Zu spät, um die Welt zu retten? | Wissen & Umwelt | DW | 15.09.2013
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Wissen & Umwelt

Zu spät, um die Welt zu retten?

Das Interesse am Klima scheint vorbei zu sein. Deutsche Forscher finden das alarmierend und fordern zum Handeln auf. Sonst steigen die Kosten für Klimaschäden dramatisch an, so das Fazit ihrer Studie.

Ottmar Edenhofer muss ein Optimist sein. Seit Jahren warnt der Klimaexperte vor den Folgen des Treibhauseffekts, als Chefökonom am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und als Mitglied im globalen Weltklimarat.

Aber die Staaten haben bislang nicht so richtig zugehört, sie tun es eigentlich immer weniger. Die Emissionen steigen, das Kyoto-Protokoll, bislang einziger globaler Klimavertrag, wird nur noch von einer Handvoll Länder eingehalten. Und doch hält Edenhofer am Zwei-Grad-Ziel fest, das auch Politiker gern hochhalten, aber selten wirklich beachten. Am Donnerstag (12.9.2013) sagt Edenhofer in Berlin: "Das Zwei-Grad-Ziel ist erreichbar, aber es ist eine große Herausforderung."

Damit meint er, dass die Durchschnittstemperatur der Erde bis 2100 nicht um mehr als zwei Grad steigen dürfe - das wäre dann zwar ein Klimaeffekt, aber einer, der von der Menschheit noch beherrscht werden könnte. Um rund ein Grad ist die Temperatur schon gestiegen, seit der Mensch im großen Maßstab Kohlenstoffe verbrennt, also seit 1850 etwa.

Warten wird teuer

Ottmar Edenhofer Foto: Andreas Gebert dpa/lby

Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Edenhofer stellt gerade eine Studie vor, die sein Institut im Auftrag des Umweltbundesamtes erarbeitet hat. Tenor: Wenn die Weltgemeinschaft nicht bald eine wirksame Klimaschutzpolitik betreibt, werden sich die Kosten der Staaten für den Kampf gegen die Folgen verdreifachen.

Wird 2015 der Klimavertrag beschlossen - auf der dann in Paris stattfindenden Weltklimakonferenz -, dann würde das Wirtschaftswachstum weltweit um zwei Prozent kurzfristig abnehmen, weil die Staaten viel Geld für Schritte gegen den Treibhauseffekt ausgeben. Käme der Vertrag erst 2030, wären es schon sieben Prozent, heißt es in Edenhofers Studie.

Das müsste den Politikern doch zu denken geben, findet der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth: "Es gibt keinen Grund für eine Laissez-faire-Haltung, ob man nun Optimist oder Pessimist ist. Wir können noch handeln, müssen es aber jetzt tun."

Kohlendioxid muss teuer werden

Erreichen will Edenhofer die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels mit fast utopisch anmutenden Schritten: Ein weltweites Handelssystem für Kohlendioxid müsse her, fordert er, mit Preisen zwischen 20 und satten 50 Euro pro Tonne. Nur so würden fossile Energieträger so teuer, dass die Wirtschaft umsteige auf andere Energiearten. Derzeit gibt es nur vereinzelt solche Märkte, etwa in Europa - dort liegt der Preis der Tonne CO2 bei gerade mal drei Euro.

Edenhofer glaubt dennoch, dass die Staaten schon bald einen weltweiten CO2-Markt schaffen. "Selbst Staaten, die sich kaum für Klimaschutz stark machen, wollen einen höheren CO2-Preis, weil sie dringend Geld etwa für die Bildung brauchen. Nach der Finanzkrise aber sind die klassischen Steuermittel knapp, eine neue Abgabe für die Umwelt ist da sehr begehrt."

Kohlekraftwerk REUTERS/Pawel Kopczynski/Files

Kohlendioxid auszustoßen muss mehr Geld kosten, meint Edenhofer

Energie aus Pflanzen

Für viel Zündstoff in der Debatte könnte eine andere Idee Edenhofers sorgen: Neben den klassischen erneuerbaren Energien wie Wind- und Sonnenstrom plädiert er für einen hohen Anteil an Biomasse, dessen CO2 abgeschieden und in tiefen Erdschichten eingelagert werden soll.

Biopflanzen für die Energiegewinnung werden aber von vielen Experten als wenig nachhaltig angesehen, weil Pflanzen eigentlich zur Herstellung von Nahrungsmitteln dienen sollten. Aber ohne einen hohen Biomasseanteil, so der Klimawissenschaftler, könne man das Zwei-Grad-Ziel abschreiben. Und ohne Klimavertrag werde es die neue Technologie sowieso kaum geben: "Kein Mensch wird darin investieren, wenn die Staaten nicht durch einen gemeinsamen Vertrag dazu gezwungen werden", meint Edenhofer.

Optimismus trotz Fehlschlägen

Fazit: Ein etwa um das Zehnfache erhöhter CO2-Preis, eine neue, noch gar nicht entwickelte, umstrittene Technik, um Biomasse umweltgerecht zu verfeuern - Edenhofer glaubt daran, dass das alles möglich ist. Aber er hat, was vielen Politiker fehlt: den Willen, das Klimaproblem zu lösen.

Die Politik tritt derweil auf der Stelle: Zwei Jahre vor der Pariser Konferenz ist noch nicht einmal in Ansätzen zu erkennen, wie ein neuer Klimavertrag aussehen könnte - und vor allem, wer ihm beitritt.

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