Wirecard: Warum dieses öffentliche Versagen? | Wirtschaft | DW | 19.04.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Finanzskandale

Wirecard: Warum dieses öffentliche Versagen?

Diese Woche geben sich die Mächtigen in einem Untersuchungsausschuss im Bundestag die Klinke in die Hand. Es geht um Wirecard, also um mächtig viel Geld - und um öffentliches Versagen vor hoher krimineller Energie.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages am 19. November 2020

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Aus der Untersuchungshaft vor den Untersuchungsausschuss des Bundestages am 19. November 2020

Am Dienstag trifft es den Wirtschaftsminister, am Mittwoch die Justizministerin, am Donnerstag den Finanzminister und Vizekanzler und am Freitag Kanzlerin Merkel. Der Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal gilt in Berlin nicht gerade als angenehme Adresse. Dass die Spitzen der Regierung antreten müssen, hat allerdings gute Gründe: Bei dem Skandal, der sich im Juni letzten Jahres mit einem 1,9 Milliarden-Loch auftat, geht es womöglich am wenigstens um das viele Geld. Brisanter ist vielleicht das Verhalten von Politikern, Aufsehern und Kontrolleuren angesichts des Gebarens eines damaligen Börsenlieblings.

Der Reihe nach und in knappen Worten: Im Juni 2019 Jahres räumte der nun insolvente Zahlungsdienstleister Wirecard ein, dass angebliche Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro nicht existierten. Der Schaden für Banken und Investoren könnte sich auf 3,2 Milliarden Euro summieren. Der frühere Wirecard-Vorstandsvorsitzende Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft, der frühere Chief Operating Officer Jan Marsalek ist auf der Flucht. Und, wen wundert's: Auch Geheimdienste sollen mitgemischt haben, einer in Österreich und einer in Russland, der den flüchtigen Marsalek angeblich im eigenen Land hält.

Kombibild | Wirecard | Markus Braun und Jan Marsalek

In Haft: Ex-Wirecard-Chef Markus Braun (links); untergetaucht: Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek

Das ganz große Geschäft

Das Geschäftsmodell des 20 Jahre alte Finanzhauses, auf das man in Deutschland einst so stolz war: Abwicklung des wachsenden Zahlungsverkehrs im Internet. Zu den ersten Kunden gehörten vor allem Kasinos und Porno-Seiten, weil die früh auf das Online-Geschäft setzten.

Banken und Investoren witterten große Geschäfte. Im September 2018 rückte Wirecard in den Deutschen Aktienindex (DAX) auf und ersetzte dort die Commerzbank. Die Wirecard-Manager versprachen, dass der Umsatz bis 2025 auf mehr als zwölf Milliarden Euro wachsen werde. Als die Luftnummer platzt, löst sich ein Börsenwert von mehr als 20 Milliarden Euro in nichts auf, Tausende Kleinanleger verlieren ihre Ersparnisse. Der Börsenliebling hatte verschwiegen, dass ein erheblicher Teil der Bilanzsumme frei erfunden war.

Jetzt ist die die Liste der Straftaten, aufgrund derer die Münchener Staatsanwaltschaft ermittelt, lang: Bandenbetrug, gefälschte Bilanzen, Geldwäsche, Marktmanipulation. Nach dem Ex-Vorstand Marsalek, einem Österreicher, lässt die Staatsanwaltschaft international suchen, er steht auf der "Most Wanted"-Liste der europäischen Polizeibehörde Europol.

Fahndung nach Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek

Weltweit gesucht: Fahndungsplakat für Jan Marsalek

Der ganz große Skandal

Wirecard gilt inzwischen als der wohl größte Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Untersuchungsausschuss des Bundestags mit seinen neun Mitgliedern hat also drängende Fragen: Wie weit waren die Bundesregierung und ihre Behörden über die Vorkommnisse informiert? Sind sie ihren Pflichten zur Finanz-, Geldwäsche- und Steueraufsicht nachgekommen? Hat sich die Bundesregierung für den Konzern im Ausland eingesetzt und wenn ja, wie? Und was genau ging bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) vor, dessen Chef mittlerweile seinen Hut nehmen musste? Über 300 Stunden lang hat der Ausschuss bisher Zeugen befragt.

Und dann sind da noch die Geheimdienste. Der Finanzpolitiker der Grünen, Danyal Bayaz, kritisierte unlängst, die Bundesregierung habe Informationen über eine Zusammenarbeit mit Wirecard zurückgehalten. In mehreren deutschen Sicherheitsbehörden seien Kreditkarten der Firma zum Einsatz gekommen. "Angesichts der Kontakte von Jan Marsalek zu ausländischen Geheimdiensten stellt sich die Frage, ob dabei deutsche Sicherheitsinteressen verletzt wurden", so Bayaz.

Und die Aufseher?

Im Hintergrund schwelt also die Frage, ob es nicht nur um fahrlässige Unterstützung eines Aufsteigers durch Politiker und Behörden ging. Denn ohne politisches Wohlwollen ist ein derart rasanter Sprung ins wichtigste deutsche Börsensegment kaum denkbar. Spielten die Geheimdienste wirklich eine Rolle? Und das vor dem Hintergrund eines Versagens der privaten Kontrolleure - Wirtschaftsprüfer von EY setzten jahrelang ihren Stempel unter Abschlüsse des Konzerns - und der öffentlichen Aufsicht - die Finanzaufsicht Bafin schützte Wirecard eher als die Finanzmärkte und sendete lange das Signal aus, bei Wirecard sei alles in Ordnung.

Deutschland Berlin | Untersuchungsausschuss Wirecard Markus Braun | Medien

Show-down im Untersuchungsausschuss? JournalistInnen warten im Bundestag.

Wer legte sich nicht alles für Wirecard ins Zeug: namhafte Lobbyisten wie Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, ein früherer Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, ein Ex-Polizeipräsident in Bayern … Und die Bundeskanzlerin? Was wusste sie, was wusste sie nicht? Merkel setzte sich - wohl beeinflusst von zu Guttenberg - bei einer China-Reise für Wirecard ein. Dazu wird sie am Freitag Rede und Antwort stehen müssen.

Vielleicht sollte man dabei aber auch nicht übersehen: Der Wirtschaftsminister und die Kanzlerin kommen von der CDU, der Finanzminister von der SPD - und in Deutschland stehen im September Parlamentswahlen an, eine neue Regierung wird bestimmt.

ar/hb (dpa, rtr – Archiv)

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema