Wuttke: ″China ist nicht gut im Krisenmanagement″ | Wirtschaft | DW | 02.02.2016
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Wirtschaft

Wuttke: "China ist nicht gut im Krisenmanagement"

Die chinesische Wirtschaft wächst so langsam wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Der Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, mahnt im DW-Gespräch schnelle Reformen an.

DW: Herr Wuttke, die Börse fällt, das Wachstum schwächelt. Ist die chinesische Wirtschaft in der Krise?

Wuttke: Bisher war es ja so, dass die Börse sich eigentlich überhaupt nicht nach dem realen Wachstum gerichtet hatte. Wir hatten zehn Jahre lang zehn Prozent Wachstum und dann - seit Juni 2014 - gab es auf einmal eine Hausse an der Börse in Shanghai. Der entsprechende Index stieg innerhalb kurzer Zeit um rund 150 Prozent. Jetzt ist er wieder auf dem Weg dort hin, wo er einmal her gekommen ist. Es gibt vor allem ein psychologisches Problem mit der Börse, während das reale Wirtschaftswachstum momentan noch relativ stark ist. Aber für 2016 sehe ich in dieser Hinsicht große Probleme.

Zahlen, die das Wirtschaftswachstum betreffen, werden in China meistens vom Staat vorgegeben. Haben Sie das Gefühl, dass der Regierung so langsam die Kontrolle, die für sie so wichtig ist, abhanden kommt?

Nein, die Kontrolle der Regierung ist nicht gefährdet. Sie haben eine sehr starke Politorganisation - die Partei hat immerhin 80 Millionen Mitglieder, die im ganzen Land sehr straff organisiert sind. Wir laufen auf den Parteitag im nächsten Jahr zu, da wird sicherlich die Kontrolle noch angezogen. Das Land hat ja noch tiefe Taschen, um konjunkturelle Unwägbarkeiten relativ schnell auszubügeln. Einige Provinzen sind schon de facto in eine Rezession gerutscht und selbst dort bemerkt man keine Unruhen oder irgendwelche größeren Aufläufe. Aber das im Griff zu behalten, wird für die Partei sicherlich ziemlich teuer.

Was bedeutet nun diese ganze Gemengelage für europäische beziehungsweise deutsche Firmen?

Joerg Wuttke Peking China

Jörg Wuttke

Wir sind in den vergangenen Jahren verwöhnt gewesen, weil China extrem stark gewachsen ist. Dieses Jahr wird sich China im herstellenden Gewerbe sicherlich um die Null herum bewegen, was das Wachstum anbelangt. Vieles hängt dann vom Servicesektor ab, in dem die meisten Europäer nicht stark vertreten sind. Hinzu kommt die Verschuldung von Firmen und lokalen Regierungen. Aber selbst wenn es einigermaßen gut läuft in einigen Bereichen, bleibt immer noch die Frage, ob wir da mitspielen dürfen oder nicht. Man darf nicht vergessen: Die regulativen Vorgaben von chinesischer Seite sind so umfassend, dass unsere Handelskammer dazu in einem 400-Seiten-Katalog 800 Einzelfälle auflistet.

Ist vor allem die deutsche exportorientierte Industrie von diesen Problemen betroffen oder sind es diejenigen Unternehmen, die vor Ort produzieren?

Die Hälfte des europäischen Exports nach China kommt aus Deutschland. Durch das schwächelnde Wachstum und die gleichzeitige Abwertung des Renminbi wird es sicherlich schwieriger, dorthin zu exportieren. Wir sind als Investoren sehr stark aufgestellt in China. Das wird aber auch etwas zurück gehen. Nach den Zahlen für 2015 waren es maximal neun Milliarden Euro, die von europäischen Investoren in China angelegt wurden. Gleichzeitig haben die Chinesen in Europa aber 22 Milliarden Euro investiert. Und dieser Trend wird sich fortsetzten. Momentan ist Europa ein interessanterer Investitionsstandort als China.

Der berühmt berüchtigte Währungsspekulant George Soros hat sich vor kurzem beim Weltwirtschaftsforum in Davos zur chinesischer Währung geäußert. Da war die Rede von einer "harten Landung", die China in diesem Jahr erleben werde. Wie bewerten Sie das?

Soros ist einfach berühmt und leider hat die chinesische Regierung seine Aussagen aufgenommen und auf die erste Seite der Zeitung "People's Daily" gestellt - die größte und wichtigste Tageszeitung Chinas. Dass Soros auf der ersten Seite von People's Daily abgefeiert wurde, führte wiederrum zu einem großen Artikel auf der ersten Seite der "Financial Times". Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte dann jeder Dorfdepp im letzten Winkel der Welt verstanden, dass China ein Renminbi-Problem hat. Das war leider extrem ungeschickt von der chinesischen Führung, Soros in dieser Form an den Pranger zu stellen und jetzt muss man eben sehen, wie die Welt darauf reagiert.

China ist das wichtigste Entwicklungsland für uns. Selbst wenn die chinesische Wirtschaft nur um fünf Prozent wächst, ist das absolut gesehen immer noch mehr als zehn Prozent Wachstum vor zehn Jahren . Die Basis ist einfach sehr viel größer. Und de facto gibt es ja kein zweites China auf der Welt. Wo wollen wir denn sonst noch diese großen Geschäfte machen? In Indien? Es dauert sicherlich noch 20 Jahre, ehe die Inder in die Fußstapfen Chinas treten. Deswegen sind wir extrem daran interessiert, dass China seine Reformen wirklich umsetzt und gleichzeitig aufhört, diese fast dümmlichen Titelseiten gegen Soros zu machen . Das hilft nicht weiter.

Schauen wir kurz in die Zukunft. Wo steht China in fünf Jahren?

China wird sicherlich ein, zwei schwierige Wirtschaftsjahre vor sich haben. Ich gehe davon aus, dass dann das gute Reformprogramm, das Ende 2013 veröffentlicht worden ist, endlich angegangen wird. Dem Konsum kommt in China bislang noch eine relativ geringe Bedeutung zu. Bei der Betrachtung des Pro-Kopf-Konsums von allen möglichen Gütern wird sehr schnell klar: China steht heute da, wo Korea einst in den 1970er Jahren und Japan in den 1960er Jahren standen. Da sind ja noch 20, 30 starke Jahre im System machbar und umsetzbar. Die Frage ist nur, wie geht China mit einer Krise um? Denn China ist nicht besonders gut im Krisenmanagement.

Das Gespräch führte Klaus Ulrich

Jörg Wuttke lebt seit 1993 in China. Seit April 2014 ist Wuttke zum zweiten Mal Präsident der Europäischen Handelskammer in China - ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 inne hatte.

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