Zahl der Obdachlosen in England verdreifacht | Politik & Gesellschaft | DW | 22.08.2018
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Gesellschaft

Zahl der Obdachlosen in England verdreifacht

Etwa 300.000 Menschen sind Schätzungen zufolge in England obdachlos. Seit Beginn der harten Sparpolitik der konservativen Regierung hat sich ihre Zahl verdreifacht. Ein neues Gesetz setzt auf Prävention.

"Bei uns zu Hause war dicke Luft", erzählt Brogan. "Als sie mich dann rausgeworfen haben, bin ich hierhergekommen." Die 18-Jährige sitzt auf einem plüschigen Sofa. Sonne fällt durch die typischen englischen Erkerfenster in den Aufenthaltsraum des Wohnheims für junge Wohnungslose. Die Organisation Roundabout bietet hier in Sheffield 27 Jugendlichen ein Zuhause.

300.000 Menschen sind in England obdachlos, schätzt die Wohltätigkeitsorganisation Shelter. Seit Beginn der harten Sparpolitik der konservativen Regierung im Jahr 2010 ist ihre Zahl stark gestiegen. Nun hat auch die Regierung das Problem erkannt.

Die Regierung setzt auf mehr Prävention

Mitte August stellte der Minister für Gemeinden und Wohnungsbau, James Brokenshire, eine Gesetzesinitiative vor. Ihr Ziel: 2027 soll niemand mehr auf der Straße schlafen müssen. Seit April sind Kommunen verpflichtet, bereits am Tag der Kündigung eines Mietvertrags Hilfe anzubieten. Krankenhäuser, Gefängnisse und Jobcenter müssen Menschen direkt ans Sozialamt verweisen, wenn das Risiko besteht, dass sie obdachlos werden könnten. Mit dem "Gesetz zur Reduzierung der Obdachlosigkeit" (Homelessness Reduction Act) setzt die Regierung also auf frühere Prävention.

Nordirland | Minister James Brokenshire (picture-allicance/empics/N. Carson)

Minister für Gemeinden und Wohnungsbau, James Brokenshire

Obdachlosigkeit stark angestiegen

Die Konservativen standen bei dem Thema schon seit längerem unter Druck. Obdachlosigkeit ist längst nicht mehr auf London mit seinem chronisch überhitzen Immobilienmarkt beschränkt. Im vergangenen Jahr gewann der Labour-Politiker Andy Burnham die Wahl zum Bürgermeister von Greater Manchester auch mit dem Versprechen, den Kampf gegen die Obdachlosigkeit aufzunehmen.

Seitdem spendet er unter anderem öffentlichkeitswirksam 15 Prozent seines Gehalts für diesen Zweck. In ganz England leben heute 60 Prozent mehr Menschen in Notunterkünften als noch 2011. Die Zahl derer, die auf der Straße schlafen, hat sich sogar mehr als verdoppelt. "Obdachlosigkeit ist zu einem Problem geworden, über das Menschen überall in England sprechen, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land", sagt Jon Dean, der an der Universität Sheffield zu dem Thema forscht.

Andy Burnham (picture-alliance/empics/L. Cameron)

Andy Burnham, Bürgermeister von Manchester, spendet einen Teil seines Gehalts für Obdachlose

Kaum Geld für den Kampf gegen Obdachlosigkeit

Stärker auf Prävention zu setzen, sei richtig, sagt Dean. "Aber das neue Gesetz ist nicht sehr radikal." Zwar bietet es mehr Menschen Hilfe, während früher nur die Schwächsten Unterstützung bekamen. "Wir können aber noch nicht sagen, von welcher Qualität diese Hilfe sein wird." Vor allem die Finanzierung macht den Soziologen skeptisch: 72 Millionen Pfund (etwa 80 Millionen Euro) hat die Regierung für die kommenden drei Jahre bereitgestellt - verteilt auf mehrere Hundert Kommunen. "Wenn man da nachrechnet, bleibt eine winzige Summe."

In manchen Fällen werden die ohnehin schon finanziell klammen Kommunen Geld aus ihrem eigenen Haushalt zuschießen müssen, um die Verpflichtungen aus dem neuen Gesetz zu erfüllen, fürchtet Dean. Zudem habe die konservative Regierung das Problem durch ihre Sparpolitik selbst erst geschaffen.

Sparpolitik hat das Problem verschärft

Der Soziologe sieht die Gründe in erster Linie in den Kürzungen bei Sozialhilfe und Wohngeld. "Vor allem die harten Strafen gegen Sozialhilfeempfänger, die eingeführt wurden, um die Sozialausgaben zu kürzen, hatten großen Einfluss auf den Anstieg der Obdachlosigkeit."

Wer einen Termin beim Sozialamt oder Job-Center verpasst, verliert einen Teil seiner Sozialhilfe. Zudem beklagen Wohltätigkeitsorganisationen, dass die Mieten in vielen Regionen Englands stärker stiegen als das staatliche Wohngeld.

Mietverträge laufen in England standardmäßig nach einem Jahr aus. Mittlerweile ist das zum wichtigsten Grund geworden, in die Obdachlosigkeit zu rutschen. Seit 2011 hat sich die Zahl derer verdreifacht, die so ihre Wohnung verlieren.

England Obdachlosigkeit Rose Parchment (DW/Erik Albrecht)

Rose Parchment, Leiterin des Wohnheims für junge Obdachlose in Sheffield: "Jeder verdient es, irgendwo zu leben."

Zu wenig Sozialarbeiter

Im Sheffielder Wohnheim von Roundabout hat kaum einer der 27 Jugendlichen vorher selbst eine Wohnung gemietet. Doch auch sie spüren die Auswirkungen der konservativen Sparpolitik. Viele kommen aus den sozialen Brennpunkten der Stadt. "Alle Sozialarbeiter sind aus diesen Viertel abgezogen worden", sagt Rose Parchment, die Leiterin des Wohnheims. Die wenigen, die nicht der Sparpolitik zum Opfer gefallen seien, kümmerten sich vor allem um Fälle von Missbrauch.

"Diese Jungs fallen nicht in diese Kategorie", sagt Parchment. "Sie sind in Not. Aber vor allem brauchen sie jemanden, der ihnen einen geschützten Raum bietet. Doch das gibt es heute nicht mehr." Parchment versucht genau das zu schaffen: Ein Umfeld, in dem junge Menschen Fehler machen können, während sie versuchen herauszufinden, was sie mit ihrem Leben machen wollen.

England Obdachlosigkeit (DW/Erik Albrecht)

Das Roundabout-Wohnheim an der St Barnabas Road in Sheffield

Sozialwohnungen fehlen

Dank Roundabout klärt Brogan mittlerweile in Schulen Gleichaltrige über Obdachlosigkeit auf. Sie hofft, dadurch einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Am liebsten würde sie in der Pflege arbeiten, sagt die 18-Jährige. "Aber das ist schwierig."

Doch auch wenn ihr Plan aufgeht, wird es eine Herausforderung bleiben, eine Wohnung zu finden, fürchtet Rose Parchment. "Wir setzen auf Sozialwohnungen, weil sie langfristig einen Ort zum Leben bieten. Aber es gibt einfach nicht genug." Als Alternative bleibe nur der private Wohnungsmarkt mit all seinen Unsicherheiten. "Jeder verdient es, irgendwo zu leben", sagt Parchment. "Doch das wird zunehmend schwieriger." 

 

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