akhtar, einer der bekanntesten indischen Dichter und Drehbuchautoren: "Musik und Tanz sind ein elementarer Teil unser Kultur seit fast 4000 Jahren: egal ob die Schauspieler nun Ramlila, Krishnalila, Nautanki oder sonst wie heißen. Oder ob es das Theater in Urdu ist oder die Theatertradition der Religionsgemeinschaft der Parsen, die seinerzeit große Erfolge feierte. Jede echte indische Geschichte beinhaltet Musik und Tanz. Wem dies nicht gefällt, der braucht unsere Filme nicht zu schauen."

"Goldenes Zeitalter"

Die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts werden als das "Goldene Zeitalter" des populären Hindi-Kinos bezeichnet. Regisseure wie Bimal Roy, Raj Kapoor und Guru Dutt schafften es, ernste Themen von großer Brisanz wie die Landflucht und die ungewisse politische Zukunft der noch jungen Republik Indien in den Hindi-Film zu integrieren. Raj Kapoors sozialkritische Filme machten ihn nicht nur in Asien, sondern auch in der ehemaligen Sowjetunion und China bekannt. Ab den 1970er Jahren gab es mit dem Schauspieler Amitabh Bachchan den ersten internationalen Superstar. Seine Figur des "Angry Young Man" kämpfte in vielen Action-Filmen gegen soziale Ungerechtigkeiten, nahm es mit der Mafia auf und war oft der ungeliebte Außenseiter. Seine Filme fanden ihren Weg bis nach Europa, zum Beispiel in die Türkei oder ins ferne Afrika, wo sie bis heute in Ländern wie Marokko und Tunesien oder Uganda und Kenia sehr beliebt sind. 

Filmszene mit Kajol (li.) und Shahrukh Khan (Foto: DW)

Kajol (li.) und Shahrukh Khan sind das beliebteste und erfolgreichste indische Filmpaar aller Zeiten

Nach den Actionfilmen kamen die Liebesfilme. Sie wurden ab Ende der 1980er Jahre durch frische, unbekannte Stars wie Aamir Khan und Salman Khan bekannt. Rebellion war auch hier ein Thema: Das Liebespaar ergab sich nicht mehr seinem Schicksal. Es kämpfte für sein Glück, notfalls bis zum Tod. Ab den 1990er Jahren wurde die Rahmenhandlung immer realistischer. "Bombay" (1995) ist im Umfeld der Unruhen zwischen Hindus und Muslimen 1993 angesiedelt. "Von ganzem Herzen" (Dil Se, 1998) beschäftigt sich mit dem Thema Terrorismus und Separatismus. Weltweit lobten Kritiker Filme wie "Es war einmal in Indien" (Lagaan, 2001) oder "Dirty Picture" (2011).

Aufstieg zum Wirtschaftsfaktor

Die indische Filmindustrie mit ihren vielen Zentren und Filmen in unterschiedlichen indischen Sprachen ist inzwischen ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Nach Angaben der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Brüssel wurden allein im Jahr 2011 in Indien 1274 Filme produziert, weit mehr als in Hollywood. Schätzungen zufolge gehen jeden Tag 14 Millionen Menschen in Indien ins Kino. Dabei machen die Bollywood-Filme, also die Streifen, die in der Finanzmetropole Mumbai auf Hindi produziert werden, nur einen Teil des indischen Kinos aus. Diese Bollywood-Filme sind es aber, die mit ihren Superstars wie Shah Rukh Khan oder der beliebten Schauspielerin Kajol weltweit symbolhaft für das indische Kino stehen. In Indien sind viele ehemalige Bollywood-Stars inzwischen zu einflussreichen Politikern geworden.

Portrait Jayalalithaa, Ministerpräsidentin des indischen Bundesstaates Tamil Nadu (Foto: DW)

Jayalalithaa, Ministerpräsidentin des indischen Bundesstaates Tamil Nadu und ehemaliger Filmstar

Bollywood im Wandel

In den letzten zehn Jahren habe sich Bollywood verändert, sagt die Filmkritikerin Shubhra Gupta: "Es gibt nicht mehr nur das eine Bollywood. Es gibt natürlich noch die klassische Familiensaga, mit Intrigen und vielen Tränen. Dann gibt es das Bollywood, das die traditionelle Form des Erzählens einer Geschichte nicht aufgibt, aber auch Neues integriert. Und dann gibt es ein drittes Gesicht Bollywoods, mit einem sehr radikalen Ansatz." Zu dieser radikalen Generation Bollywoods gehört auch der Filmemacher Anurag Kashyap: "Ich denke, dass der Hindi-Film einiges bewirken könnte, wenn wir es nur versuchen würden. Noch produzieren wir mehrheitlich Liebes- und Familienfilme, manchmal Action- und Rachedramen. Wenn wir doch einmal realistische Filme drehen, dann sind sie gleich so künstlerisch, dass sie langweilig sind. Und ich will weder langweilig sein, noch eine Fantasiewelt erschaffen, mit der sich niemand identifizieren kann."

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