″Zündstoff Beethoven″ - wie Komponisten Beethoven sehen | Musik | DW | 03.06.2021
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BTHVN 2020

"Zündstoff Beethoven" - wie Komponisten Beethoven sehen

Ludwig van Beethoven ist heute der meistgespielte klassische Komponist weltweit. Doch er wurde nicht immer nur verehrt, wie eine Ausstellung in Bonn zeigt.

Beethovenkopf zwischen den Blättern einer Hecke

Beethoven-Denkmal in Bonn

Egal, ob man Beethoven verehrt, seine düsteren Akkorde zu pathetisch findet, oder seine Musik einfach als nicht mehr zeitgemäß ablehnt: Kaum ein Komponist kommt an dem großen Meister der klassischen Musik vorbei. Arnold Schönberg sah seine eigenen Kompositionen als Fortführung der motivischen Arbeit Beethovens. Igor Strawinsky hat Beethovens Musik dagegen in einem kleinen Marsch-Stück verspottet und der argentinisch-deutsche Komponist Mauricio Kagel komponierte zu Beethovens 200. Geburtstag die legendäre Film-Persiflage "Ludwig van".

Beethovens Totenmaske auf einem Waschbrett in einem Kübel mit Notenblättern

Requisite für den Film "Ludwig van" von Mauricio Kagel für den fiktiven "Garten" des Beethovenhauses

Viele Komponisten haben sich im 20. Und 21. Jahrhundert mit Ludwig van Beethoven in eigenen Kompositionen, aber auch in Texten und Bearbeitungen seiner Werke auseinandergesetzt. Nicht für alle war Beethoven der große Held, als er 2020 weltweit zu seinem 250. Geburtstag gefeiert wurde - und auch in diesem Jahr noch gefeiert wird. Das belegen Musikhandschriften, Manuskripte, Fotos und Tondokumente aus dem Archiv der Baseler Paul Sacher Stiftung, die jetzt im Bonner Beethoven-Haus in der Ausstellung "Zündstoff Beethoven" zu sehen sind.

Paul Sacher: Unternehmer, Dirigent und Mäzen

Seit 1886 gibt es die Paul Sacher Stiftung in Basel, die Dokumente zur Musik des 20. Und 21. Jahrhunderts archiviert und erforscht. "Rund 250 Kompositionsaufträge hatPaul Sacher zu Lebzeiten vergeben und in den meisten Fällen uraufgeführt", erklärt Simon Obert, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Paul Sacher Stiftung und neben Felix Meyer Kurator der Ausstellung.

Paul Sacher dirigiert, im Hintergrund spielt Anne-Sophie Mutter Geige

Paul Sacher hat auch Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter an die moderne Musik herangeführt

Der Dirigent und Mäzen Sacher leitete zwei Kammerorchester in der Schweiz. Viele zeitgenössische Komponisten hat der Milliardär und langjährige Leiter eines Pharma-Unternehmens mit Auftragswerken finanziell unterstützt, wie etwa Béla Bartók oder Richard Strauss. Spektakulär war Sachers Ankauf des gesamten Nachlasses von Igor Strawinsky Anfang der 1980er Jahre. Später kamen Teile des Nachlasses von Anton Webern hinzu. Mittlerweile beherbergt die Stiftung rund 120 Nachlässe und Sammlungen von Komponistinnen und Komponisten sowie Interpretinnen und Interpreten. Seit dem Tod von Paul Sacher 1999 sammelt die Stiftung Musikwerke, die sie für zeitgeschichtlich relevant hält.

Diesen reichen Schatz and Noten- und Text-Skripten haben Wissenschaftler der Stiftung im Auftrag des Beethovenhauses genauer unter die Lupe genommen: "Wir haben alle unsere Bestände nach Beethovenbezügen durchkämmt, um Texte und Notenmaterial zu finden, das letztendlich auf die Rezeptionsgeschichte Beethovens hinweist", erläutert Simon Obert im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Lernen von Beethoven

Bis heute gilt Beethoven als der Komponist, der eine "musikalische Logik" entwickelt hat. Aus Themen und einzelnen Motive hat er seine Werke weiterentwickelt. Berühmt ist zum Beispiel das Eingangsmotiv seiner fünften Sinfonie, das immer wieder in anderen Facetten erklingt. "Ohne eine Kenntnis dessen wäre selbst ein Kompositionsunterricht im 20. Jahrhundert nicht denkbar gewesen", meint Obert.

