Wortwahl | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 01.01.1970
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Alltagsdeutsch – Podcast

Wortwahl

Gutes Benehmen ohne einen guten Umgangston - undenkbar! Doch was gerade als gutes Benehmen gilt, ist durchaus umstritten. Sicher ist, ein paar Gedanken über seine Wortwahl sollte man sich zuweilen schon machen.

Musik:

aus "My Fair Lady": Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.

Sprecherin:

Meine Damen und Herren, wir sind in London, im Jahre 1912, im Theaterstück "Pygmalion" des britischen Dramatikers George Bernard Shaw. Dem Sprachwissenschaftler Professor Henry Higgins ist die Freude anzuhören, die er empfindet, aus der jungen schlagfertigen Blumenfrau mit dem schnoddrigen Londoner Dialekt eine Dame der Gesellschaft gemacht zu haben. Eliza Doolittle hat ihren Londoner Dialekt in das gesellschaftsfähige Oxford-Englisch verwandelt. Doch nicht nur die erlernte Sprache, auch ihr Benehmen hat sich geändert. Sie stolziert durch des Professors Salon und tritt - als Höhepunkt ihrer Entwicklung - auf einem Diplomatenball auf: als unbekannte Schöne, die unter den Argusaugen der anwesenden Damen und Herren, einer harten Prüfung unterzogen wird - die sie übrigens mit Bravour besteht.

Sprecher:

Wer wie Eliza Doolittle in der Gesellschaft oder im Beruf bestehen möchte, muss, je nach gesellschaftlicher oder beruflicher Stellung, bestimmte Regeln beherrschen. Eine der jeweiligen Gruppe angemessene Ausdrucksweise gehört ebenso dazu wie entsprechende Umgangsformen. Und in jeder Gesellschaft wird beobachtet, wie man sich verhält, manchmal mit Argusaugen. Argus ist ein vieläugiger Riese aus der griechischen Mythologie, und jemand der Argusaugen hat, ist demnach ein äußerst kritischer und scharfer Beobachter, der besonders gern die Schwächen der anderen entdeckt.

Sprecherin:

Von London in die Gegenwart. Das gestrenge Gegenstück zu Professor Higgins ist Marlies Scholz. Es sind zwar keine Eliza Doolittles, die sich an Marlies Scholz wenden, aber die Menschen, in erster Linie Frauen und Mädchen, die zu Marlies Scholz in die "Schule des Benehmens" kommen, erhoffen sich von ihrer Erfahrung bessere Chancen im Beruf oder auf gesellschaftlicher Ebene. Für Marlies Scholz gehen Sprache und Verhalten Hand in Hand. Ein ums andere Mal schüttelt sie bedenklich den Kopf, denn darin spukt es nur so von - ihrer Meinung nach - sprachlichen Unkorrektheiten. Sprache sei eine Sache von Selbstbewusstsein, sagt sie, und genau da fängt ihre Schulung an.

Marlies Scholz:

"Schon wie sich jemand vorstellt, 'mein Name ist', ist schon meiner Ansicht nach nicht richtig. Ich bin Marlies Scholz und ich sage immer: 'Ich bin Marlies Scholz'. Ich sag’ doch nicht: 'Mein Name ist Marlies Scholz'. Ich bin’s. Ja, ich bin Marlies Scholz. Und wenn die Mädchen sagen: 'Ja, wie soll ich denn sprechen lernen?' - die nuscheln vor sich hin, da muss ich dreimal sagen: 'Was haben Sie gesagt, entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie nicht verstanden.' Ich sag’: 'Glauben Sie, dass Sie jemals einen Job bekommen, wenn Sie so nuscheln?'"

Sprecherin:

Marlies Scholz ist, wohlgemerkt, keine Anstandsdame. Sie vermeidet Begriffe wie Manieren. Lieber spricht sie in Bildern und Beispielen, wenn es darum geht, ihre Vorstellungen von korrekten Umgangsformen weiterzugeben:

Marlies Scholz:

"Nicht umsonst spricht man von einem Gentleman oder von einer Lady. Und 'ne Lady muss durchaus nicht in einem Schloss geboren sein, sie kann sich wie eine Lady benehmen. Oder ein Mann, der muss auch nicht unbedingt Harvard besucht haben oder Eton, er kann trotzdem ein Gentleman sein… Ich sag’ immer, Höflichkeit ist das Öl im Getriebe, wenn Sie höflich sind, allen Leuten höflich entgegenkommen, dann macht sich das auch bezahlt. Und wenn Sie höflich sind, ist das Gegenüber unwillkürlich auch höflicher."

Sprecher:

Das Wort Gentleman stammt aus dem angelsächsischen Sprachgebrauch, wird aber auch im Deutschen verwendet, wenn man die vornehme Gesinnung und die korrekten gesellschaftlichen Umgangsformen eines Mannes hervorheben möchte. Attribute wie "ritterlich", "ehrenhaft" und "anständig" zeichnen einen Gentleman aus, der heutzutage ohne weiteres James Bond heißen kann. Das weibliche Pendant zum Gentleman ist die Lady, die Dame, ehemals ebenfalls adeligen Geschlechts. Und obwohl eine Lady gebildet und untadelig in ihrem Verhalten zu sein hatte, durfte sie sich, solange sie unverheiratet war, nicht ohne Anstandsdame, die die sittlichen Regeln überwachte, in Gesellschaft begeben.

Nuscheln war sicherlich etwas, das eine Dame nicht durfte. Das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt und bedeutet eigentlich "durch die Nase sprechen". Jemand der nuschelt spricht undeutlich und leise, er artikuliert Worte nicht so, dass der Zuhörer sie verstehen, sondern bestenfalls erraten kann. Bildung und Tugend muss heutzutage nicht notwendigerweise an einer der klassischen Eliteschulen wie dem englischen Eton oder Universitäten wie der amerikanischen Harvard University vermittelt werden.

Sprecherin:

Bereits als Kind musste sich Marlies Scholz an gute Umgangsformen gewöhnen. Ihr Vater war Offizier der kaiser- und königlichen Reiterei der österreichisch-ungarischen Monarchie. Sie wuchs in Wien auf, und zuhause wurde auf gutes Benehmen und den richtigen Ton großen Wert gelegt. Glaubt man Marlies Scholz, sind Manieren zuallererst einmal eine Frage der Erziehung:

Marlies Scholz:

"Der große Fehler ist ja, dass man denkt, ach, das lernt sie noch alles – was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Und die Erziehung fängt in der Kinderstube an. Es heißt ja nicht umsonst, sie hat 'ne Kinderstube oder sie hat keine."

Sprecher:

Das richtige Wort am richtigen Platz ist also eine Frage anerzogener Manieren oder Umgangsformen. Aber was sind Manieren? Woher kommen sie? Das Wort die Manier ist entlehnt aus dem altfranzösischen "manière" und hat in seiner ursprünglichen Bedeutung ebenfalls "Benehmen" bedeutet. Heute benutzen wir es im Singular als die Art und Weise, mit der jemand etwas tut, wohingegen der Plural, die Manieren, für gute Umgangsformen, sowohl sprachlicher als auch nicht sprachlicher Art, stehen. Und was haben Manieren mit der Kinderstube und einem Hänschen gemeinsam? Vielleicht hat der Sprachwissenschaftler Dr. Martin Wengeler eine gute Erklärung für das Hänschen.

Dr. Martin Wengeler

"Vom Wortlaut dieses Phraseologismus, wie man das im Allgemeinen bei der Sprachwissenschaft nennt, ist das ja einigermaßen erschließbar: Was jemand dann, wenn er noch jung ist, nicht gelernt hat, das wird er, wenn er alt ist, Hänschen und Hans, wird er dann auch nicht mehr lernen."

Sprecher:

Und die Kinderstube?

Dr. Martin Wengeler:

"Tja, das bedeutet, dass er gut erzogen worden ist und dass er zuhause die Benimm- und Höflichkeitsregeln gelernt hat, die man können muss, um in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen nicht negativ aufzufallen. Also sprachliches Benehmen oder sprachliche Manieren, wenn man denn davon sprechen will, würd’ ich sagen, ist das Gleiche wie bei allen sozialen Konventionen. Je nachdem, wo man sich aufhält und mit was für Zielen man dort sprachlich und auch anderweitig handelt, muss man sich an bestimmte Regeln und Konventionen halten. Und welche da gut sind und welche nicht, wird in der Regel von sozial eher führenden oder dominierenden Gruppen bestimmt."

Sprecherin:

Marlies Scholz‘ Ansatz ist kein wissenschaftlicher. Sie ist eine Verfechterin des guten Tons und liegt damit im Trend. Stil-Trainer und Personalityberater – die moderne Bezeichnung für Menschen, die sich wie Marlies Scholz um das Auftreten ihrer Kunden kümmern – renommierte Hotels und Frauenzeitschriften, sie alle bieten Tipps und Seminare für sichere Umgangsformen an. Der Arbeitskreis "Umgangsformen International" bringt seinen Katalog für manierliches, gesellschaftsfähiges Benehmen immer wieder auf den neuesten Stand. Offenbar herrscht in unserer Gesellschaft ein großer Bedarf an guten Manieren. Marlies Scholz will das Gespür ihrer Schützlinge für den richtigen Ton, das richtige Wort, die richtige Geste schärfen.

Marlies Scholz:

"Eben Tabuwörter – dass man nicht in diese ordinäre Sprachformulierung verfällt, geil und alles dieses. Also das hätte es bei uns nie gegeben, solche Worte. Das wäre schon obszön gewesen, geil zu sagen. Das sagt man nicht. Oder "lecker, lecker, das ist aber lecker", das ist ein Wort, das passt in eine Würschtelbude, aber nicht an ein elegantes Büfett."

