Zwangsarbeit für Fußball-WM in Katar? | Asien | DW | 16.10.2013
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Asien

Zwangsarbeit für Fußball-WM in Katar?

Tausende Südasiaten suchen jedes Jahr Arbeit in den reichen Golfstaaten. Sie träumen von einem besseren Leben. Aber die Fußball-WM 2022 in Katar wirft ein Schlaglicht auf die harte Realität, die viele dort erwartet.

"Man hatte mir einen Job in einer Autowerkstatt versprochen. Aber in Katar wurden wir Migranten von Bauunternehmern angeheuert." So erzählte es Bide Majakoti, ein Gastarbeiter aus Nepal, dem Internationalen Gewerkschaftsbund ITUC. "Sie zwangen uns, für alle möglichen Unternehmen zu arbeiten. Ich musste auf 100 und 200 Meter hohen Gerüsten arbeiten. Das war gefährlich, aber die Manager schauten weg und sagten, wir seien selber verantwortlich für unsere Sicherheit", berichtet Majakoti.

Der Nepalese war aufgebrochen mit der Hoffnung, in Katar schnelles Geld zu verdienen. Doch es kam ganz anders: "Ich hatte einen Kredit aufgenommen mit hohen Zinsen, um in das arabische Emirat ausreisen zu können. Aber dort erhielt ich keinen Lohn, und so konnte ich den Kredit nicht zurückzahlen. Ich brauchte Geld für eine Herzoperation, um das Leben meiner Tochter zu retten, und musste deshalb mein Land in Nepal verkaufen. Jetzt stecke ich in einer Krise."

Illegale Anwerbepraktiken

"Viele der rund 1,2 Millionen Gastarbeiter in Katar erleben Missbrauch und Ausbeutung in einer Dimension, die man als 'Sklaverei des 21. Jahrhunderts' bezeichnen könnte", heißt es in einem Bericht des ITUC. Die meisten sind ungelernte Arbeiter aus Nepal, Indien und Bangladesch. Viele haben Angst, gegenüber den Medien ihre Geschichte zu erzählen. Sie fürchten Repressalien und Abschiebung.

Gerüste und Kräne auf einer Baustelle in Doha (Foto: dpa)

Baugerüste auf Wolkenkratzern: Die Migranten müssen in Katar oft gefährliche Arbeitsplätze in Kauf nehmen

Die Misere der Migranten beginnt häufig schon vor ihrer Ankunft am Persischen Golf. Getrieben durch Armut, soziale Ungleichheit und fehlende Arbeitsmöglichkeiten in ihren Herkunftsländern verkaufen sie ihren geringen Besitz und leihen sich das Geld für die hohe Anwerbegebühr, die die lokalen Migrations-Agenten verlangen - sie liegt nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zwischen 3000 und 10.000 US-Dollar.

Die Probleme werden durch illegale Praktiken der Anwerbeagenturen verstärkt: "Die Vermittler locken die Arbeiter mit falschen Versprechungen, um ihren Profit zu steigern. Viele fälschen die Arbeitsgenehmigungen und die Verträge", erklärt Nandita Baruah, Expertin für Arbeitsmigration und Menschenhandel bei der asiatischen Entwicklungsorganisation "Asia Foundation" der Deutschen Welle. "Viele Migranten sind jedoch auf die Vermittlung angewiesen, sie haben keine anderen Ansprechpartner und kennen auch keine anderen Kanäle, über die sie legal ausreisen können."

Im Gastland sind die Gastarbeiter dann häufig unfairer Behandlung und Missbrauch an ihren Arbeitsplätzen hilflos ausgeliefert. "Viele erhalten dort weder die Jobs noch die Löhne, die ihnen versprochen wurden. Ihre Verträge werden zerrissen. Manche Unternehmer behalten zudem die Pässe ein", so ITUC -Generalsekretärin Sharan Burrow. "Hinzu kommt, dass die Männer häufig unter gefährlichen Bedingungen arbeiten müssen und sich nicht gewerkschaftlich organisieren dürfen." Viele Arbeiter berichten laut ITUC von überfüllten und extrem unhygienischen Arbeitslagern und einem Mangel an Trinkwasser.

