″Wir können doch nicht alle aufnehmen″ | Deutschland | DW | 16.09.2015
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Deutschland

"Wir können doch nicht alle aufnehmen"

In der deutschen Grenzregion zu Österreich herrscht der Ausnahmezustand. Etwa 15.000 Flüchtlinge sind in den letzten Tagen hier durchgekommen. Bei den Bürgern liegen die Nerven blank. Daniel Heinrich aus Freilassing.

Normalität gibt es in Freilassing schon lange nicht mehr. Hier herrscht der Ausnahmezustand - und das nicht erst seit dem Beschluss, die Grenzkontrollen wieder einzuführen und die Bundespolizei anrücken zu lassen. Jetzt schauen alle hin, sagen die Bürger hier, aber eigentlich ist die Lage schon seit Monaten chaotisch: Die meisten Menschen, die über die Balkanroute nach Deutschland fliehen, ziehen hier durch. Die Kleinstadt ist der erste Ort hinter der Grenze zu Österreich. 15.000 Menschen sind in den letzten Tagen hier durchgekommen. Das entspricht in etwa der Zahl der Einwohner. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die Lage mit ihrem Willkommensgruß für die Flüchtlinge verschlimmert: So sehen es zumindest viele hier.

Auch bei Tobias, der am Bahnhof auf seinen Zug wartet, liegen die Nerven blank: "Mit den Flüchtlingen kommen nur Probleme nach Deutschland. Egal, ob Diebstahl, Einbruch, oder der ganze andere Ärger. Sehen Sie sich doch mal um: Die Leute haben teilweise angefangen, sich mit Schusswaffen zu schützen. Einer meiner Nachbarn hat solche Panik, dass er sich jetzt eine Schrotflinte zugelegt hat." Schon mehrfach habe er Flüchtlinge erwischt, die in seiner Garage etwas klauen wollten, so der 20-Jährige: "Wir sind eine kleine Stadt, wir sind so etwas nicht gewöhnt. Die Leute hier haben Angst."

Lukas Barth / Anadolu Agency

Der Bahnhof in Freilassing platzt aus allen Nähten

Viele, die hier am Bahnhof warten müssen, weil aufgrund der neu beschlossenen Grenzkontrollen mal wieder die Züge ausfallen, denken ähnlich. Die wenigsten trauen sich allerdings, es so offen auszusprechen. Denn wie auch Tobias haben die meisten Freilassinger Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Auf dem Bahnhofsvorplatz steht eine Gruppe von Jugendlichen, im Skater-Look, mit verwuschelten Haaren: "Es spricht hier ganz selten mal jemand seine eigene Meinung aus, weil es dann sofort wieder heißt, dass man rechts ist oder ein Nazi", sagt Lukas. Er trägt einen Kapuzen-Pulli und Baggyjeans. Sein Bruder ist ein Punk. Aber auch er meint: "Mir steht es bis zum Hals. Das ist alles zu viel. Aber nicht nur Deutschland übernimmt sich gerade. Wenn sich nicht bald etwas tut, zerstört sich doch ganz Europa."

Weltpolitik zwischen Geranien und Alpenpanorama

Was für große Worte von einem Teenager im Schlabber-Look. Aber die aktuelle Situation zwingt die Menschen hier förmlich, sich mit den ganz großen Themen auseinanderzusetzen. Freilassing im ländlichen Bayern mit den Blumenkästen an den Häuserfronten und dem obligatorischen Alpenblick ist mitten drin im Strudel der Weltpolitik. Das überfordert viele hier. Auch wenn sie helfen wollen, wie die ältere Dame auf dem Weg zum Einkaufen, die sich vor allem um die Kleinsten sorgt. Für Kinder habe sie schon gespendet, sagt sie, und auch sonst so viele Sachen schon abgegeben: "Ich mache das schon seit zwei Wochen. Viele der Flüchtlinge tun mir so leid, aber man kann ja nicht jeden Tag spenden. Soviel Rente kriege ich ja auch nicht."

Auch die Beamten der Bundespolizei, die die Kontrollen durchführen, wirken teilweise etwas verloren. Viele hier sind aus allen Ecken der Republik kurzfristig abkommandiert worden: Jeder Zug, der aus Österreich einläuft, hält neue Flüchtlinge bereit. Der Bahnhof bietet viel zu wenig Kapazitäten - es gibt zwei Toiletten für Hunderte Flüchtlinge und andere Fahrgäste, die Bahnhofshalle ist schon mit 50 Leuten überfüllt . Die Beamten schaffen die Flüchtlinge mit Bussen in hastig gezimmerte Auffanglager oder Turnhallen. Dort werden sie dann registriert und medizinisch versorgt.

Das Ganze ist ein Knochenjob. Mitten in einer Gruppe Beamter steht, mit blauer Weste und gelbem Schriftzug, der Einsatzleiter. Trotz seines jungendlichen Auftretens ist Ludger Otto die Müdigkeit anzusehen. Wie lange der Einsatz dauern wird, kann er nur schätzen: "Also ich gehe davon aus, dass in den Zügen aus Österreich auch in nächster Zeit Menschen zu uns kommen, die nicht über die Einreisevoraussetzungen verfügen. Wir müssen dann die entsprechenden Maßnahmen treffen." Wie viele das genau sein werden, das gibt er offen zu, wäre reine Spekulation.

Echte Lösungen fehlen

Letzten Endes bleibt ihm wohl auch wenig anderes übrig, als sich so diplomatisch auszudrücken. Den Anweisungen seines obersten Dienstherren, Bundesinnenmister Thomas de Maiziere, hat er Folge zu leisten. Die Freilassinger sind weniger schmerzfrei, wenn es um die Beurteilung der Politik geht. Viele hier fühlen sich im Stich gelassen, bezeichnen die Grenzschließungen als blinden Aktionismus. Echte Lösungen sehen die meisten nicht.

Philipp Guelland/Getty Images

Viele hier sehen in den wieder eingeführten Grenzkontrollen reine Symbolpolitik

"Eigentlich müsste man die Probleme doch erstmal in den Herkunftsländern regeln", sagt die Kioskbesitzerin Kathrin und schenkt den Wartenden noch einen kostenlosen Kaffee ein. "Service für alle Gestrandeten", wie sie zwinkert. Dann fährt sie fort: "Erstens kann es doch nicht sein, dass Millionen von Menschen flüchten müssen. Zum anderen kann Deutschland doch einfach nicht alle aufnehmen."

Was soll nur werden? Das fragen sich hier alle. Den nächsten Wochen blicken die Freilassinger düster entgegen. Menschen in Not versorgen: Ja. Die, die wirklich Hilfe benötigen, umsorgen: Ja. Doch die Bewohner von Freilassing sind sich einig: Das können nicht alle sein.

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