1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Özil als Symbol

25. Juli 2018

Auch unter der türkischen Minderheit in Bulgarien sorgt die Causa Özil für aufgeregte Diskussionen. Viele können seine Handlungen und die Rassismus-Vorwürfe nachvollziehen, gleichzeitig aber wird Özil auch kritisiert.

https://p.dw.com/p/322aK
FIFA World Cup 2018 - Mesut Özil
Suedkorea - Deutschland 2:0.
Bild: picture-alliance/SvenSimon/F. Hoermann

Der ehemalige Trainer der bulgarischen Fußballnationalmannschaft Lothar Matthäus hat sich neulich mit Wladimir Putin ablichten lassen, was in Bulgarien kaum Aufmerksamkeit erzeugte. Ganz anders das Bild von Mesut Özil mit Erdogan. Das Foto zeigte Wirkung. Auch sein Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft und die Rassismus-Vorwürfe gegenüber dem Deutschen Fußballbund (DFB) sorgten für große Aufregung, besonders unter der türkischen Minderheit, die rund zehn Prozent der bulgarischen Bevölkerung ausmacht. Mehmed Yumer, Chefredakteur des türkisch-bulgarischen Infoportals "Obzor News", erklärt dieses Phänomen: "Durch Özil bekommen die bulgarischen Türken mehr Selbstvertrauen. Sie denken immer: Er spielt ja für Arsenal und in einer der stärksten Nationalmannschaften der Welt!"

Rassismus in Europa?

Genauso denkt auch der Betriebswirt Orhan Mümün aus Haskovo. Er fügt allerdings hinzu: "Özil ist eines der Gesichter des deutschen Fußballs. Er hätte sich darüber Gedanken machen müssen, bevor er sich mit einem Autokraten wie Erdogan hat fotografieren lassen." Gleichzeitig aber kann Mümün Özils Rassismus-Vorwürfe nachvollziehen. "Die Flüchtlingswelle hat dem Chauvinismus und dem Nationalismus in Europa einen Riesenschub gegeben." Beigetragen dazu habe aber auch die russische Propaganda, die die ganze Zeit grobe Lügen über die Flüchtlinge und über Muslime verbreitet habe, so Mümün.

Türkei Mesut Özils-Schild in Devrek
Auf dem Weg zur Ikone: In Devrek, der Heimatgemeinde seiner Eltern heißt nun eine Strasse nach ihm Bild: picture-alliance/AA/G. Yilmaz

Ecdan Remizoglu, ein Viehzüchter aus Isperih, glaubt, die negativen Reaktionen gegen Özil seien durch den "neuen-alten Rassismus-Trend" in Europa zu erklären. "Die ehemaligen Ostblockländer hassen grundsätzlich alle Türken und Roma. Und obwohl ich in Bulgarien aufgewachsen bin, fühle ich mich immer mehr mit der Türkei verbunden, mit den türkischen Sitten und Traditionen", erzählt Remizoglu.

Der Westen kann die türkischen Werte nicht verstehen

Der Zahnarzt Fikri Gülestan teilt diese Meinung und verteidigt Özils Handlungen: "Für die Türken ist 'anavatan' das Heimatland, eine feste Größe. Deswegen ist es weder anormal, noch unmoralisch sich mit dem Präsidenten fotografieren zu lassen. Die Europäer können es nicht verstehen, die östlichen und die westlichen Werte sind unterschiedlich. Kaum ein Türke würde sich weigern, sich mit dem türkischen Präsidenten ablichten zu lassen. Hätte sich Özil geweigert, wären alle Türken beleidigt."

Auch der Lokalpolitiker Kadir Mustafov aus Kardschali findet das Bild mit Erdogan durchaus in Ordnung: "Ob ich es persönlich getan hätte, weiß ich nicht, aber die Türken in Bulgarien und in der ganzen Welt unterstützen Özil. In den Augen der Türken in Deutschland ist er schon ein Held, weil für sie die ethnische Herkunft über allem steht."

Nationalismus hier, Nationalismus da

Unter den bulgarischen Türken sind aber auch kritische Stimmen zu hören. Der Bauingenieur Veli Sakir spricht von einem "türkischen Neo-Nationalismus", dessen Opfer der enttäuschte Özil sei. Er hätte sich mit Merkel und nicht mit Erdogan ablichten lassen sollen, meint Sakir, und fügt hinzu: "Er hat vergessen, welches Land ihn zum Weltstar gemacht hat! Davon profitiert nur Erdogan, der die Stimmen der Gastarbeiter in Europa gewonnen hat. Obwohl: Sie unterstützen ihn zwar, wollen aber keinesfalls zurück in die Türkei."

Länderspiel Deutschland Saudi Arabien Fan Protest Mesut Özil
Özil-Kritiker in Deutschland: Hätte er mal lieber nicht machen sollen Bild: Imago/Horstmüller

Auch die meisten bulgarischen Türken wollen nicht in die Türkei. Mehmed Yumer erinnert daran, dass sie seit Jahrhunderten in Bulgarien leben - viel länger also im Vergleich zu den Türken in Deutschland und Westeuropa. Trotzdem aber empfinden zurzeit viele bulgarische Türken einen erhöhten nationalistischen Druck - seitens der Mehrheitsbevölkerung, aber auch von der mitregierenden nationalistischen Partei "Vereinigte Patrioten". Fikri Gülestan spricht offen von einem schwierigen Integrationsproblem - in Bulgarien, in Deutschland, aber auch global: "Özil ist zu einem Symbol geworden, ein Symbol für die Integrationsprobleme der Minderheiten."