Die Kritik wächst

Protestplakat Rote Karte für FIFA gegen die Durchführung der Fußball-WM in Katar (Foto: REUTERS)

Die internationale Kritik am Tod Dutzender Gastarbeiter im Zusammenhang mit den WM-Bauprojekten wächst

Die Ausbeutung der Gastarbeiter wird durch das sogenannte "Kafala"- System noch verstärkt. Es verbietet Arbeitern, den Job zu wechseln und das Land ohne Erlaubnis des Arbeitgebers zu verlassen. Das Arbeitsrecht Katars sieht zwar eine Begrenzung der Arbeitszeit vor und es verpflichtet Unternehmer zu angemessenen Löhnen, Unterkünften und Gesundheitsversorgung. Doch die Einhaltung dieser Vorschriften werde nur selten von den Behörden kontrolliert oder eingefordert, sagen Experten.

Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch aus diesem Jahr beschäftigt die Regierung Katars lediglich 150 Inspektoren. Deren Kontrollen schließen keine Gespräche mit den Arbeitern ein. Der Internationale Gewerkschaftsbund ITUC wirft dem Emirat vor, es sehe keine angemessenen Verfahren für die Beschwerden der Arbeiter vor. Auf eine Anfrage der Deutschen Welle zu diesen Vorwürfen antwortete das Arbeitsministerium in Doha nicht.

Während der an natürlichen Gasvorkommen reiche Golfstaat ein milliardenschweres Bauprogramm in Angriff nimmt, um als Gastgeber die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 auszurichten, gerät er international immer stärker unter Druck. Die Kritik am Tod Dutzender Gastarbeiter im Zusammenhang mit den WM-Bauprojekten wächst.

FIFA ist "sehr besorgt"

Ausgelöst wurde die Kritik durch einen Bericht der britischen Tageszeitung "The Guardian", dem zufolge während des Sommers in Katar - wo die Temperaturen bis auf 50 Grad steigen können - 44 nepalesiche Gastarbeiter gestorben sind.

FIFA-Präsident Sepp Blatter auf einer Pressekonferenz (Foto:Reuters)

FIFA-Präsident Sepp Blatter muss sich mit der Kritik an der Auswahl Katars für die WM 2022 auseinandersetzen

Katar reagierte auf diese Untersuchung mit der Ankündigung, man werde die Zahl der Inspektoren verdoppeln und eine unabhängige Anwaltskanzlei beauftragen, alle Klagen zu überprüfen. Die Behörden wiesen jedoch den Vorwurf zurück, dass nepalesische Migranten wie Sklaven behandelt würden. Der Weltfußballverband FIFA äußerte sich in einer Stellungnahme gegenüber der Deutschen Welle "sehr besorgt" über die Medienberichte. Er kündigte an, man werde die Vorwürfe im Zusammenhang mit der Missachtung des Arbeitsrechts und den schlechten Arbeitsbedingungen bei Bauprojekten für die Weltmeisterschaft bei den Behörden Katars ansprechen.

Veränderungen im System

Experten weisen darauf hin, dass sich der Missbrauch von Migranten und ihren Arbeitsrechten nicht auf Katar beschränkt. Auch in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Malaysia wurden ähnlich ausbeuterische Verhältnisse dokumentiert. Erhebliche strukturelle Veränderungen in den Aufnahmeländern werden notwendig sein, um die Arbeits- und Lebenssituation von Gastarbeitern zu verbessern, darin sind sich die Fachleute einig.

Allein das Emirat Katar wird in den kommenden Jahren etwa eine Million weitere Arbeiter brauchen, um die Infrastruktur auszubauen und Fußballstadien für die Weltmeisterschaft zu errichten. "Notwendig ist internationaler Druck, vor allem von Seiten der Staaten, die an der Fußball-WM teilnehmen und der Sportwelt", betont Nandita Baruah. "Wir müssen uns fragen, ob unser Gewissen uns erlaubt, in Stadien und Einrichtungen zu spielen, die mit dem Blut von Gastarbeitern gebaut wurden."

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