Zurück ins Leben gezeichnet: ″Katharsis″ nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo | Kultur | DW | 23.09.2015
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Kultur

Zurück ins Leben gezeichnet: "Katharsis" nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo

Der Karikaturist Luz hat sein Leben nach dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in einem Buch verarbeitet. Alpträume, Bilder, Erinnerungen – für ihn ein Neuanfang. Jetzt erscheint "Katharsis" auf Deutsch.

7. Januar 2015. Ein bewölkter Tag mit etwas Regen. Es ist 11.20 Uhr, als ein schwarzes Auto mit verdunkelten Scheiben in der Straße unweit vom Autobahnring von Paris hält. Wenig später stürmen schwer bewaffnete Attentäter die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo". An diesem Tag verliert Karikaturist Renald Luzier alias Luz nicht nur Freunde und Kollegen, sondern auch die Lust am Zeichnen. Frankreich erklärt sich unisono "Je suis Charlie", Luz bringt unter Schock das erste Heft der Satirezeitschrift nach dem gewaltsamen Anschlag heraus.

Ein therapeutisches Werk

Doch dann kommt die Leere, der dumpfe Schmerz, die Wut und das überwältigende Gefühl des Verlusts. Luz hat das Attentat nur überlebt, weil er eine Stunde zu spät zur Arbeit erschien. Die Frage: "Warum wurden sie erschossen und nicht ich?" nagt an ihm, das schlechte Gewissen des Überlebenden treibt ihn um, lässt ihn keine Ruhe zum Zeichnen finden. "Eines Tages ist mir das Zeichnen abhanden gekommen. Am selben Tag wie auch eine Handvoll teurer Freunde", schreibt er auf. Luz beginnt alles niederzuschreiben, was in ihm brodelt, und nach und nach kehrt auch das Verlangen zurück, zum Zeichenstift zu greifen.

So entsteht "Katharsis", ein nahezu therapeutisches Buch, in dem der Karikaturist seine Erinnerungen und Alpträume nach dem Attentat verarbeitet. "Katharsis" ist der Versuch von Charlie-Redakteur Renald Luzier, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. "Das Buch legt kein Zeugnis über das Geschehen ab", sagt er. "Noch weniger ist es ein Comic, stattdessen die Geschichte des Wiedersehens zweier Freunde, die sich beinahe nicht wiedergesehen hätten."


Zwiegespräche mit einem Vampir

Charlie komme natürlich darin vor, ebenso wie Charb und Cabu, zwei seiner getöteten Kollegen. Aber auch die Polizei, die Kindheit, rote Augen, Poesie, eine Taube, Rock'n'Roll und das französische Chanson, lässt der Verlag Futuropolis wissen. Luz führt sogar ein Zwiegespräch mit diesem dumpfen Gefühl in seinem Bauch, dem er einen Namen gibt: Ginette.

Er redet mit seinem Doppelgänger - am Grab seines ermordeten Freundes Charb, des ehemaligen Chefredakteurs der Satirezeitschrift. Auch ein Vampir kommt vor, der den Zeichner voller Mitgefühl in die Arme schließt: "Danke, dass du da bist, ich werde mich immer an den 7. Januar erinnern." Und schließlich thematisiert Luz die Omnipräsenz der Polizei-Eskorte, die ihn bis in sein Schlafzimmer verfolgt und den Sex mit seiner Freundin überwacht.

Kaleidoskop wechselnder Gefühle

Ende April 2015 hatte der 43-Jährige Luz angekündigt, er wolle keine Karikaturen des Propheten mehr zeichnen, weil ihn "die Persönlichkeit Mohammed" nicht mehr interessiere. Aber ein fundamentalistischer Moslem findet trotzdem seinen Weg in sein Buch "Katharsis", in einem Nebensatz. Bei einem psychologischen Rorschach-Test fragt der Moslem:" Rorschach, ist das nicht ein jüdischer Name?"

Das Buch von Luz, mit kleinen Geschichten, in denen sich dann doch auch der Zeichenstift wieder zu Wort meldet, ist ein Kaleidoskop unterschiedlichster Gefühle: Momentaufnahmen am Tag 1 nach dem schrecklichen Attentat. Luz beleuchtet darin seinen Alltag nach diesem traumatischen Einschnitt in seinem Leben, bringt seine Gedanken zu Papier, vergießt Tränen und findet am Schluß das Lachen wieder. "Der Autor erwacht zu neuem Leben", schreibt der Verlag, "Es ist ein unglaubliches und ein notwendiges Buch." Am Ende des Buches kritzelt der Mann mit der großen Brille eine Seite voller Strichmännchen, deren Augen weit aufgerissen sind. Doch die Figuren sind nicht mehr erstarrt, sondern laufen vorwärts.

Auf Französisch ist "Catharis" im Verlag Futuropolis erschienen. Am 24.September 2015 kommt "Katarsis" auf Deutsch im Verlag S. Fischer, Frankfurt/M. heraus.