Wo infiziert man sich mit dem Coronavirus? | Wissen & Umwelt | DW | 02.11.2020
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Faktencheck Infektionsorte

Wo infiziert man sich mit dem Coronavirus?

Teile Europas sind wieder im Lockdown. Viele Menschen fragen sich: Warum werden manche Orte geschlossen und andere dürfen geöffnet bleiben? Unser Faktencheck zeigt, was zu den Infektionsorten bekannt ist und was nicht.

Ein Kind wird in einer Schule in Kalifornien untersucht.

Schulen und Kindergärten bleiben in Deutschland geöffnet - und sind bislang keine primären Infektionsorte.

In Deutschland brodelt es: Die Gastronomen fürchten um ihre Existenz, die Veranstaltungsbranche trägt ihr Geschäft symbolisch zu Grabe, Künstler und Kulturschaffende reagieren fassungslos, im Sport spricht man von einer "Katastrophe", und der deutsche Mittelstand warnt vor einem "Todesstoß" für zehntausende Unternehmen.

Zwar halten mehr als 62 Prozent der Deutschen einer Spiegel-Umfrage zufolge den Lockdown für notwendig. Doch viele gesellschaftliche Bereiche sehen diese Notwendigkeit nicht in ihrem Feld. Das hat auch mit zum Teil widersprüchlichen Aussagen und Informationen zu den Infektionsorten in den vergangenen Wochen zu tun. Unser Faktencheck klärt, was wir über die Orte der Ansteckungen mit dem Coronavirus wissen und was nicht - und auch, warum die öffentlich zugänglichen Daten immer nur begrenzte Aussagekraft haben. 

Wo infizieren sich die Menschen in Deutschland?

Die meisten Menschen infizieren sich in Deutschland aktuell im privaten Bereich. Der eigene Haushalt ist der häufigste Infektionsort laut Robert-Koch-Institut (Stand: 27. Oktober). Einen ebenfalls großen und derzeit wieder wachsenden Bereich der Infektionen machen Alten- und Pflegeheime aus, gefolgt vom Arbeitsplatz. Deutlich kleiner ist das Infektionsgeschehen im Freizeitbereich, der nun stark von den Lockdown-Maßnahmen von Bund und Ländern betroffen ist.

Die Ansteckungen im medizinischen Bereich, also etwa in Krankenhäusern oder Arztpraxen sind vergleichsweise überschaubar, aber sie haben zuletzt deutlich zugenommen. Ähnlich ist es bei Ausbildungsstätten, also Schulen oder Kindergärten, oder in Flüchtlingsheimen. Einen nur sehr kleinen Anteil an den Infektionen in Deutschland machen Restaurants, Hotels und Pensionen aus, doch sie sind von den neuen Maßnahmen mit am stärksten getroffen.

Noch kleiner ist offenbar die Gefahr, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln zu infizieren. Dies könnte aber auch an den stark zurückgegangenen Fahrgastzahlen in Bus und Bahn liegen. Ein großer Teil der Infektionen ereignet sich zusätzlich an Orten, die das RKI nicht näher definiert und unter "Weitere" zusammenfasst. 

Die vorliegenden Daten, die auch in der Folgenden Grafik verarbeitet wurden, erfassen dabei, indes nur etwa ein Viertel aller Infektionsfälle in Deutschland. 

Infografik COVID-19 Infektionsorte Deutschland DE

Sind die Infektionsorte die gleichen wie bei der ersten Corona-Welle?

Nein, es gibt bemerkenswerte Unterschiede: Auf dem Höhepunkt der ersten Welle der COVID-19-Pandemie in Deutschland waren Alten- und Pflegeheime noch stärkere Treiber der Infektion als private Haushalte. Auch der medizinische Bereich - hier vor allem Krankenhäuser - sowie Flüchtlingsunterkünfte waren wesentlich häufiger Orte der Infektion als jetzt.

