Wissenschaftlerin: ″Der Antisemitismus in Deutschland hat klar zugenommen″ | Deutschland | DW | 16.12.2017
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Antisemitismus in Deutschland

Wissenschaftlerin: "Der Antisemitismus in Deutschland hat klar zugenommen"

Professor Monika Schwarz-Friesel forscht seit 14 Jahren zum Thema Antisemitismus. In einem Interview beschreibt sie, wie weit verbreitet Antisemitismus in Deutschland heutzutage noch ist.

Demonstranten verbrennen Fahne mit Davidstern in Berlin (picture-alliance/dpa/Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.)

Auch in Berlin wurden bei Protesten in diesen Tagen wieder Fahnen mit Davidstern angezündet

DW: Frau Professor Monika Schwarz-Friesel, Donald Trumps Jerusalem-Entscheidung hat weltweit für Proteste gesorgt. Auch in Berlin haben wir Bilder gesehen, auf denen Menschen die israelische Flagge im Herzen Berlins vor dem Brandenburger Tor verbrennen. Sie forschen seit 14 Jahren an der Technischen Universität Berlin zum Thema Antisemitismus. Sie haben rund 20.000 Emails an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft, sowie 250.000 Texte aus dem Internet, hauptsächlich aus den Sozialen Medien, analysiert. Zu welchem Ergebnis kommen Sie? Wie weit verbreitet ist der Antisemitismus in Deutschland noch?

Schwarz-Friesel: Die Studie läuft noch, vor allem die zum Internet, aber was wir auf jeden Fall nach 14 Jahren intensiver Analysen sagen können, ist, dass Antisemitismus klar quantitativ zugenommen hat.

Monika Schwarz-Friesel, Antisemitismusforscherin (Monika Schwarz-Friesel)

Professorin Monika Schwarz-Friesel forscht seit 14 Jahren zum Thema Antisemitismus

Wir haben im Jahr 2002 beispielsweise Leserbriefe und Kommentare in Printmedien untersucht und haben das dann 10 Jahre später nochmal in Stichproben analysiert. Während 2002 um die neun Prozent verbale Antisemitismen in diesen ja immerhin auch veröffentlichten Kommentaren und Leserbriefen zu konstatieren waren, sehen wir jetzt um die 30 Prozent. Also es hat sich mehr als verdreifacht.

Wir sehen aber auch qualitativ ganz klar eine Tendenz der Aggressivitätsintensivierung. Zum Beispiel haben in den letzten Jahren die NS-Vergleiche sowohl in Bezug auf Juden als auch vor allem im Bezug auf den jüdischen Staat zugenommen.

Können Sie uns ein paar Zitate oder Beispiele nennen, die Sie besonders auffällig fanden oder die Sie am meisten schockiert haben, damit wir wissen, von was wir genau reden?

Also schockierend sind diese Beispiele alle, egal ob sie subtil oder vulgär sind. Vulgäre Beispiele kommen vor allem aus der rechtsradikalen Ecke, wo die Leute die alten Erlösungsfantasien der NS-Zeit aufleben lassen und schreiben: "Wir hoffen, dass die Gaskammern sich für den jüdischen Staat schnell öffnen".

Wir haben aber auch aus dem linken, gebildeten, liberalen Bereich solche Erlösungsfantasien in Bezug auf den jüdischen Staat. Das geschieht durchaus auch von Intellektuellen, Professoren und Pfarrern, die beispielsweise schreiben: "Der jüdische Staat sollte friedlich aufgelöst werden im Interesse der ganzen Menschheit". Das ist eins zu eins die alte Erlösungsfantasie: Ohne Juden ist die Welt eigentlich eine bessere. Nur, dass es jetzt eben substituiert ist und bezogen auf Israel.

Berlin Demonstration am Al-Kuds-Tag Israel Boykott (picture-alliance/dpa/M. C. Hurek)

Palästinensische Demonstranten rufen am Al-Kuds-Tag in Berlin zum Boykott gegen Israel auf

Viele der Menschen, die so etwas schreiben, tun das nicht anonym, sondern geben oft ihren vollen Namen an. Kann man daraus schließen, dass uralte Stereotypen jetzt wieder salonfähig werden?

Hier muss man ein bisschen aufräumen. Wir leben in dieser Post-Holocaust-Gesellschaft mit ziemlich schiefen Konzeptualisierungen in Bezug auf Antisemitismus. Und es wird einfach Zeit, dass man sich unbequemen Wahrheiten stellt.

Wir haben eigentlich nie eine Antisemitismus-freie Bundesrepublik gehabt. Erstens hat die Aufklärung viel zu spät angefangen – 20 Jahre nach der NS-Zeit. Also erst in den 60er Jahren durch die Auschwitzprozesse.

Und zweitens hat man mit dem Paragraphen der Volksverhetzung natürlich nicht den Antisemitismus aus den Köpfen, und schon gar nicht aus dem kollektiven, kulturellen Gedächtnis bekommen. Insofern muss man sagen, dass der klassische Antisemitismus immer einen Nährboden hatte, aber dass er nochmal so dermaßen aufflammen würde in den letzten 15 Jahren, dass so dermaßen klassischer Antisemitismus wieder zum Vorschein kommt, damit habe nicht mal ich als Antisemitismusforscherin gerechnet. 

Italien Fußball Lazio Rom Fans mit Spruchband (picture-alliance/AP Photo/P. Lepri)

Lazio Rom Fußballfans 1998 mit dem Spruchband: "Ausschwitz ist euer Heimatland. Die Öfen sind euer Zuhause"

Wie äußert sich dieser Antisemitismus in der Gesellschaft?

