″Wir geben Menschen eine Stimme, die sonst überhört werden″ | Medienentwicklung | DW Akademie | DW | 30.04.2018
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Medienentwicklung

"Wir geben Menschen eine Stimme, die sonst überhört werden"

Gela Mtivlishvili lebt und arbeitet in einem abgelegenen Teil Georgiens. Der strukturschwache Teil des Landes an der Grenze zu Tschetschenien wird von großen Medienhäusern selten beachtet. Für Mtivlishvili untragbar.

Georgien Helden der Medienfreiheit 2018 (mtisambebi.ge)

Mit seiner Kamera ist Gela Mtivlishvili oft in entlegenen Bergregionen unterwegs, um die Geschichten der Menschen zu erzählen, die sonst keinen Kontakt zu den Medien hätten.

Reporter, Gründer und Leiter von Bürgermedien, Menschenrechtsaktivist, Jurist – der Georgier Gela Mtivlishvili hat keine Scheu vor Herausforderungen. Er lebt und arbeitet in der Region Kachetien im Osten Georgiens. Der strukturschwache Teil des Landes an der Grenze zur Russischen Föderation wird von großen Medienhäusern selten beachtet. Für Mtivlishvili untragbar.

Der Journalist ist Redaktionsleiter der Online-Bürgerplattform mtisambebi.ge, die die DW Akademie seit Anfang 2017 unterstützt. Bürgerjournalisten veröffentlichen dort ihre Geschichten aus insgesamt sechs verschiedenen Regionen im Osten und Westen Georgiens, zum Teil aus  entlegenen Regionen, die sonst von der Presse kaum beachtet werden.

Im Gespräch mit der DW Akademie schildert er seine tägliche Arbeit.

"Ich bin Gela Mtivlishvili und arbeite in Georgien, hauptsächlich in schwer zugänglichen Bergregionen. Zusammen mit meinem Team stelle ich mehrere Medienprodukte her: Die Internetmagazine mtisambebi.ge und reginfo.ge sowie das Bürgerradio WAY in der hauptsächlich von der tschetschenischen Minderheit bewohnten Region Pankisi. Mit diesen Medien geben wir Menschen eine eigene Stimme, die sonst überhört werden würden.

Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut: Bei meiner Arbeit als Journalist bin ich schon oft selber unter Druck geraten. Dass ich eine juristische Ausbildung habe, hat mir geholfen meine eigenen Rechte zu kennen und durchzusetzen. Mein Beispiel zeigt also, dass man kämpfen und sich gegen Druck von oben behaupten kann. Diese Erfahrung möchten wir auch in unseren Sendungen und Artikeln weitergeben: Es lohnt sich, für seine eigenen Rechte und die Rechte anderer einzustehen. Wir glauben, dass Medien sich zu einem echten Partner für die Bürger entwickeln und die Bürger im Gegenzug die Medien unterstützen sollten – nur so können sie gemeinsam etwas erreichen; und wir tun alles, um das mit unseren Bürgermedien zu fördern." 

Georgien Helden der Medienfreiheit 2018 (mtisambebi.ge)

Die meisten Mitarbeiter von mtisambebi.ge sind eng mit der Bergregion verbunden und mit den Gegebenheiten dieser Landschaft vertraut.

"Was in den Bergen passiert, geht uns ans Herz"

"Schon mein Nachname bedeutet, dass ich aus den Bergen komme. Genauso wie meine Mitarbeiter bei mtisambebi.ge, die auch fast alle mit den Bergregionen verbunden sind. Was dort passiert, geht uns ans Herz und berührt uns. Niemand sonst kümmert sich um die Probleme dort. Deshalb haben wir angefangen, über die Region zu berichten: Um die Lage dort für die Menschen zu verändern und zu verbessern.

In den entlegenen Bergregionen Georgiens wohnen Menschen auf über 2000 Höhenmetern. Sobald der erste Schnee fällt, sind sie rund sechs bis sieben Monate im Jahr von der Außenwelt abgeschnitten. In dieser Zeit hat die Bevölkerung keinen Zugang zu größeren Städten oder auch nur den Nachbargemeinden. Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben, gibt es in diesen Bergregionen häufig keinen Strom, kein funktionierendes Telefonnetz oder Internet. Die Leute träumen von 12-Volt-Fernsehgeräten, um wenigstens ein Minimum an Informationen zu erhalten. Unser Ziel ist es zum einen, über die Probleme dieser Menschen, Orte und Dörfer zu sprechen und Informationen innerhalb der Regionen zu verbreiten; zum anderen möchten wir aber auch nationale und internationale Aufmerksamkeit für ihre Probleme schaffen, damit diese auch gelöst werden."

