Zu wenig Klimaschutz im Unterricht? | Wissen & Umwelt | DW | 08.01.2020
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Erderwärmung

Zu wenig Klimaschutz im Unterricht?

Seit rund einem Jahr demonstrieren viele Schülerinnen und Schüler für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Eine UN-Regel sieht die Themen auch als Unterrichtsstoff vor. Im Alltag der Schulen sieht das oft noch anders aus.

Anfang November sorgte eine Ankündigung aus Italien für Schlagzeilen: Bildungsminister Lorenzo Fioramonti verkündete, er werde den Klimaschutz zum verpflichtenden Lehrinhalt in allen staatlichen Schulen machen. Etwa eine Schulstunde pro Woche soll Aspekte rund um den Klimawandel demnach ab Herbst 2020 thematisieren. Das Ziel sei es, Nachhaltigkeit und Klima zum Zentrum des Bildungsmodells zu machen.

Tatsächlich sind Italien aber auch Deutschland und alle weiteren Unterzeichnerstaaten der Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen (UN) zur Förderung einer "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE) verpflichtet. Die BNE gehört zu den "17 Zielen", welche die Staaten im Rahmen der Agenda bis 2030 umsetzen müssen. Laut UN-Kulturorganisation UNESCO ist dafür unter anderem eine "Integration von BNE" in die Lehrpläne erforderlich.

Keine einheitlichen Standards für die Klimabildung

Dass dabei das Thema Klimawandel nicht außen vor bleiben kann, ist für Gerhard de Haan, Professor für Zukunfts- und Bildungsforschung, selbstverständlich. "Der Klimawandel ist ein epochales Thema, weil es uns zentral betrifft und die Welt verändert, deswegen ist es enorm wichtig, dass es auf die schulische Agenda gesetzt wird", sagt der Leiter des Instituts Futur der Freien Universität Berlin. De Haan berät die "Nationale Plattform BNE", das oberste Lenkungsgremium für die Umsetzung der UN-Ziele im Bereich der nachhaltigen Bildung in Deutschland.

Fridays-for-Future-Demo in Aachen (21.06.2019) (imago images/J. Tack)

Fridays-for-Future-Demo in Aachen (im Juni 2019): Klimawandel auch Thema im Unterricht?

In einigen Fächern, wie etwa in Erdkunde, findet man den Klimawandel laut de Haan teils in den neueren Bildungsplänen verankert. Einheitliche Standards, wie intensiv der Wandel und andere Nachhaltigkeitsthemen im Unterricht vermittelt werden, gebe es aber nicht.

Hilde Scheper-Golombek zeigt auf eine Seite im Lehrbuch "Biologie heute". Unter Punkt 12, "Mensch und Umwelt" werden hier für die Klasse acht auf je einer Seite Themen wie Klimawandel, Treibhauseffekt oder die Ökobilanz von Produkten behandelt. Scheper-Golombek ist Biologielehrerin an einer Gesamtschule in Witten, Nordrhein-Westfalen. Ihr liegen Umweltthemen am Herzen - aber im Unterricht, sagt sie, reiche oft die Zeit für eine Vertiefung solcher Themen nicht. "Meist schafft man nur das, was für die nächste Klausur unbedingt gelehrt werden muss. Und in der Oberstufe richten wir unseren Unterricht danach aus, was im Abitur vorkommt."

Informationen aus den Medien statt der Schule

Mit ihren Erfahrungen ist die Biologielehrerin nicht allein, zeigen Untersuchungen von Bildungsforscher de Haan. Oft seien die Bildungspläne so voll, dass die Zeit sogar in den zentralen  Fächern wie Sprachkompetenz oder Mathematik kaum reiche.

"Wenn man junge Menschen fragt, ob sie dem Komplex von Nachhaltigkeit im schulischen Kontext begegnet sind, dann sagen nur wenige ja - aber mehr als ein Drittel sagt, er sollte zentrales Thema innerhalb der Schule sein", berichtet de Haan. Und: "Die meisten Schüler geben an, ihre Informationen darüber aus den Medien zu haben." 

Deutschland YouTuber Rezo (picture-alliance/dpa/Privat)

Mit seinem Video über die CDU und den Klimawandel erreichte YouTuber "Rezo" Millionen

Den Lehrerenden gehe es übrigens ähnlich, sagt der Forscher. In ihrer Fortbildung sei das Thema bisher nicht fest verankert. Im günstigsten Fall nehme eine Lehrkraft alle fünf bis zehn Jahre einmal an einer Fortbildung zum Thema Nachhaltigkeit teil. Ob es dabei dann auch um den Klimawandel gehe, sei nicht gesagt.