Wenn wir uns die Datenlage angucken, dann ist es tatsächlich so, dass der anti-Israel bezogene Antisemitismus nicht eine, sondern die Manifestationsform für Antisemitismus ist. Wir finden eigentlich fast keinen Diskurs mehr über Juden und das Judentum, wo nicht dann sofort der Abrutscher auf Israel kommt. Und dann werden diese uralten Stereotype auf den jüdischen Staat projiziert.

Und das sind wirklich mittelalterliche Stereotype, also Juden als Kindermörder, Juden als schlechte und verkommene Menschen, Juden und der Staat Israel als das Schlechte in der Welt. Das ist so ein Schlagwort, das wir seit fast 2000 Jahren sehen und das ist ganz offensichtlich in unserem kommunikativen Gedächtnis gespeichert. Das ist kein Zufall, dass das sowohl von rechten, linken als auch hochgebildeten Menschen immer wieder benutzt wird.

Deutschland Kundgebung gegen Antisemitismus (picture-alliance/dpa/M. Hitij)

Der Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert immer wieder Kundgebungen gegen den Judenhass, wie 2014 am Brandenburger Tor

Es gibt mittlerweile fast keinen Unterschied mehr in der Argumentation zwischen links und rechts. Der einzige Unterschied ist, dass während Rechtsradikale tatsächlich zu ihrem Antisemitismus stehen und schreiben: "Ich hasse Juden und das Judentum ist das Böse in der Welt", referieren die Linken immer, in dem sie sagen: "Israel und der Zionismus ist das Übel in der Welt und ein geschichtlicher Fehler". Ansonsten holen sich sowohl linke als auch rechte, gebildete wie ungebildete Menschen aus dem uralten Reservoir der Stereotype ihre Argumente. 

Hat sich der Antisemitismus mit dem Aufstieg der AfD in den letzten vier Jahren verschärft? 

Nein. Es ist zwar ein ausgesprochen fatales Signal, wir sehen den Rechtsruck in ganz Europa und natürlich ist es gerade für Deutschland schlimm, dass jetzt eine solche rechtspopulistische Partei im Bundestag sitzt, aber die Rechtspopulisten haben auch vor dem Einzug der AfD im Internet schon ganz, ganz massiv ihren Antisemitismus verbreitet. Insofern haben wir hier keine besondere, neue Dimension gesehen.

Und wie steht es mit dem Zuzug von Menschen aus Ländern, wo ein anti-israelisches oder anti-jüdisches Bild gepflegt wird? Also aus dem arabischen oder islamischen Raum? Wie schlägt sich das in Ihrer Forschung wieder?

Das zeigt sich insbesondere im Internet, wo auffällig viele türkisch oder islamisch oder muslimisch klingende Namen in diesem Zusammenhang zu sehen sind. Wobei man immer mit Vorsicht sagen muss, dass die Namen, die im Internet benutzt werden, natürlich auch fake sein können.     

Antisemitismus Frankreich Archiv 2004 (picture-alliance/dpa/C. Hartmann)

Frankreich, 2004: Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde inspiziert die Verschandelung im jüdischen Friedhof in der Nähe von Colmar

Trotzdem muss man sich Realitäten stellen. Wir wissen ganz genau, dass viele der Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, aus Ländern kommen, wo Israelhass Staatsdoktrin ist. Wir wissen, dass in diesen Ländern Judenfeindschaft als Normalität gepflegt wird. Selbstverständlich ist dann davon auszugehen, dass diese Menschen ihr antisemitisches Ressentiment mit nach Deutschland bringen.

Aber als Wissenschaftlerin bin ich hier sehr vorsichtig, denn wir haben noch keine Langzeitstudien zu diesem Thema. Und vorher ist das eigentlich fahrlässig Schnellschüsse abzugeben und zu sagen, jetzt kommen die ganzen Muslime aus Ländern, die israelfeindlich sind und ein antisemitisches Potenzial haben, also kommt jetzt eine riesige Welle von Antisemitismus. Allerdings sehen wir natürlich gerade jetzt wieder einmal, wie offen, wie explizit der muslimische Antisemitismus Juden- und Israelhass auf die Straßen trägt.

Das Sicherheitsgefühl der Juden in Europa hat in den letzten Jahren gelitten. In Frankreich gab es beispielsweise eine regelrechte Auswanderungswelle aufgrund des steigenden Antisemitismus. Glauben Sie, dass Deutschland auch Gefahr läuft, seine jüdischen Bürger zu verlieren?

Also zunächst läuft Deutschland ganz klar Gefahr die jüdischen Mitbürger auf eine Art und Weise im Stich zu lassen, die man sich nach dem Holocaust eigentlich nicht mehr hat vorstellen können. Das ist ganz klar in allen jüdischen Gemeinden festzustellen. Man fühlt sich von der Bundesregierung, den Eliteinstitutionen, den Medien und auch der Justiz aufgrund von fatalen Fehlurteilen im Stich gelassen.

Und das ist kein gutes Gefühl. Wenn wir Juden und Jüdinnen uns jetzt dafür verantwortlich fühlen, den Finger darauf zu legen, dass wir hier eine ganz brisante Tendenz in Deutschland haben, dann läuft in diesem Land etwas gravierend schief. 

Professor Monika Schwarz-Friesel ist Leiterin des Fachgebiets für Allgemeine Linguistik an der Technischen Universität Berlin und forscht seit 14 Jahren zum Thema Antisemitismus.              

Das Interview wurde von Neil King geführt. 

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