Zwangsstörungen: Wenn Kontrolle zwanghaft wird | Wissen & Umwelt | DW | 26.08.2020
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Psychische Erkrankungen

Zwangsstörungen: Wenn Kontrolle zwanghaft wird

Michaela muss alles kontrollieren, zwanghaft, wieder und immer wieder. Ist der Herd wirklich aus? Ganz bestimmt? Zwänge begleiten sie ständig und beeinträchtigen ihr Leben ganz erheblich.

"Obwohl ich den Herd gar nicht benutzt hatte, habe ich jede Platte berührt, um zu kontrollieren, dass er aus ist. Schließlich musste ich mir immer wieder sagen: 'aus! aus! aus', erzählt Michaela (Name von der Redaktion geändert).

Zwei rechts, zwei links

Schon als Kind gab es Rituale, die sie immer einhalten musste und von denen sie nicht abweichen konnte. Es gab Dinge, die eben einfach nicht 'erlaubt' waren. Davon war sie überzeugt. Jeden Abend war es haargenau derselbe Ablauf: Die Eltern bekamen immer auf jede Seite vier Gutenachtküsse, keinen mehr und keinen weniger. Diese Zahl stand fest, war wie in Stein gemeißelt. "Zwei rechts, zwei links und dann anders herum: zwei links, zwei rechts", beschreibt Michaela die Anfänge ihres Kontrollzwangs.

Heute ist sie 48, ihr Kontrollzwang ist geblieben. Noch immer muss bei ihr alles genau seitengleich sein. Auf ihrer Yogamatte liegt sie genau in der Mitte, mit exakt demselben Abstand rechts und links. "Wenn ich mich rechts kratze, muss ich mich auch links kratzen", sagt Michaela.

Für viele klingt das vielleicht einfach nur merkwürdig oder übertrieben. Aber es ist eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung, die nicht einfach zu diagnostizieren ist. "Es muss eine Beeinträchtigung im Alltagsleben geben, entweder im Berufsleben oder im sozialen Bereich", sagt Andreas Wahl-Kordon, Ärztlicher Direktor derOberberg Fachklinik im Schwarzwald. 

U-Bahnhof Oculus, Ground Zero, World Trade Center (picture-alliance/K. Irlmeier)

Symmetrie ist für Menschen mit einer Zwangserkrankung oft sehr wichtig

"Ein wichtiges Kriterium bei der Diagnose ist die Zeitdauer, den Zwangsgedanken oder auch die tatsächliche Beschäftigung damit einnehmen. Wenn Sie nochmals kontrollieren, ob die Kaffeemaschine wirklich ausgeschaltet ist, dann ist das in Ordnung. Wenn Sie das aber zwanzig Mal und öfter tun, ist das schon zwanghaft." 

Für Michaela gehören Zwänge zu ihrem Alltag. Das ist anstrengend, fordert viel Kraft und Energie. Es sei jedoch schon viel besser geworden, sagt sie. Das verdanke sie vor allem ihrem Psychiater Andreas Wahl-Kordon. Er ist eine Vertrauensperson und hat sie mehrfach auch stationär behandelt.

Es steht niemandem auf die Stirn geschrieben

Kontrollzwang ist eine Erkrankung, die oft in jungen Jahren beginnt, sich aber auch im Erwachsenenalter noch entwickeln kann. "Es ist eine häufige psychische Erkrankung, die aber meistens nicht direkt augenfällig ist, weil sie oft tabuisiert und verheimlicht wird", erklärt Wahl-Kordon.

Manchmal nehmen die Patienten und deren soziales Umfeld das manchmal etwas eigenartige Verhalten gar nicht wirklich ernst. Menschen mit einer   Zwangsstörung müssen sich erst einmal darüber bewusst werden, dass Ihr Verhalten krankhaft ist und bereit sein, eine Behandlung anzufangen.

Einen Schritt vor und zwei zurück

Um herauszufinden, ob es sich um eine Zwangserkrankung handelt, arbeiten Therapeuten meist mit verschiedenen Screeningfragen, etwa: Kommt es vor, dass Sie extrem viel putzen oder waschen? Beschäftigen Sie sich häufig mit Symmetrien? Gibt es Gedanken, die Sie nicht loslassen?" Damit habe man die wesentlichen Bereiche abgedeckt, sagt Wahl-Kordon. "Wichtig ist vor allem die Intensität, mit der solche Handlungen ausgeführt werden und die Zeit, die der Patient tatsächlich, aber auch in Gedanken damit verbringt." 

Bei der Therapie haben Ärzte, Psychotherapeuten und Psychiater dann verschiedene Methoden zur Verfügung, die sich in den letzten etwa dreißig Jahren bewährt haben.

"Bei vielen Patienten können wir durch verhaltenstherapeutisches Vorgehen sehr gute Erfolge erzielen. Kernelemente sind dabei Expositions- und Konfrontationsübungen", erläutert Wahl-Kordon.