Schulen und Kindergärten spielten im Frühjahr keine Rolle bei der Pandemie - logisch: Sie waren anders als jetzt flächendeckend geschlossen. Auffällig ist, dass der Arbeitsplatz im Frühjahr eine eher untergeordnete Rolle spielte, nun aber für deutlich mehr Fälle verantwortlich ist. Ein starker Anstieg der Infektionen am Arbeitsplatz im Juni ist vor allem auf Ausbrüche in Schlachtbetrieben sowie Betrieben mit Saisonarbeitern zurückzuführen.

Das Infektionsgeschehen in Deutschland hat sich also im Vergleich zur ersten Welle der Pandemie verändert. Teilweise erklärbar durch andere Maßnahmen der Behörden, andere Verschiebungen werden wohl erst klarer, wenn mehr Daten zum aktuellen Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland vorliegen.

Lesen Sie mehr: Wie lange bin ich nach einer Corona-Infektion immun?

Schulen und Kindergärten bleiben geöffnet. Ist das gerechtfertigt?

Die Regierungen in Deutschland und Frankreich haben entschieden, trotz weitreichender Schließungen im öffentlichen Leben, die Schulen und Kindergärten offen zu lassen. Begründet wird dies unter anderem mit der besonderen Bedeutung der Bildung für die Gesellschaft.

Blickt man nur auf die reinen Zahlen, scheint die Entscheidung nachvollziehbar. Auch wenn Schulen und Kindergärten eine gewisse Rolle im Infektionsgeschehen spielen, so ist diese jedoch vergleichsweise klein. Nur wenige Ausbrüche ereignen sich nach RKI-Daten in Ausbildungsstätten. Und das ist auch in anderen Ländern so: In Irland sind Schulen in knapp 7 Prozent der Fälle für Ausbrüche des Coronavirus verantwortlich, in Spanien sind es 8 Prozent. Dies liegt auch daran, dass junge Menschen weniger stark vom Virus betroffen sind als ältere: Der Anteil der Menschen bis 18 Jahren unter den Infizierten in Europa lag im August bei unter fünf Prozent.

Deutschland Köln Symbolfoto Maskenpflicht

Der öffentliche Verkehr ist laut RKI kein Treiber der Pandemie - die meisten Infektionen ereignen sich im privaten Haushalt

Wie aussagekräftig sind die Daten?

Leider haben die Daten des RKI an dieser Stelle eine begrenzte Aussagekraft. Die Statistik des Berliner Instituts erfasst nur sogenannte Ausbruchsgeschehen, also dokumentierte Fälle mit zwei oder mehr Infektionen. Und das RKI räumt ein: "Nur etwa ein Viertel der insgesamt gemeldeten COVID-19 Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden."

Auf Nachfrage der DW zu den übrigen 75 Prozent der Coronainfektionen in Deutschland gibt das RKI an: "Wir haben tatsächlich nicht mehr Daten." Auch das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) kann auf DW-Anfrage keine Daten zu den Infektionsorten bereitstellen.

Drei Viertel der Infektionen in Deutschland sind also hinsichtlich des Ausbruchsortes nicht dokumentiert. Dies liegt zum einen an der Komplexität, eine einzelne Infektion sicher einem Ort zuzuordnen, denn manche Menschen bleiben mehrere Tage beschwerdefrei, ehe sie Symptome entwickeln. Eine Rückverfolgung ist dann kaum zu leisten. Auf der anderen Seite erschwert diese lückenhafte Datenlage eine passgenaue Reaktion auf die Pandemie - und dass nicht nur in Deutschland. Daten aus anderen Ländern zeigen aber zumindest ähnliche Tendenzen. Studien in Südkorea sehen ebenfalls private Haushalte im Zentrum des Infektionsgeschehens, wo es "sechs Mal wahrscheinlicher ist, sich zu mit SARS-CoV-2 zu infizieren als bei anderen engen Kontakten". Und eine chinesische Studie sieht den Anteil der Infektionen im privaten Haushalt bei 69 Prozent. 

Dieser Artikel vom 29.10.2020 wurde am 2.11.2020 aktualisiert um dem Verlangen von Lesern Rechnung zu tragen, dass die Zweifel an der Aussagekraftder genannten Daten früher im Text genannt werden sollten. 

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