Auch Verfechter einer atonalen "Zwölfton-Musik" wie Arnold Schönberg haben sich viel mit Beethovens Kompositionsweise beschäftigt und sie an ihre Schüler weitervermittelt. "Schönberg arbeitete ganz klar in dieser Tradition des motivischen Denkens, dass am Anfang ein Kern steht, der sich entwickelt. Und daraus ergibt sich der musikalische Verlauf eines Stücks", erläutert Obert. 

Ideologische Vereinnahmung

Doch Beethoven war nicht nur kompositionstechnisch, sondern auch ideologisch für viele ein Vorbild. So schreibt der 20-jährige Anton Webern nach einem Beethovenkonzert im Jahr 1904 in seinem Tagebuch, dass er sich wünschte, es gäbe auch im 20. Jahrhundert einen Komponisten, der wie Beethoven "strahlende Kraft … Reinheit und erhabene Güte" ausdrücken könne.

Vergilbtes Notenblatt

Metamorphosen: Studie für 23 Solostreicher von Richard Strauss

Eine andere Art der Strahlkraft Beethovens beschreibt der russische Komponist Ivan Wyschnegradsky in seinem Text "Das Leben Beethovens". Er war Pionier der Viertel- und Mikrotonalen Musik. "Die neue Sowjetunion suchte nach historischen Vorbildern für ein neues Kulturbild", erklärt Obert. Da Beethoven für die Massen geschrieben hat und für Wyschnegradsky kein aristokratischer Elitekomponist war, stilisierte er ihn zu einem Helden der Arbeiterklasse. "Beethoven war dann in der Tat einer der meistgespielten Komponisten in der jungen Sowjetunion als Vorbild eines revolutionären Denkens."

Ebenso vereinnahmten die Nationalsozialisten den Komponisten. Für Sie war Beethoven der Titan, der deutsche Volksheld. Richard Strauss, der auch im Dienste der Nationalsozialisten gestanden hatte, zitierte in fragwürdiger Weise in seinem Werk Metamorphosen (1944-1945) Motive aus dem Trauermarsch von Beethovens 3. Sinfonie, der Eroica. Ein Ausdruck von Heldentum und Kampf sowie der Trauer um die deutsche Kultur.

Beethoven in der Moderne: verfremdet und demontiert

Nach dem zweiten Weltkrieg fühlten sich viele Komponisten und Konzertgänger erschlagen, sowohl von Beethovens Musik als auch von seiner Stilisierung zum Nationalhelden. Der übertriebene Beethoven-Kult wurde abgelehnt. Auch dann noch, als man 1970 das 200. Jubiläum des Komponisten feierte, zu dem Mauricio Kagel 1969 das Auftragswerk "Metacollage" Ludwig van – Hommage von Beethoven (1969) entwickelte.

Ausgebranntes Zimmer in dem eine kaputte Säule mit Sockel liegt, sowie eine Beethoven-Büste

Beethovens Sturz vom Sockel in seinem Geburtshaus in Bonn durch den zweiten Weltkrieg

Kagel realisierte das Ganze als Film, Partitur und Langspielplatte. Er arrangierte Beethovens Kammermusik so, dass sämtliche Beethoven-Klischees bloßgestellt wurden. Dem Werk von Kagel ist im Beethovenhaus ein eigener Raum gewidmet, wo man sowohl den Film als auch die Skripte sehen kann.

"Mir scheint, dass wir heute einen sehr viel unkritischeren Blick auf Beethoven oder Umgang mit Beethovens Musik haben als die Musikkultur vor 50 Jahren", meint Kurator Simon Obert. 1970 habe man das Beethovenjubiläum kritischer gesehen und versucht, Beethoven von dem heroischen Sockel herunter zu holen. "Ich habe das Beethovenjahr 2020 durchaus mit zwiespältigem Blick kommen sehen", sagt Obert. Bei all den geplanten Feierlichkeiten habe er sich gefragt, ob Beethoven das nötig habe und ob es nicht sinnvoller wäre, weniger bekannte Musik in den Vordergrund zu bringen.

Die Ausstellung "Zündstoff Beethoven" (bis zum 3. Oktober im Beethovenhaus Bonn zu sehen) zeigt neben bekannten Komponisten auch unbekannte Entdeckungen. Die Inhalte der Sonderausstellung sind in begleitenden Konzerten auch zu hören.

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