Wirbel um Forderung nach neuer Nationalhymne | Aktuell Deutschland | DW | 09.05.2019
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Nationale Identität

Wirbel um Forderung nach neuer Nationalhymne

Brauchen die Deutschen eine neue Nationalhymne? Wenn es nach dem thüringischen Ministerpräsidenten Ramelow geht, ja. Doch die anderen Parteien zeigen dem Linken-Politiker die kalte Schulter.

30 Jahre nach dem Fall der Mauer hat sich Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow für eine neue deutsche Nationalhymne ausgesprochen. "Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden", sagte er der "Rheinischen Post" aus Düsseldorf. Nach seinen Beobachtungen singen viele Ostdeutsche die Hymne nicht mit. "Ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten", betonte der Linken-Politiker. Bisher habe dieser Wunsch immer nur für empörte Aufregung gesorgt.

Der Ministerpräsident plädierte dafür, ein neues Lied zu entwickeln mit einem "neuen Text, der so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können und sagen: Das ist meins." Zur deutschen Einigung sei darüber diskutiert worden, auf beide bestehenden Nationalhymnen zu verzichten und eine neue auszuwählen. Der verfassungsgebende Runde Tisch der DDR habe damals die "Kinderhymne" von Bertolt Brecht vorgeschlagen, was aber abgelehnt worden sei.

Die Nationalhymne Deutschlands stammt aus der Feder von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874). Er dichtete 1841 das "Lied der Deutschen", deren dritte Strophe heute die deutsche Nationalhymne ist. In der NS-Diktatur wurde nur die erste Strophe gesungen ("Deutschland, Deutschland über alles"). Die Melodie entstammt dem Kaiserlied von Joseph Haydn (1732-1809) und wurde 1796/97 komponiert.

Deutsche Nationalhymne (Imago/Schöning)

Noten und Text der Nationalhymne in Deutschland

Unionspolitiker mauern

Für seinen Vorschlag erntete Ramelow Widerspruch aus CDU, CSU, SPD und AfD. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff unterstrich: "Wir sollten uns den Themen zuwenden, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht, wie zum Beispiel der Energiewende oder der Mietpreisentwicklung." Der CDU-Politiker fügte hinzu: "Als Ostdeutscher sage ich, der Inhalt der Nationalhymne ist ein Grund gewesen, der Bundesrepublik beizutreten."

Thüringens CDU-Chef Mike Mohring erklärte: "Die politische Bilderstürmerei gegen ein Symbol der Bundesrepublik Deutschland ist unerträglich." Mohring fügte hinzu: "Die dritte Strophe des Deutschlandliedes drückt auf geradezu ideale Weise aus, was unseren demokratischen Nationalstaat im Innersten zusammenhält und welche Bürgertugenden ihn mit Leben erfüllen."

CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte: "Hände weg von unserer Nationalhymne." Wenn Ramelow "ein Problem mit Einigkeit und Recht und Freiheit hat, dann sollte er seine Haltung überdenken, aber nicht unsere Nationalhymne ändern", so Blume.

Deutschland Koalitionsverhandlungen von Union und SPD Markus Blume (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

CSU-Generalsekretär Markus Blume hält nichts von Ramelows Vorschlag

"Kampf gegen Nationalstaat"

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland erklärte, Ramelow beweise mit seiner Forderung, dass die Linkspartei "noch immer nicht ihren Frieden mit der Deutschen Einheit gemacht hat". Der thüringische Ministerpräsident wolle offenbar den "Kampf gegen den deutschen Nationalstaat" vorantreiben.

Der frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölzl (CDU) sagte dem Südwestrundfunk, die Generation seit 1989 kenne das Lied als ganz normale Hymne. Die jungen Menschen hätten "vermutlich nicht so viele Bilder im Kopf, die Herr Ramelow als historisch gebildeter Mann präsent hat". Stölzl wies auch das Argument zurück, viele Ostdeutsche könnten sich mit der Hymne nicht identifizieren. "Es ist nicht die westdeutsche Hymne gewesen, sondern es war die Hymne der Weimarer Republik", sagte der Historiker. Offenbar habe Ramelow aber "Akzente" im Wahlkampf setzen wollen - in Thüringen wird Ende Oktober ein neuer Landtag gewählt.

Video ansehen 04:37

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Thierse ist für neue Strophen

Auch Ex-Bundestagspräsident Thierse bezweifelte, dass die Ostdeutschen ein Problem mit der Nationalhymne haben. Zugleich brachte er einen eigenen Vorschlag in die Debatte ein: "Ich könnte mir vorstellen, die Hymne ergänzen zu lassen, um eine zweite und dritte Strophe, geschrieben von zeitgenössischen Dichtern", sagte der SPD-Politiker.

Unterstützung erhielt Ramelow dagegen von seinem Parteikollegen Rico Gebhardt. Der sächsische Linksfraktionschef nannte die Diskussion "überfällig". Er sprach sich für die "Kinderhymne" von Bertolt Brecht als Ersatz für die Nationalhymne aus. Diese entspreche "einem aufgeklärten Heimatverständnis, das keinen Platz für Nationalismus und übersteigerten Patriotismus lässt", erklärte Gebhardt.

kle/uh (epd, dpa, afp)

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