16 Bundesländer - 16 Herangehensweisen 

In Deutschland liegt die Hoheit über die Bildungspolitik bei den einzelnen Bundesländern. Jedes der 16 Ländern entscheidet selbst, welche Schwerpunkte wie und wo in den Bildungsplänen gesetzt werden - auch was die Ziele der von der UN geforderten Bildung für nachhaltige Entwicklung angeht.

"Es gibt große Unterschiede, wie die einzelnen Bundesländer an diese Themen herangehen", erzählt Erika Takano-Forck. Als stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats ist sie Mitglied der "Nationalen Plattform BNE", dort im Fachforum Schule engagiert. Als positives Beispiel nennt Takano-Forck Baden-Württemberg. Hier sei die Nachhaltigkeitsbildung zu einer der vier Säulen des Schulsystems ernannt worden. Und Nordrhein-Westfalen habe sogar eine eigene BNE-Landesstrategie verabschiedet.

Karte Infografik Die 16 Bundesländer und ihre Hauptstädte Deutsch DEU (DW)

Die Bundesländer bestimmen ihre eigene Bildungspolitik, in der Kultusministerkonferenz stimmen sie sich in manchem ab

Tatsächlich, auf Anfrage schickt das NRW-Bildungsministerium eine sehr detaillierte Liste, die zeigt, wie der Klimawandel in den verschiedenen Fächern, den verschiedenen Jahrgangsstufen und an den verschiedenen Schulformen laut Lehrplänen behandelt werden soll. Eine "vertiefte" Auseinandersetzung finde "vor allem in den Unterrichtsfächern Erdkunde, Physik und Chemie statt", heißt es aus dem Ministerium.

"Es fehlen die Zusammenhänge"

Ein Blick in die Unterrichtsinhalte des Fachs Erdkunde an der Wittener Gesamtschule zeigt: Hier sind die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit deutlich stärker verankert als in der Biologie. Explizit genannt wird der Klimawandel als Lehrinhalt der neunten Klasse. In Klasse elf bildet er einen Schwerpunkt. Doch das heißt nicht, dass alle Schüler in der elften Klasse dem Thema begegnen - denn in Nordrhein-Westfalen ist Erdkunde kein Pflichtfach in der Oberstufe. 

Auch die Fächer Chemie und Physik könnten Oberstufenschüler unter bestimmten Bedingungen abwählen, kritisiert Danielle Schulte am Hülse. Sie lehrt Kunst, Geschichte und Politik an einem Düsseldorfer Gymnasium und engagiert sich bei den "Teachers for Future".

"Wenn man die Schüler fragt, dann sagen sie zwar so etwas wie 'In Erdkunde ging es um die schmelzenden Polkappen' oder sie erinnern sich, dass auch in Physik über die Erderwärmung gesprochen wurde. Aber die vielfältigen Zusammenhänge des Klimawandels werden ihnen in der Schule nicht vermittelt", sagt Schulte am Hülse. Eine Forderung der "Teachers for Future" laute deswegen, dass Klimawandel und Nachhaltigkeitsthemen im Sinne der BNE-Ziele fächerübergreifend behandelt werden müssen, erklärt die Kunstlehrerin.

Vom Wissen zum Handeln

Bruce Phillips, Lehrer an einer privaten Schule in Berlin, hat noch ein weiteres Anliegen. Schule müsse nicht nur Wissen über den Klimawandel vermitteln, so sagt Phillips, sondern auch Handlungsanleitungen für Klimaschutz bekannt machen. Das aber fehle in den meisten Schulbüchern. "Es gibt zwar Tipps für generellen Umweltschutz, etwa zum Thema Recycling. Mit Recycling aber kann man nicht gegen den Klimawandel vorgehen", meint Phillips. Er legte sein Anliegen dem Berliner Senat dar, dort aber sah man keinen Handlungsbedarf, auf eine entsprechende Änderung der Bücher hinzuwirken, erzählt er. Jetzt will sich Bruce Phillips direkt an die Schulbuchverlage wenden. 

Andere Länder, wie etwa Südkorea, Schottland oder auch Finnland, sind laut Erziehungswissenschaftler de Haan in Punkto Klimabildung in den Schulen deutlich besser aufgestellt als Deutschland. Dort seien die Curricula mit Schwerpunkt auf die Nachhaltigkeitsthematik überarbeitet worden.

Besonders Finnland sei durch sein neues Konzept des Phänomenunterrichts ein Vorbild. Bis 2020 müssen dort alle Schulen pro Jahr ein Fach anbieten, in dem Ereignisse wie der Klimawandel unter verschiedenen Blickpunkten untersucht werden, also beispielsweise geschichtlich, geografisch und mathematisch. Und, so de Haan: "Nachhaltigkeit ist darin zentral."

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