Zulassen und vertrauen | Spurensuche | DW | 21.08.2019
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Spurensuche

Zulassen und vertrauen

"Gott, der uns trägt“: ein Psalmvers aus der Todesanzeige ihrer Nachbarin bewegt Dr. Christine Hober von der katholischen Kirche. Wann lässt sich ein Schicksal im Vertrauen auf Gott wirklich annehmen?

Sonne in Händen (velora/Fotolia)

 „Gott, der uns trägt und unsere Hilfe ist“: Wann ist der Moment, Fragen und Zweifel in Gottes Hand zu legen, um das eigene Schicksal im Vertrauen auf Gott anzunehmen?

Auf meinem morgendlichen Spaziergang mit meiner Hündin treffe ich neuerdings täglich unseren Nachbarn. Bernhard grüßt immer freundlich, ist stets ansprechbar und niemals schlecht gelaunt. Dafür bewundere ich ihn, denn Bernhard trägt eine schwere Last: Neben seinem Job begleitet er seine Frau Sabine, der nach ihrer Krebsdiagnose nur noch wenig Zeit zum Leben bleibt, außerdem kümmert er sich liebevoll um die gemeinsamen Kinder.

Einige Wochen später entdecke ich in der Zeitung Sabines Todesanzeige mit der Überschrift: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“ Dieser Vers aus Psalm 68 spiegelt die Zuversicht und das heitere Vertrauen, wegen dessen ich Bernhard immer bewundert habe. In der Mitte des Lebens ein solches Schicksal mutig anzunehmen, zumal die Kinder ihren Weg ohne die Begleitung ihrer Mutter gehen müssen – das erscheint mir schwer vorstellbar…

Mehr gläubige Gelassenheit

„Gepriesen sei der Herr, Tag für Tag…“ – ich fühle mich zutiefst beschämt und frage mich, wann ich eigentlich zuletzt den Herrn gepriesen habe –Tag für Tag sicher nicht. Obwohl ich allen Grund dazu hätte. Doch immer wieder lasse ich mich von den wiederkehrenden, manchmal einfach nur nervigen Problemen meines ganz normalen Alltags aus der Spur bringen, die mit einer Portion gläubiger Gelassenheit gewiss leichter zu ertragen wären.

„Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“ In der Bibel steht am Ende dieses Verses „Sela“. In den Psalmen des Alten Testaments steht „Sela“ für ein oft wiederkehrendes Tonzeichen, das im Gesang als Angabe eines Ruhepunktes gedeutet wird oder das Schlusszeichen einer Strophe markiert. „… der Gott, der unsere Hilfe ist, sela“, das heißt nicht weniger als: wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott an unserer Seite ist. Dieser Psalmvers lädt uns ein, innezuhalten: die Zeit der Fragezeichen und die Zeit unserer Fragen an Gott ist vorbei. Denn Gott trägt uns, Gott ist unsere Hilfe, so formuliert es dieser Psalm Davids, der wahrscheinlich zu den ältesten der alttestamentlichen Psalmen gehört. Ein Psalm, der einen umfassenden Lobpreis auf Gott und seine Taten zum Inhalt hat und der auch davon spricht, dass „Gott der Herr“ herausführen kann „aus dem Tod“ (68,21).

„Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist“ – die Worte dieses Psalms begleiten mich nun Morgen für Morgen auf meinem Spaziergang mit meiner Hündin. Natürlich treffe ich auch irgendwann Bernhard wieder und spreche ihn auf die Traueranzeige an. Er erzählt, warum Sabine diesen Psalm gewählt hat und dass der Weg zum vertrauensvollen Fallenlassen für sie beide mit vielen Fragezeichen versehen war. Warum ausgerechnet Sabine, warum diese furchtbare Krankheit, warum das alles – warum gerade ihr und ihrer Familie eine solche Last aufgebürdet wurde. Doch Sabine sei im Glauben fest verwurzelt gewesen, das habe ihr geholfen, ihre Fragen und Zweifel irgendwann in Gottes Hand zu geben und ihr Schicksal im Vertrauen auf ihn anzunehmen. Die dichterische Sprache der Psalmen habe Sabine schon immer gefallen und im Lesen der Psalmen habe sie Stärke und Ruhe gefunden.

Vertrauen, das Zuversicht und Gelassenheit schenkt

Irgendwann sei dann die Zeit der Fragezeichen vorbei gewesen: das war die Zeit, als sie sich entschied, keine weitere Therapie mehr zu machen. Eine Behandlung mit den üblichen negativen Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen hätte all ihre Kraft und Konzentration für ein zeitlich begrenztes Überleben gefordert. Die Möglichkeit einer inneren Einkehr, eines bewussten Sich-Aussöhnens mit ihrem Leben und mit Gott wäre ihr dann vielleicht nicht mehr möglich gewesen. Sabine wollte vorbereitet sein, auf das, was sie in der Stunde ihres Todes und jenseits des Todes erwartete. Ihr Vertrauen darauf, dass Gott sie trägt und auf die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, haben ihr schließlich die Zuversicht und Gelassenheit geschenkt, zu beten: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“

 

Christine Hober, Dr. der Theologie, arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

 

 

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann