Wladimir Klitschko: ″Die Fans sollten Punktrichter sein″ | Sport | DW | 09.05.2018
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DW-Interview

Wladimir Klitschko: "Die Fans sollten Punktrichter sein"

Der ehemalige Box-Weltmeister Wladimir Klitschko spricht im DW-Interview über sein Leben nach der Box-Karriere, über Doping und Stereotype im Sport sowie über das Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland.

DW: Wladimir Klitschko, vergangenes Jahr haben Sie sich entschieden, als Boxer in Rente zu gehen und haben gesagt: "Sag niemals nie zu deinem Comeback." Planen Sie, bald wieder in den Ring zu steigen?

Wladimir Klitschko: Nun, ich hatte recht mit diesem Zitat. Du sagst niemals nie. Dinge können sich ändern. Ich verändere meine Karriere, von einer zur nächsten. Viele Menschen tun das, manche sogar mehrmals im Leben. Schau dir Arnold Schwarzenegger an: Er war ein Athlet, wurde Schauspieler, wurde vom Schauspieler zum Politiker und vom Politiker zum Geschäftsmann. Er sorgt sich um die Zukunft unseres Planeten. Du weißt, dass du deine Karrieren wechseln musst. Ich denke, dass ich vielleicht, wenn es mal Zeit für eine Wohltätigkeitsaktion ist, wieder im Ring stehen könnte.

Aber nicht für einen professionellen Kampf?

Ich glaube, dass ich 27 großartige Jahre im Sport hatte. Ich habe viel gelernt, bin viel gereist. Das Reisen war mein Ziel, als ich mit Boxen anfing. Und ich denke, dass ich in den letzten 27 Jahren im Sport das erreicht habe, wovon ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich habe Dinge gemacht und erlebt, an die ich vorher nie gedacht habe. Der Sport hat mir viele Türen geöffnet. Und ich bin wirklich sehr froh, dass ich diese Karriere hatte und ich nicht einfach Arzt geworden bin und in einer Klinik arbeite. Statt Leute zu behandeln, habe ich Leute zum Arzt geschickt. (lacht) Und ab und zu bin ich selbst nach den Kämpfen auch in der Arztpraxis gelandet. Aber es ist alles Lebenserfahrung, und Sport ist wirklich etwas Erstaunliches. Ich würde Nelson Mandela zitieren: "Sport hat die Macht, die Welt zu verändern, weil es eine globale Sache ist."

Bildergalerie Sportbilder des Jahres Sven Simon Preis 2014 (Imago)

Von 69 Profikämpfen gewann "Dr. Steelhammer" 64, davon 54 durch K.o.

Sie versuchen gerade, in Ihrer Karriere nach dem Sport, die Welt zu verändern. Was haben Sie vor?

Wir sind hier in Kiew im Büro der Klitschko-Stiftung. Ich gehe mit der Stiftung und ihren Projekten ins 16. Jahr. In den vergangenen 15 Jahren haben über eine halbe Million Kinder die Projekte durchlaufen. Unser Kern ist Sport und Bildung: zwei Dinge, die verständlich sind. Abgesehen von verschiedenen Aktivitäten im Leben, abgesehen vom Sport, macht es natürlich auch Spaß, hier im Büro zu sein und etwas Gutes für die Welt und für die Kinder zu tun, für die Zukunft. Aber wer bin ich? Bin ich auf eine bestimmte Art ein Philanthrop? Vielleicht. Andererseits bin ich Sportler. Und vor zwei Jahren habe ich einen Studiengang zur Weiterbildung von Führungskräften an der Universität St. Gallen gegründet.

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Klitschko: "Die Leute denken in Schubladen"

Ich denke, Sie wissen sehr gut, dass Sportlern - und Boxer sind da keine Ausnahme - nicht immer zugetraut wird, wirklich schlau zu sein. Würden Sie dieses Stereotyp gerne widerlegen?

Es ist genau das: ein Stereotyp. Wie: Alle Journalisten sind käuflich. Alle Politiker sind Lügner oder Athleten sind dumm. Alle Tennisspielerinnen sind lesbisch und alle männlichen Sänger homosexuell. Es gibt so viele Stereotypen, die Leute stecken andere Menschen in Schubladen. So ordnen sie ihre Welt.

Sie haben ihre Tätigkeit an der Universität St. Gallen erwähnt. Was ist der Schwerpunkt ihres Kurses?

Wir alle haben Probleme im Leben. Und sobald wir dieses Wort "Problem" hören, erstarren wir. Wir stehen immer vor Herausforderungen, weil die Welt schneller geworden ist. Die Welt wurde global. Es gibt viele Komplikationen. Es gibt viele Neuigkeiten, es gibt viele falsche Nachrichten. Also müssen wir wählen, welche richtig sind und welche falsch. Und manchmal ist es sehr schwer, sich zu orientieren. Wir müssen unseren Lebensstil ändern, zum Beispiel aufgrund der Digitalisierung. Die Welt ist viel zu digitalisiert, im Vergleich zur Welt vor fünf oder zehn Jahren oder vor 20 Jahren. Man muss also wissen, wie man sich verhält, was zu tun ist und was nicht, wenn man eine Herausforderung hat. Das lehrt der Studiengang "Challenge Management" und auch die Methode, auf der meine 27 Jahre im Ring, aber auch meine Karriere außerhalb des Rings beruhen. Außerdem auf der praktischen Theorie, die vor drei Jahren mit der Universität in St. Gallen in der Schweiz etabliert wurde. Es gibt zwei Leute, die das Themenfeld erforschen und aus der praktischen Theorie wissenschaftliche Gesetze entwickeln.

 Nemtsova Interview mit ehermaliger Boxer Wladimir Klitschko (DW)

Wladimir Klitschko im Gespräch mit Zhanna Nemzowa

Sie benutzen gerne den Begriff "Herausforderung". Sie haben ein Buch geschrieben, das den Titel "Challenge Management" trägt. Es ist auf Deutsch und mittlerweile auch auf Englisch erhältlich. Sie schreiben in diesem Buch, dass das Boxen in Deutschland einen sehr schlechten Ruf hatte, als Sie Ihre Karriere begannen. Was war der Grund für diese Einstellung zum Boxen?

Ich bin mehr als sicher, wenn man den Boxsport digitalisierte, würde die entstandene Transparenz helfen, vieles zu heilen. Man hätte weniger Bürokratie, viele andere Dinge würden vereinfacht. Wir reden über Korruption. Die Digitalisierung bekämpft all diese Dinge und zwar sehr schnell. Ich glaube auch, dass die Fans in der Lage sein sollten, mit zu entscheiden und einer der Punktrichter zu sein.

Ist Korruption ein Thema im deutschen Boxsport?

Boxen ist ein verbreiteter Sport, mit Verbänden in jedem Land. Für diese Verbände arbeiten viele verschiedene Leute. Ich bin aber für eine stärkere Zentralisierung des Boxens. Es gibt Amateurboxen und Profiboxen, und beide arbeiten gegeneinander. Das ist nicht gut. Ich bin sehr froh über die vergangenen Olympischen Spiele. Es war das erste Mal in der Geschichte des Boxens, dass Profis und Amateure vereint waren. Es gab Synergien, und ich fand es großartig. Es ist also nicht alles schlecht im Boxen und es gibt definitiv Fortschritte.

Welche Lehren ziehen Sie aus den letzten Dopingskandalen?

Nun, es gibt viel Rauch, aber offensichtlich ist auch Feuer da. Wenn Doping systematisch erfolgt, verrät das definitiv die Philosophie des Sports. Es geht darum, gegeneinander anzutreten. Die Besten sollen gewinnen. Boxen ist wahrscheinlich eine der ehrlichsten Sportarten, denn es gibt keine Mannschaften. Zwei Männer bekämpfen sich nur mit den Fäusten. Und derjenige, der seine Fäuste besser nutzt als der andere, wird seinen Gegner eliminieren. Wenn einer von beiden Doping verwendet und gegen einen Ungedopten kämpft, dann betrügt er. Und er betrügt seine Fans.

Denken Sie, dass die Ermittlungsergebnisse der vergangenen Jahre dabei helfen, Doping im professionellen Sport ganz zu beseitigen?

Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat im Laufe der Jahre Millionen von Proben gesammelt, eingefroren und aufbewahrt. Sie verbessern ihr System. Es ist wichtig, dass alle Athleten getestet werden.

Russland richtet die nächste Fußball-Weltmeisterschaft aus. Denken Sie, dass die russische Führung dieses große Sportereignis als politisches Werkzeug nutzt?

Absolut. Ja!

Sie sprechen oft von Ihrem Bruder Vitali. Er ist Bürgermeister von Kiew und steckt mitten drin in der Politik. Unterstützen Sie Ihren Bruder bei seinen Verpflichtungen gegenüber der ukrainischen Politik?

Bürgermeisterwahlen in der Ukraine 2015 Klitschko (picture alliance/ZUMA Press/S. Glovny)

Wladimir Klitschkos Bruder Vitali

Ich habe meinen Bruder in den vergangenen 42 Jahren immer unterstützt. Er ist ein großartiger Typ. Und er sieht sich Herausforderungen gegenüber, von denen ich nicht weiß, wer sonst damit umgehen könnte. Er ist nicht dafür ausgebildet gewesen, besonders für die Politik, aber er hat es gelernt, während er schon in der Politik tätig war. Und er macht es gut.

Die ukrainisch-russischen Beziehungen haben sich seit der Annexion der Krim dramatisch verschlechtert. Haben Sie jemals erbitterte Auseinandersetzungen mit Sportlern in Russland gehabt? Wie hat sich diese Situation auf Sie ausgewirkt?

Aktuell gibt es keine Beziehung zwischen der Ukraine und Russland. Abseits aller Interessen, Kontroversen, unterschiedlicher Vorstellungen und Erwartungen ist es so schlimm geworden, dass als Konsequenz täglich Menschenleben geopfert werden. Es gibt ausländische Soldaten und Ausrüstung im Land. Leider gibt es die Methode "Teile und herrsche" und sie funktioniert - politisch und militärisch. Zwischen den Athleten war klar, dass man nicht das ganze Land beschuldigen kann. Es ist nicht richtig zu sagen: "Alle Russen sind schlecht." Oder alle Ukrainer. Ich bin ein Optimist. Ich sehe nicht alles negativ. Und ich glaube, dass sich Geschichte wiederholt. Ich hoffe wirklich, dass der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine irgendwann gelöst wird. Und es wird passieren.

Wladimir Klitschko, geboren am 25. März 1976, ist ehemaliger Box-Weltmeister im Schwergewicht. Zeitweise hatte er die  WM-Titel von vier verschiedenen Boxverbänden gleichzeitig inne. Klitschko, dessen älterer Bruder Vitali vor seiner Karriere in der Politik ebenfalls Box-Weltmeister war, gewann 1996, vor seiner Profikarriere, für die Ukraine die Olympische Goldmedaille im Superschwergewicht. Seine Laufbahn als professioneller Boxer startete Klitschko im Hamburger Boxstall Universum. Klitschko, der promovierter Sportwissenschaftler ist und den Kampfnamen "Dr. Steelhammer" trug, gewann 64 seiner 69 Profikämpfe, 54 davon durch K.o. Nach der Niederlage im WM-Kampf gegen Anthony Joshua am 29. April 2017 beendete Klitschko seine Karriere. Gemeinsam mit seiner Verlobten, der US-amerikanischen Schauspielerin Hayden Panettiere, hat er seit Dezember 2014 eine Tochter.

Das Interview führte Zhanna Nemzowa.

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