Sprecher:

Die beiden Fachleute zum Thema haben durchaus ähnliche Ansichten, wenngleich der Wissenschaftler seine Fachterminologie mit einbringt. Denn nichts anderes als ein Fachwort der Sprachwissenschaft ist der Begriff Phraseologie, der die Gesamtheit aller feststehenden Redewendungen bezeichnet. Geil dagegen ist ein Wort aus der Jugendsprache, das mit "toll" übersetzt werden kann, das in seiner jetzigen Benutzung nichts mehr von seiner ursprünglichen etymologischen Herkunft beinhaltet. Im Althochdeutschen stand geil für "lüstern" oder "lustig". Das Adjektiv obszön entwickelte sich aus dem lateinischen "cenum", "Unflat", "Schmutz", und es heißt einfach "unanständig". Beides sind für Marlies Scholz Tabuwörter, Ausdrücke, die nicht zu einem guten Wortschatz gehören. Die österreichische Würschtelbude dagegen ist eine regionale Erscheinung. Es gibt sie erst, seitdem es Würstchen- oder Frittenbuden, meist bewegliche Imbissstände gibt, an denen man im Stehen Würstchen und Pommes Frites isst.

Sprecherin:

So wie sich Marlies Scholz über Wörter wie geil aufregt, beobachtet der Germanist Wengeler den Sprachwandel mit wissenschaftlicher Neutralität und Neugier.

Dr. Martin Wengeler:

"Als Jugendlicher zum Beispiel in meiner Freundesclique darf ich ja durchaus auch unflätige Sachen ungestraft sagen, die ich bei 'nem Bewerbungsgespräch oder in der Schule vielleicht besser nicht sage, weil ich dann mit Sanktionen zu rechnen habe. Aber es lässt sich nur begründen also von den sozialen Situationen und Konventionen her und nicht von der Sprache selbst. Von der Sprache selbst her spielt sich das so ein, wie es anerkannt wird oder abgelehnt wird. In der Sprache darf alles erlaubt sein, also das ist auch ein Impuls für Sprachwandel, dass man eben auch sprachlich etwas ändert, dass eben auch die Werbung von unkaputtbar spricht und sich das eventuell einbürgert oder auch nicht. Das ist von der Sprache her durchaus erlaubt."

Sprecher:

Konventionen sind Vereinbarungen oder Übereinkünfte, die den gesellschaftlichen und sprachlichen Erwartungen entsprechen. Konventionen entwickeln sich, sie werden nicht schriftlich formuliert. Wenn wir aber gegen diese verstoßen, ob bewusst oder unbewusst, müssen wir mit Sanktionen rechnen. Wer also im Bewerbungsgespräch bei einer Bank in Shorts und buntem T-Shirt erscheint, wird sanktioniert, das heißt, er wird die Stelle mit aller Wahrscheinlichkeit nicht erhalten. Wer den Chef mit "Hi, Alter" begrüßt, wird seine Karriereaussichten stark einschränken. Ein schönes Beispiel für die Veränderung der Sprache ist das Wort unkaputtbar. Richtig müsste es heißen "unzerstörbar", aber in Zeiten unaufhaltsamer Werbepräsenz erregt niemand mit dem Wort "unzerstörbar" Aufmerksamkeit. Mit einem Wort, das es bis dahin gar nicht gab, wie unkaputtbar, allerdings schon. Dieser Ausdruck und andere Redewendungen aus der Werbesprache fließen immer stärker in unsere Sprache ein.

Sprecherin:

Bleibt also abzuwarten, ob bestimmte Wendungen dauerhaft in unserer Sprache Bestand haben werden. Womöglich müssen kommende Generationen in einem etymologischen Wörterbuch nachschlagen, um die Bedeutung von unkaputtbar oder anderen modischen Ausdrücken herauszufinden.

Musik:

aus "My Fair Lady": Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.

Fragen zum Text:

Wer oder was war Argus?

1. der griechische Kriegsgott

2. ein vieläugiger Riese aus der griechischen Mythologie

3. ein Raubvogel aus germanischen Sagen

Was bedeutet die Redewendung was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?

1. was der Lehrer nicht lehrt, kann der Schüler nicht lernen

2. was der Sohn nicht lernt, lernt auch der Vater nicht

3. was jemand nicht lernt, wenn er jung ist, lernt er auch im Alter nicht

Was in einer bestimmten Situation als sprachlich angemessen gilt,…

1. ist im sprachlichen System verankert

2. ist konventionell und veränderbar

3. ist seit Jahrhunderten überliefert und unverändert

Arbeitsauftrag:

Schreiben Sie zwei Dialoge über das gleiche Thema: Formulieren Sie im ersten ein Gespräch zwischen Freunden, im zweiten ein Gespräch zwischen Angestelltem und Vorgesetztem. Achten Sie dabei besonders auf die verschiedenen Sprachebenen.

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