Auch Michaela macht solche Therapien. Dabei muss sie Situationen zulassen, die sie fürchtet oder versucht zu meiden. So soll sie den Umgang mit ihren Zwängen und mit ihren Ängsten lernen. Die liegen oft weit zurück in der Vergangenheit.

Junger Mann steht bei trübem Wetter an der Ostsee (picture-alliance)

Menschen mit einer Zwangsstörung fühlen sich oft allein gelassen

"Ich hab‘ gedacht, ich bin schuld"

Als Michaela 16 war, starb ihre Schwägerin mit nur 28 Jahren. Für Michaela ein traumatisches Erlebnis und eines, das bei ihr schlimme Selbstvorwürfe ausgelöst hat. "Etwa eine Woche bevor meine Schwägerin gestorben ist, habe ich zu einer Freundin gesagt, dass es gar nichts gebe, worauf ich mich freuen könnte und dass ich geträumt hätte, meine Schwägerin wäre auf dem Friedhof hinter der Friedhofsmauer und könnte nicht raus. Als meine Schwägerin dann gestorben ist, habe ich mir große Vorwürfe gemacht. Ich dachte, es hätte an mir gelegen, weil ich doch so grundlos rum gejammert hatte." 

Diese Vorwürfe macht sie sich bis heute, und sie befürchtet irgendwie bestraft zu werden, wenn sie sich scheinbar ohne jeglichen Grund über etwas beklagt. Das ist nur eine von vielen Ängsten, die sich bei ihr manifestiert haben.

"Ich hatte immer größere Probleme, meine Wohnung zu verlassen"

Michaela hat Jura studiert. Während ihrer Zeit an der Uni begleitete sie ihr Kontrollzwang weiterhin und wurde zu einer nicht enden wollenden Tortur. "Mein Apartment hatte eine Küchenzeile in Sichtweite des Bettes. Abends musste ich immer von links nach rechts anfangen zu kontrollieren, ob alle Geräte ausgeschaltet waren: Herd, Kaffeemaschine und Wasserkocher. Hatte ich alle Stecker raus gezogen? Dann nochmal an der Kühlschranktür drücken, um zu sehen, dass sie auch wirklich zu ist. Dann alles wieder von vorn."

Eine Kaffeemaschinen (picture-alliance/dpa)

Ist die Kaffeemaschine auch wirklich ausgeschaltet?

Manchmal habe das Ganze mehrere Stunden gedauert, und manchmal habe sie sich morgens um vier Uhr voller Verzweiflung vor die Haustür gesetzt, weil sie es nicht geschafft habe, ins Bett zu gehen.

Die Kontrolle kontrollieren

Während ihres Studiums lernt Michaela ihren Mann kennen. Sie bezieht ihn sofort mit ein, bittet ihn darum, ihr bei ihren Kontrollen zu helfen. "Mein Mann war damals meine Rettung. Ich habe ihn gebeten, nach meinen Kontrollen noch eine allerletzte Nachkontrolle zu machen. Gefühlt hat er mir damit die Verantwortung abgenommen, falls etwa etwas anfangen sollte zu brennen, weil ich vergessen hatte, alles genau zu kontrollieren."

Rund zwanzig Jahre lang kontrollierte Michaela jeden Abend, ob ihr Mann auch richtig kontrolliert hatte – die Kontrolle der Kontrolle. Auch das ist dank der Therapie mittlerweile besser geworden.

"Ich hatte immer Angst, alles falsch zu machen"

Michaela war Fachanwältin für Strafrecht und Sozialrecht. Sie war in Ausschüssen und hat Vorträge gehalten. Sie hatte Anfragen von verschiedenen Verbänden, in Vorständen mitzuwirken. Sie war eine erfolgreiche Anwältin, zumindest nach außen. 

Ihre ständigen Selbstzweifel und ihr Kontrollzwang aber machten ihr das Leben so schwer, dass sie ihren Beruf schließlich an den Nagel hängen musste. "Ich hatte immer nur Angst, nichts richtig zu machen, nichts zu können, für alles zu dumm zu sein und dass ich nur durch reinen Zufall im jeweiligen Amt bin. Bei meiner Arbeit war ich aus meiner Sicht niemals ausreichend vorbereitet". sagt sie. 

Symbolbild Erbsenzählerei: Erbsen auf einem Tisch, daneben eine Strichliste (picture-alliance/blickwinkel/McPHOTO)

Die Dauer des jeweiligen Zwangsverhaltens ist wichtig für die Diagnose

"Wenn ich beispielsweise an einem Tag um 14 Uhr einen Termin hatte, war es mir an diesem Tag nicht möglich, noch irgendetwas anderes zu erledigen. Ich dachte immer, ich müsste mich für diese eine Sache noch weiter und weiter und immer weiter vorbereiten", beschreibt Michaela ihre damalige Situation. Irgendwann steigerten sich ihre Ängste so dramatisch, dass sie es nicht mehr schaffte, überhaupt in die Kanzlei zu gehen. 

