Wolf Biermann: ″Wer die Nazi-Zeit einen Vogelschiss nennt, ist ein Verbrecher″ | Kultur | DW | 06.11.2019
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30 Jahre Mauerfall

Wolf Biermann: "Wer die Nazi-Zeit einen Vogelschiss nennt, ist ein Verbrecher"

Er war der schärfste Kritiker der DDR-Diktatur. Doch auch 30 Jahre nach dem Mauerfall schweigt der Liedermacher Wolf Biermann nicht. Seine Kritik gilt jetzt anderen, hat aber an provokanter Schärfe nichts verloren.

Unter dem Motto "Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um!" war der Liedermacher Wolf Biermann gemeinsam mit dem chinesischen Autor und Dissidenten Liao Yiwu zu Gast im Berliner Ensemble. Anlass waren der 30. Jahrestag des Mauerfalls und der blutigen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auf dem "Platz des himmlischen Friedens". Doch Biermann, der zu den schärfsten und wirkungsvollsten Gegnern der DDR-Führung zählte und 1976 ausgebürgert wurde, hielt sich nicht mit dem Blick zurück in die Geschichte auf. Im DW-Interview nimmt er zu aktuellen politischen Streitfragen Stellung. 

DW: Herr Biermann, früher richtete sich Ihre ätzende Kritik gegen die DDR-Diktatur. Die gibt es nun nicht mehr. Wer ist heute Ihr Gegner?

Wolf Biermann: Wissen Sie, warum ich so gerne darüber rede, dass es den Deutschen so gut geht? Weil ich mich natürlich wie viele andere auch darüber geärgert habe, dass dieser Gauland von der AfD (Alexander Gauland ist Parteivorsitzender der rechtspopulistischen AfD, Anmerkung der Redaktion) tatsächlich öffentlich gesagt hat, die ganze Nazizeit sei nur ein Vogelschiss gewesen. Wer die zwölf Jahre Hitler-Diktatur, die Kriege, die Millionen eigenen und fremden Soldaten, die in den Tod getrieben wurden - von den sechs Millionen Juden und der halben Million Zigeuner (Sinti und Roma, Anm. d. Red.) gar nicht zu reden - , wer das einen Vogelschiss nennt, ist ein Verbrecher.

Deutschland Liedermacher Wolf Bierman während seines Auftritts in der Sporthalle in Köln (picture-alliance/dpa/W. Bertram)

Wolf Biermann 1976 in Köln

30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Unzufriedenheit über die Folgen der Wiedervereinigung deutlich spürbar. Viele Menschen klagen, dass die Einheit noch nicht erreicht sei und die DDR damals kolonisiert und überrumpelt worden sei. Stimmen Sie zu?

Über dieses Thema habe ich ein Gedicht geschrieben: "Frau Freiheit küsst nicht Herrn Stacheldraht". Nein!  Das ist inkommensurabel, sagen die gebildeten Leute, es passt nicht zusammen! Man kann nicht zwei Systeme, das der Diktatur und das der Demokratie, so zusammenbacken, dass man sagt: Von beiden nehmen wir das bessere, es war doch nicht alles schlecht in der DDR.

Ich bin der Meinung, dass die schwächste und unvollkommenste Demokratie unvergleichlich besser ist als die beste Diktatur. Das ist die Lehre, die wir Deutschen vielleicht aus unserer eigenen Geschichte ziehen müssen.

Wir begehen ja nicht nur 30 Jahre Mauerfall, sondern gedenken auch des 30. Jahrestages der blutigen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auf dem "Platz des Himmlischen Friedens". Und gleichzeitig erinnern uns die Ausschreitungen in Hongkong daran, dass immer noch viele Menschen auf der Welt für ihre Freiheit streiten müssen. Welche Botschaft haben Sie für diese Menschen?

Dass es sich lohnt, sich einzumischen in die eigenen Angelegenheiten. Und dass man es immer wieder versuchen muss. Dass man zwar Ängste hat, aber nicht überwältigt werden darf von seinen Ängsten.

Dass das gelingt, darüber reden große Töne und singen große Lieder. Nur die, die überlebt haben. Und all diejenigen, die ermordet wurden und die kaputt gemacht wurden, die sind still.

Das Interview führte Gero Schließ.

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