Georgien Helden der Medienfreiheit 2018 (mtisambebi.ge)

Gela Mtivlishvili interessiert sich für alle Geschichten, die die Menschen zu erzählen haben.

"Alle Medien zusammen können die schwierige Lebenssituation verbessern"

"Denn wenn mtisambebi.ge Beiträge publiziert, werden die oft von den nationalen georgischen Medien aufgegriffen und landesweit verbreitet. Alle Medien zusammen können also zur Verbesserung der schwierigen Lebenssituation in den vergessenen Bergregionen beitragen.

Mtisambebi.ge hat deshalb mit Unterstützung der DW Akademie erstmals mit der Ausbildung von Bürgerjournalisten in Georgien begonnen. Das ist ein einzigartiges Projekt hier im Land, denn in den Bergen gibt es mehr als genug spannende Themen, die erzählt werden wollen. Nur fehlt es den Leuten, die dort leben, an Technik und Know-how, um professionelle journalistische Beiträge darüber zu verfassen. In der Ausbildung zeigen wir ihnen, wie sie selbst mit einfachen Mitteln - zum Beispiel mit ihrem Telefon und mobilem Internet - ihre Geschichten erzählen können. Die Videoclips, die sie produzieren, schicken sie an uns, damit wir sie bei mtisambebi.ge veröffentlichen und mehr Aufmerksamkeit für ihre Probleme schaffen.

Die Menschen in den Bergregionen kennen uns inzwischen und sprechen offen mit uns. Ihre Themen können beispielsweise die Bildung oder Versorgung betreffen. In vielen Dörfern gibt es keine Schule, keinen Strom und kein Wasser. Außerdem fehlen meist auch Ärzte und andere medizinische Versorgung. Wir von mtisambebi.ge setzen uns dafür ein, dass sich das ändert. Dadurch wurde Vertrauen geschaffen – und damit die Grundlage für weitere spannende Geschichten."

Nur ein Arzt für viele Dörfer – und der ist auf Schneeschuhen unterwegs

"Eine der spannendsten Geschichten, die ich erlebt habe, hat sich in der Bergregion Tuschetien ereignet. Dort gibt es 52 Dörfer, die häufig über 2500 Höhenmetern liegen und meist nur im Sommer bewohnbar sind. Gleich im Norden grenzt Tuschetien an Dagestan und damit an die Russische Föderation, die sich immer wieder unbewohnte Landstriche einverleibt. Umso wichtiger ist es, in den Grenzregionen Präsenz zu zeigen. Damit die Menschen dort wohnen bleiben, brauchen sie aber Strom, Wasser und medizinische Versorgung.

Irakli Khvedaguridze (76) ist der einzige Arzt für alle Bewohner der abgelegenen Bergdörfer. Im Winter war er eine Zeitlang auf selbst gebastelten Schneeschuhen unterwegs. (mtisambebi.ge)

Irakli Khvedaguridze (76) ist der einzige Arzt für alle Bewohner der abgelegenen Bergdörfer. Im Winter war er eine Zeitlang auf selbst gebastelten Schneeschuhen unterwegs.

In Tuschetien sind viele Dörfer zehn bis 30 Kilometer weit voneinander entfernt. Sie alle werden von nur einem einzigen Arzt, Irakli Khvedaguridze, versorgt. Er ist 76 Jahre alt. Im Winter liegen über zwei Meter Schnee, auch zehn Kilometer sind dann von keinem Fahrzeug zu schaffen. Als wir einmal im Winter mit dem Helikopter in die Region gereist sind, haben wir gesehen, wie Irakli von einem Patienten zum anderen kommt: Um Notfälle rechtzeitig zu erreichen, hatte er sich selbst aus Holz und Plastikresten Schneeschuhe (er selbst nennt sie „Schneetatzen“) und Stöcke gebaut, die nicht im Schnee einsinken.

Auf diesen Schneeschuhen lief er den ganzen Tag, um seine Patienten in den Dörfern zu erreichen. Nachdem wir den Beitrag über Irakli auf mtisambebi.ge publiziert hatten, wurden wir von einem  Zuschauer aus Deutschland kontaktiert, der dem Arzt richtige Schneeschuhe und Skistöcke geschenkt hat, damit er den Menschen besser helfen kann."

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