"Der Zwang bestimmt irgendwann das komplette Leben", erklärt Wahl-Kordon. "Es gibt Betroffene, die sich vielleicht vollkommen zurückziehen, nicht mehr richtig essen und abmagern. Das sind dann die schwerwiegendsten Verläufe. Alles dreht sich nur noch um Zwänge." 

Ein Zwang kommt selten allein

Zusätzlich zu ihrem Kontrollzwang entwickelten sich bei Michaela weitere Zwänge. Vor allem der sogenannte Hortzwang macht ihr zu schaffen. Menschen mit diesen Symptomen sammeln alles Mögliche, ohne dass es dafür eine Notwendigkeit oder einen triftigen Grund gibt: kleine Notizen, alte Quittungen, Papiere, die längst nicht mehr gültig sind. Auch von Tageszeitungen kann sie sich schwer trennen.

Nach einem dreiwöchigen Urlaub stapelten sich die Tageszeitungen in der Wohnung, aber wegwerfen? Unmöglich. Schließlich könnte sich ja irgendwo zwischen den zahllosen Seiten, etwas Wichtiges verbergen und dann könnte sie es nicht mehr wiederfinden.

"Es fällt mir unglaublich schwer, etwas wegzuwerfen. Ich brauche sehr lange, um Sachen zu ordnen. Ich werde nie fertig. Es gibt einfach kein Ende. Ich denke, dass ich die Sachen vielleicht irgendwann nochmal brauchen könnte, und dann wären sie ja weg", resümiert Michaela.

Ein Haufen Zeitungen (Imago Images/F. Sorge)

Menschen mit Hortzwang können einfach nichts wegwerfen

Dass der Partner oder die Partnerin das Aufräumen übernimmt und Dinge wegwirft, sei keine Lösung‘, meint Wahl Kordon. "Dann bricht für die Betroffenen eine Welt zusammen. Das geht gar nicht. Es geht beim Horten ja auch oft um Gegenstände, die ich mit bestimmten Ereignissen oder Erlebnissen verbinde und von denen ich mich alleine deswegen einfach nicht trennen kann.

Das Entsorgen ist dann eine harte Konfrontationsübung, die der Patient mit psychotherapeutischer Unterstützung angehen muss. Häufig betrifft der Hortzwang gerade ältere Menschen. Im schlimmsten Fall können sie regelrecht vermüllen, weil sie es einfach nicht schaffen, Dinge wegzuwerfen."

"Aber vorher muss ich noch aufräumen"

Michaela versucht immer, alles so perfekt wie möglich zu organisieren und vorzubereiten, die Kontrolle über möglichst alles zu behalten. Das ist sogar der Fall, als ihr Suizidgedanken in den Sinn kommen, weil ihr die Dinge über den Kopf wachsen. "Es war an einem Sonntag, und ich hatte es tatsächlich geschafft, für die gesamte kommende Woche schon Ersatz für meine Termine zu organisieren."

Eine Frau wischt den Fußboden (picture-alliance/dpa/R. Hirschberger)

Ständiges Putzen kann zum Zwang werden

Schließlich würde sie ja in der darauffolgenden Woche ja nicht mehr leben. Dann aber, so erzählt sie, sei ihr Mann unerwartet nach Hause gekommen und habe ihre Pläne durchkreuzt. "Später habe ich immer gedacht, dass ich mich ja gar nicht umbringen kann, weil ich erst aufräumen muss. Der Gedanke, dass jemand sich an meinen Sachen zu schaffen macht, ist mir einfach unerträglich!"

Neue Perspektiven

Michaela hat sich ein neues Standbein geschaffen. Heute unterrichtet sie unter anderem Sozialrecht für Sonderpädagogen. Das fällt ihr leichter als ihre Arbeit als Anwältin. Sie kann sich dabei ganz anders einbringen, stellt sich auch schon mal als Beispiel zur Verfügung.

Schließlich müssten die angehenden Lehrkräfte ja lernen, mit Behinderten wie ihr umzugehen, meint sie. In ihrem Umfeld wüssten alle von ihrer Zwangserkrankung - bis auf ihre Familie. Die sei eine Ausnahme.

In den letzten Jahren hat sie Traumatherapien gemacht, Depressionstherapien und Expositionstherapien. Das hat geholfen. "Ich kontrolliere immer noch den Herd und den Kühlschrank. Ich muss immer noch alles richtig machen. Ich habe immer noch Angst, alles falsch zu machen. Aber verglichen mit dem, wie es mal war, ist jetzt alles viel, viel besser."

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