WM-Gastgeber Katar: Wenn Geld nicht reicht | Sport | DW | 22.05.2018
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Fußball-Weltmeisterschaft 2022

WM-Gastgeber Katar: Wenn Geld nicht reicht

Katar will die Fußball-Weltmeisterschaft nutzen, um sein Image zu verbessern und um gegenüber seinen Nachbarstaaten aufzutrumpfen. Fanatisches Bauen allein hilft dem bevölkerungsarmen Land jedoch nicht.

Mishaal bin Naseer Al-Rashid trägt wie alle katarischen Männer die "Thawb", ein weites, knöchellanges Gewand aus weißer Baumwolle und die "Guthra", ein weiß oder rot-weiß kariertes Tuch, das durch den "Agal", einen schwarzen Strick, am Kopf gehalten wird. Immer wieder schaut der 23-Jährige in den Spiegel oder ins Schaufenster, ob auch alles auf dem Kopf richtig sitzt. Er ist wie viele Katarer wohlhabend und eitel. Mit Fußball kann er nicht viel anfangen: "Ich stehe eher auf Tennis." Bei den Themen Marbella und Yachten hellt sich seine Miene auf. Aber wie der Trainer seiner Nationalmannschaft heißt, die 2022 als Gastgeber erstmals an einer WM teilnehmen wird, das fällt ihm partout nicht ein.

Das ist merkwürdig. Der Tourguide arbeitet im Auftrag der Regierung Katars. Seine Aufgabe ist es, das Bild, das Journalisten über sein Land verbreiten, so positiv wie möglich mitzugestalten und zu kontrollieren - vor allem hinsichtlich der WM 2022. Seit zehn Jahren bereitet sich das Emirat auf diesen großen, historischen Moment vor. Rund zehn Milliarden Euro kostet den katarischen Monarchen Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani dieses Sportereignis. Für die Infrastruktur und Bauten wie die "Smart Cities" wurden weitere 170 Milliarden Euro angesetzt. Überall in und um die Hauptstadt Doha herum wird fanatisch gebaut. Es staubt in dem kleinen Wüstenstaat noch mehr als sonst. Es sind 45 Grad Celsius, den ganzen Tag, abends kühlt es nur wenig ab.

Wie ein Land nur für die WM lebt    

Katar Baustelle Fußballstadion Arbeiter (picture-alliance/Pressefoto Markus Ulmer)

Rund 15.000 Gastarbeiter sind für das Projekt WM 2022 im Einsatz

Beim Besuch des Al-Wakrah Stadion und des WM-Pavillons im "Financial District" wirkt alles surreal. Die schlechte Presse über die Ausbeutung der rund 15.000 Arbeiter aus insgesamt 51 Ländern schaden dem Image Katars, die Werbefilme, die uns dort gezeigt werden, wirken nicht nach. Der venezolanische Ingenieur Williams Morales Campo, verantwortlich für das High-Tech-Stadion Al-Wakrah, versichert: "Wir haben hier keine Sklaven, sondern respektieren sogar die Gebetspausen. Die Arbeitsunfälle sind niedriger als auf jeder europäischen Baustelle. "Die Zahlen, die er vorlegt, belegen das anscheinend und auf den ersten Blick scheint die Arbeitssituation auch normal. Aber hinter die Fassade lassen sich die Katarer nicht gerne blicken. Was jedoch auffällt: Es ist - abgesehen von den Baustellen - fast überall menschenleer.  

Auch in der Nähe der Shopping Mall "Festival City", die am noch zu bauenden Lusail Iconic Stadion angesiedelt sein wird, ist kaum ein Mensch zu sehen. Am Katara-Strand und der dort gelegenen "Kino-Stadt" gibt es ebenfalls keine Besucher: "Hier gibt es nie Menschenaufläufe. Keiner muss hier für irgendetwas anstehen - anders als bei uns in Bangladesch", grinst unser Fahrer Hanif Rahman. Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel hat gerade mal 300.000 einheimische Einwohner, der Rest der 2,7 Millionen Menschen im Land sind Gastarbeiter. Um das "Geisterhafte" dieses Landes auszuradieren, soll bis zum Jahr 2022 die Zahl der Bewohner auf 5,5 Millionen verdoppelt werden. Ein ehrgeiziges Ziel, besonders angesichts der Wirtschafts-Blockade einiger Nachbarländer, die viele ausländische Führungskräfte vertrieben hat. Vor allem Saudi-Arabien bezichtigt Katar, Terroristen zu finanzieren und kritisiert dessen Iran-freundliche Politik.

Die Nachbarn sind neidisch auf die WM

FIFA Fußball WM 2022 Joseph S. Blatter & Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani (picture-alliance/dpa/W. Bieri)

Sheikh Hamad bin Khalifa Al-Thani nach Bekanntgabe der Vergabe der WM 2022 an Katar

"Aber eigentlich sind doch alle nur auf die WM neidisch", glaubt Carmen Chamorro, spanische Sicherheitspolitik-Expertin. Das wäre möglich, da Saudi Arabien im Februar immerhin das Gerücht streute, Katar würde wegen der Terror-Verdächtigungen die WM nicht veranstalten können. Die Entscheidung werde im Herbst bekanntgegeben: "Alles Quatsch und Fake News", versichert die FIFA gegenüber der Deutschen Welle. Aber der Neid der Nachbarn wäre verständlich. Nie zuvor wurde eine Fußball-WM im Mittleren Osten ausgetragen.

Mit der WM will sich der größte Flüssiggas-Exporteur der Welt vor den internationalen Besuchern als Elite-Ausbildungs- und Forschungszentrum im Mittleren Osten präsentieren. "Vorbild sind Norwegen und Singapur", sagt Hend Bader Darwish Fakhroo von der Qatar Foundation, dem öffentlichen Investment-Organ für staatliche Universitäten und Schulen. Die Stiftung hat auch die sogenannte "Education City" auf die Beine gestellt, einen neuen Stadtteil, der komplett der Ausbildung gewidmet ist.

Die WM soll dem kleinen Land zudem als Werbeplattform für seine Steuervorteile dienen: "Wir wollen Qatar zum High-Tech-Land machen, wo reiche Ausländer ein nachhaltiges Leben in Luxus genießen und Firmen in Ruhe forschen können", sagt Ali Al Kuwari, CEO der Smart City "Msheireb Downtown". De facto ist Katar ein Steuerparadies, viele europäische Firmen haben dort mittlerweile Holdings angesiedelt.

Die WM soll langfristig wohlhabende Residenten nach Katar bringen

Katar Doha Skyline (Getty Images/AFP/K. Jaafar)

Imposant, aber kaum genutzt: Die Skyline Dohas.

Katar, kleiner als das deutsche Bundesland Hessen und trotzdem reicher, als alle anderen Länder der Erde, kann dank der Gastarbeiter aus Indien, Sri Lanka, Bangladesch und den Philippinen eine imposante und hochmodernen Skyline am Persischen Golf vorweisen. Doch in "Masheireb Downtown" wohnt und arbeitet bisher kaum jemand, der Bezirk gleicht einer Geisterstadt. Alles ist perfekt sauber, aber es gibt kein Kindergeschrei, kein Fahrrad auf der Straße und auch Fußgänger sind nur wenige zu sehen. In den Restaurants werden zwar europäische Fußball-Spiele übertragen aber es wirkt alles inszeniert, kaum einer schaut zu. Nur rund um den Souk in der "Altstadt", die erst in den vergangenen 25 Jahren entstanden ist, regt sich Leben.

Auch nach zehnjährigem Aufbau einer eigenen Fußball-Liga und einer nahezu perfekten Organisation der Nationalmannschaft will sich hier Fußballbegeisterung oder Vorfreude auf die Heim-WM in vier Jahren nicht einstellen. Wie beim Bau wird auch im Sport auf ausländische Kräfte gesetzt. Im vergangenen Jahr wurde der Spanier Félix Sánchez als Nationaltrainer engagiert, die kleine Fußballliga wurde von dem deutschen Sport-Experten Dieter Meinhold mit aufgebaut und seit Jahren lädt die Fluggesellschaft Qatar Airways den deutschen Rekordmeister FC Bayern München im Winter zum luxuriösen Trainingslager ein. Geld alleine reicht aber offensichtlich nicht aus, um das Land, in dem Kamelreiten Volkssport ist, für den Fußball zu begeistern. Aber darum geht es hier offensichtlich auch gar nicht.

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