EADS - Abschied von der Rüstung? | NRS-Import | DW | 11.12.2013
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NRS-Import

EADS - Abschied von der Rüstung?

EADS baut europaweit 5600 Stellen ab, es trifft vor allem die Rüstungssparte des Konzerns. Lässt sich mit Waffengeschäften kein Geld mehr verdienen?

Der Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS ist ein ziemlich kompliziertes Gebilde - schließlich ist es eine Erfindung der europäischen Politik. Aus verschiedenen staatlichen und halbstaatlichen Unternehmen wurde ein Konzern gezimmert, der große Teile der europäischen Rüstungsindustrie unter einem Dach vereinigte. Gleichzeitig sollten Flugzeuge vom Typ Airbus eine europäische Antwort auf das US-Vorbild Boeing darstellen.

Auch das ursprünglich geplante Geschäftsmodell wurde von Boeing übernommen, sagt Heinrich Grossbongardt, der Unternehmen aus der Luftfahrtindustrie berät. "Das Ziel war 50 Prozent Zivilflugzeuge, 50 Prozent Rüstung und Raumfahrt." Doch daraus wurde nichts. Zuletzt machte EADS zwei Drittel seines Umsatzes mit zivilen Airbus-Flugzeugen. Das Rüstungsgeschäft dagegen stagnierte oder ging zurück - allein bei Militärtransportern und Tankflugzeugen um 15 Prozent im letzten Geschäftsjahr.

Weniger Geld für Rüstung

Das liegt auch an der Wirtschaftskrise in Europa und den USA. Überall wird gespart, auch bei der Verteidigung. "Darunter hat EADS zu leiden, denn das Unternehmen ist stark auf Europa und Nordamerika fokussiert", sagt Jürgen Pieper, Leiter der Aktienanalyse beim Bankhaus Metzler. "Hier waren die Rüstungsmärkte in den letzten Jahren sehr schwach."

Das bestätigen auch Untersuchungen des Friedensforschungsinstituts SIPRI im schwedischen Stockholm. In Europa und den USA wurde im vergangenen Jahr weniger Geld für Rüstung ausgegeben, in China und Russland dagegen mehr als zuvor. Insgesamt verzeichnete SIPRI erstmals einen leichten Rückgang der weltweiten Rüstungsausgaben, um 0,5 Prozent auf 1,75 Billionen US-Dollar.

Zusätzlich macht EADS die Tatsache zu schaffen, dass es nicht einmal von den europäischen Regierungen eine Auftragsgarantie gibt. Dassault aus Frankreich, BAE Systems aus Großbritannien oder Saab aus Schweden - sie alle kämpfen um ein Stück vom europäischen Rüstungsmarkt. "Da macht man sich fröhlich gegenseitig Konkurrenz", so Luftfahrtberater Heinrich Grossbongardt.

"Die alte Strategie, die auf eine Balance zwischen zivilem und militärischem Geschäft abzielt, greift nicht mehr", sagte EADS-Chef Tom Enders vor Beschäftigten der Rüstungssparte Cassidian in Deutschland. "Und unser Versuch, dieses Gleichgewicht durch eine Fusion mit dem britischen Konkurrenten BAE Systems zu erreichen, ist vor Monaten gescheitert."

Gescheitert ist die Fusion, weil sich die beteiligten Staaten, vor allem Deutschland, Frankreich und Spanien, nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten. EADS machte die deutsche Bundesregierung dafür verantwortlich, die Fusion im Herbst 2012 verhindert zu haben.

Dabei hätte die Fusion wirtschaftlich Sinn gemacht, sagt Luftfahrtexperte Grossbongardt, denn EADS hätte dadurch die nötige Größe und Finanzkraft erreicht, um im Rüstungsgeschäft eine bedeutende Rolle zu spielen. "Diese Möglichkeit hat EADS jetzt nicht mehr, das Unternehmen ist im Rüstungsmarkt marginalisiert."

Weg von der Politik

Für EADS-Chef Enders ist der Kurs daher klar: Er will den Anteil der Rüstungssparte reduzieren, 5600 Arbeitsplätze fallen hier weg. Allein bei Cassidian waren zuletzt rund 15 Prozent der Belegschaft beschäftigt, das sind etwa 21.000 Mitarbeiter. Zum Kurswechsel gehört auch die für das nächste Jahr geplante Umbenennung des Unternehmens in Airbus. Somit wird schon beim Namen klar, womit das meiste Geld verdient wird.

Bereits Ende 2012 nahm EADS ein weitere große Hürde auf dem Weg, ein normales Unternehmen zu werden. Die Aktionärsstruktur wurde geändert, seitdem halten Deutschland und Frankreich über ihre Beteiligungsgesellschaften jeweils weniger als zwölf Prozent, Spanien rund vier Prozent. Drei Viertel aller EADS-Aktien werden frei an den Börsen gehandelt. Kein Staat verfügt mehr über eine Sperrminorität, um wichtige Entscheidungen zu blockieren.

EADS-Chef Tom Enders muss sich also keine Sorgen machen, wenn ihn die deutsche Bundesregierung jetzt auffordert, bei den angekündigten Stellenstreichungen die deutschen Standorte in Bayern nicht übermäßig zu belasten. Die Forderung der Bundesregierung sei zwar verständlich, so Grossbongardt. "Doch anders als vor einem Jahr hat sie jetzt nicht mehr die Möglichkeit, das zu verhindern."

Der selbstständige Berater Grossbongardt glaubt sogar, EADS könne sich in Zukunft ganz vom Rüstungsgeschäft trennen und nur noch Zivilflugzeuge bauen. "Hier gibt es Wachstumschancen, hier kann man Geld verdienen, hier gibt es wenig politische Risiken."

Aktienanalyst Jürgen Pieper erwartet dagegen, dass EADS mit Kriegsgerät bald wieder mehr Geld verdient. "Wir sind jetzt am Tiefpunkt angelangt. Vielleicht geht es noch zwei Jahre etwas runter mit den Verteidigungshaushalten in Europa und den USA, dann wird sich das aber wieder umkehren." Außerdem bemühten sich Rüstungsunternehmen wie EADS ja inzwischen, mehr Geschäfte in Asien, Afrika oder Südamerika zu machen, um das schwache Europageschäft zu kompensieren, so Pieper. "Ganz verschwinden wird das Rüstungsgeschäft bei EADS nicht."