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Zu Besuch bei Bach

Suzanne Cords29. April 2012

Im thüringischen Eisenach steht das erste Museum, das Johann Sebastian Bach gewidmet wurde. 1907 öffnete es seine Pforten, und bis heute ist der Besucherandrang beim berühmtesten Sohn der Stadt ungebremst.

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Bachhaus in Eisenach (Foto: Suzanne Cords) Zugeliefert von Suzanne Cords
Bild: DW

"Eins der ersten Exponate, das ich Ihnen zeigen will, ist die Tür von der Leipziger Thomasschule, in der Bach 27 Jahre als Kantor gewohnt hat", sagt Uwe Fischer. "Für viele Besucher ist es natürlich ganz wichtig, über die Schwelle zu treten, über die schon Johann Sebastian Bach gelaufen ist."

Wie bereits seit über 100 Jahren lauscht die Besuchergruppe gebannt dem Museumsführer, der mit ihr eine Zeitreise in Bachs Welt startet. Seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte der Komponist, Musiker und Kantor des berühmten Leipziger Thomanerchors in Eisenach. Anders als viele Besucher vermuten, ist der begnadete Musiker allerdings nicht im Bachhaus geboren, gesteht Museumsdirektor Dr. Jörg Hansen. "20 Jahre nach der Eröffnung hat man durch Steuerakten herausgefunden, dass das Haus, in dem Bach geboren ist, leider schon abgerissen ist. Das stand 100 Meter weiter."

Trompetengeige, Barock-Keyboard und Orgelprunkstück

Auch wenn Bach nie in dem Bürgerhaus aus dem 15. Jahrhundert gelebt hat: Der Ausstellung tut das keinen Abbruch. Liebevoll hat man zahlreiche Gegenstände, Schriften, Noten und natürlich Musikinstrumente von einer Trompetengeige bis hin zur Glasharmonika zusammengetragen, Bachs Studierzimmer, Schlaf- und Wohnstube nachgestellt, und im Instrumentensaal des Museums kann der Besucher in die Musik des 17. Jahrhunderts eintauchen.

Museusmpädagoge Uwe Fischer im Bachhaus Eisenach (Foto: Suzanne Cords)
Uwe Fischer ist Herr des InstrumentensaalsBild: DW

Auf Orgel, Cembalo, Spinett oder dem Clavichord gibt Instrumentenwart Uwe Fischer den Besuchern musikalische Kostproben aus Bachs Werken. Das Clavichord habe der Musiker am liebsten gespielt, erzählt er, weil er es für das beste Instrument zum Studieren sowie zur musikalischen Privatunterhaltung gehalten habe: "Es war ein nicht zu lautes und damit nachbarfreundliches Instrument", erläutert Fischer, "und außerdem mit 15 Kilo reisetauglich, denn auch Bach musste unterwegs üben. Es war sozusagen das Keyboard der Barockzeit."

Besonders stolz ist man im Bachhaus auf die jüngste Neuerwerbung, eine thüringische Barockorgel von 1650. Bachhaus-Direktor Hansen entdeckte sie beim Surfen im Internet in einem bayerischen Auktionshaus und setzte alles dran, das seltene Stück nach Hause zu holen: Bis dato hatte man nämlich im ganzen Haus keine einzige thüringische Orgel. "Die große Frage ist, ob Bach das Instrument auch kannte", sagt er. "Man möchte es fast unterstellen, denn es ist in jedem Fall eine Orgel aus dem unmittelbaren Umkreis von Johann Sebastian Bach, und das ist schon ein tolles Gefühl, so eine Orgel im Haus zu haben."

Direktor Dr. Jörg Hansen (Foto: Suzanne Cords)
Bachhaus-Direktor Dr. Jörg Hansen ist stolz auf den NeuerwerbBild: DW

Beseelte Bälge und begehbare Musikstücke

Schon zu Lebzeiten genoss Johann Sebastian Bach einen exzellenten Ruf. Er arbeitete als Kirchen- und Hoforganist, als Hofkapellmeister und schließlich als Thomaskantor in Leipzig. Der Rektor der Thomasschule, Johann Matthias Gesner, schwärmte damals über seinen Kollegen: "Wenn du Bach sehen könntest, wie er mit beiden Händen und allen Fingern das Klavier spielt oder das Instrument der Instrumente, dessen unzählige Pfeifen durch Bälge beseelt werden, wie er von hier aus mit beiden Händen, von dort aus mit hurtigen Füßen über die Tasten und Pedale eilt, wie der Rhythmus ihm in allen Gliedern sitzt!"

Bach hinterließ der Nachwelt ein Werk von unerschöpflichen Dimensionen, seine Choräle, Orgelwerke und allen voran die Matthäuspassion erfreuen sich bis heute weltweit größter Beliebtheit. Längst hat das alte Bachhaus einen modernen Anbau bekommen, um sein Werk den Besuchern zeitgemäß präsentieren zu können. Der beherbergt unter anderem das "Begehbare Musikstück": In einem dunklen Raum wird ein Film mit einem musikalischen Motto an die 180-Leinwand projiziert, und dazu erklingt Bachsche Orgelmusik.

Moderne Gesichtsrekonstruktion des Komponisten Johann Sebastian Bach ( Foto: Martin Schutt dpa/lth c) dpa -)Bildfunk
So soll Bach ausgesehen habenBild: picture-alliance/dpa

Bach-Renaissance in der Romantik

Der neueste Film zeigt die Matthäuspassion als Blockbuster, dirigiert von dem Kölner Echo-Preisträger Christoph Spering, der das bekannte Werk in der Mendelssohnschen Fassung aufführte. 1829 präsentierte der damals gerade 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy in Berlin in Anwesenheit des preußischen Königs und seines Hofstaats, des Philosophen Hegel, des Dichters Heinrich Heine und anderer illustrer Zeitgenossen seine musikalische Interpretation von Bachs Meisterwerk und leitete damit geradezu eine Bachrenaissance ein.

"Das neuerwachte Interesse für Bachs Musik, aber auch dass Bach auf einen nationalen Sockel gelangt ist, so dass er als der deutsche Komponist, das deutsche Genie plötzlich gefeiert wurde: Das erklärt sich aus diesem Ereignis in Berlin", erklärt Bachhaus-Direktor Hansen.

Gott zu Ehren

"Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gegenwart" war Bachs Wahlspruch. Er war ein gläubiger Mensch, aber kein Heiliger, erfährt man im Bachhaus. So prügelte er sich schon mal mit einem seiner Schüler oder landete im Weimarer Gefängnis, weil er sich seinem Dienstherrn gegenüber "renitent und halsstarrig" verhielt. Doch wenn er komponierte, vergaß er die Welt um sich herum und schuf seine Werke Gott zu Ehren.

Zehen gebote. Liederbuch von Martin Luther im Bachhaus Eisenach (Copyright: Bachhaus)
Luther verfasste das erste deutsche GesangbuchBild: Bachhaus

Kein Wunder also, dass der bekennende Protestant dem Reformator Luther ein musikalisches Denkmal setzte. Luther schrieb zahlreiche Kirchenlieder; ihm ist das erste deutsche Gesangsbuch zu verdanken, das Bach wiederum auf seine ganz eigene Weise vertonte. Mehr darüber erfährt man zurzeit im Bachhaus in einer Sonderausstellung. "Oder eher Sitzung", lächelt Hansen. "Man muss sich hier hinsetzen und einen Kopfhörer nehmen, und dann kann man das Lied hören und mitsummen. Denn die wunderbare Musik ist es, die die Leute hierher bringt."