Wieso Menschen aus aller Welt plötzlich ins Schweizer Dorf Albinen ziehen wollen | Europa | DW | 27.11.2017
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Dorf sucht Bewohner

Wieso Menschen aus aller Welt plötzlich ins Schweizer Dorf Albinen ziehen wollen

Wer sich im Schweizer Dorf Albinen ansiedelt, bekomme 60.000 Euro geschenkt - so oder ähnlich titelten internationale Medien. Interessenten aus der ganzen Welt meldeten sich. Doch die Sache hat mehr als einen Haken.

Auf den ersten Blick wirkt der Schweizer Ort Albinen wie ein Bergdorf aus dem Bilderbuch. In 1300 Metern Höhe, an einem sonnigen Berghang gelegen, reihen sich - mal besser, mal schlechter erhaltene - mit Holz verkleidete Häuschen aneinander. In Albinen, scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. Aber ganz so ist es nicht.

Kampf gegen das Aussterben

Denn der kleine Ort schrumpft. Nur 241 Menschen leben noch in Albinen, davon gerade einmal 25, die jünger sind als 20 Jahre. "Unser Dorf kämpft um seine Existenz, seine Zukunft", heißt es in einer Gemeindeinitiative: Keine Dorfschule mehr, kaum noch Kinder und viele junge Menschen, die hinunter ins Tal ziehen. "Die Gemeinde kann nicht tatenlos zusehen, wie unser Dorf ausstirbt", schreiben die Autoren. Mit ihrem Gesuch haben die Initiatoren in den vergangenen Tagen für weltweites Aufsehen gesorgt. Denn was sie zur Rettung ihres Dorfes vorschlagen, hat durchaus Seltenheitswert. Was war also passiert?

Anfang August reichte eine Gruppe "junger Albinerinnen und Albiner", wie sie sich in dem Dokument selbst nennen, eine Initiative für eine aktive Wohnbauförderung bei der Gemeinde Albinen ein. Eine solche Volksinitiative kann in der Schweiz eingereicht werden, wenn dem Vorschlag zehn Prozent der Stimmberechtigten auf der jeweiligen Verwaltungsebene zustimmen - also Gemeinde, Kanton oder Bund. Der jeweils zuständige Rat muss die Initiative dann aufgreifen und dem Wahlvolk zur endgültigen Abstimmung vorlegen.

Bei der nun in Albinen eingereichten Initiative sollen Alleinstehende, Paare und Familien Geld bekommen, wenn sie sich in Albinen niederlassen. Eine vierköpfige Familie würde demnach 70.000 Franken bekommen (umgerechnet knapp 60.000 Euro). Das Ziel: Albinen attraktiver machen, Menschen anlocken, damit das Dorf nicht ausstirbt.

Weltweit berichteten daraufhin Medien über die attraktive Prämie - von den USA über Mexiko, Spanien, Kroatien, Vietnam bis hin nach China. "Dieses wunderschöne Schweizer Dorf zahlt 53.000 Pfund, damit Menschen dorthin ziehen", hieß es zum Beispiel in der britischen Boulevardzeitung "The Sun".

Menschen rund um den Globus fühlten sich daraufhin berufen. Der kleine Ort Albinen wurde geradezu überrannt mit Anfragen. "Wenn wir alle telefonischen und schriftlichen Anfragen per E-Mail, SMS, WhatsApp, Facebook und über unsere Website mitzählen, dann sind es schätzungsweise 3000 Kontakte aus allen Kontinenten und aus vielen Dutzend Ländern", sagt Gemeindepräsident Beat Jost.

Irreführende Medienberichte

Das Problem an der Sache: "Die Medien haben unser ernsthaftes, seriöses Projekt total verkürzt, vereinfacht und verdreht", sagt Jost, der selbst als Journalist arbeitet. "So haben sie auch die Menschen rund um den Globus, die vielleicht verzweifelt eine neue Perspektive suchen, in die Irre geführt." Gegenüber den zahlreichen Medienvertretern, die in dem 241-Einwohner-Dorf jetzt anfragen, äußern sich die verunsicherten Gemeindevertreter deshalb nur noch sehr zurückhaltend.

Karte Schweiz Albinen DEU

Albinen liegt im Süden der Schweiz, rund zwei Autostunden von der Hauptstadt Bern entfernt

Stattdessen sorgten sie auf der Gemeinde-Homepage erst einmal für Klarheit: Bisher ist die Initiative noch nicht einmal abgesegnet. Erst an diesem Donnerstag will die entscheidende Urversammlung über den Vorschlag abstimmen. Ob die Bewohner nach dem Hype aber überhaupt noch mit Ja stimmen, ist fraglich. Außerdem sind die versprochenen Prämien an strikte Bedingungen gekoppelt - Interessierte sollten also dringend das Kleingedruckte lesen.

Kaum jemand kommt in Frage

Denn wer infrage kommen will, darf zunächst einmal nicht älter als 45 Jahre alt sein. Außerdem müssen die Auserwählten mindestens zehn Jahre lang in Albinen leben - sonst müssen sie das Geld zurückzahlen. Um die Unterstützung überhaupt zu bekommen, müssen zudem selbst mindestens 200.000 Franken (rund 170.000 Euro) in das neue Heim investiert werden. Dafür ist ein Kredit- oder Finanzierungsnachweis Pflicht. Und was vor allem für Interessierte aus dem Ausland wichtig sein dürfte: Die zukünftigen Albiner müssen die schweizerische Niederlassungsbewilligung C haben - einfach nach Albinen ziehen und kassieren geht also nicht.

Schweiz Albinen (picture-alliance/Keystone/J.-C. Bott)

Idyllisch ist es in Albinen - Probleme hat das Dorf trotzdem

"Der Gemeinderat geht davon aus, dass bei Annahme der Reglements in den nächsten fünf Jahren im besten Falle höchstens fünf bis zehn junge Familien Beiträge beanspruchen werden", schreibt die Gemeinde auf ihrer Website. Und selbst diese Zahl müsse schon als großer Erfolg gewertet werden.

Von den rund 3000 Interessenten, die sich bisher gemeldet haben, hat wohl kaum einer eine Chance. "Leider müssen wir 99 Prozent von ihnen sagen: Sie kommen für das, was wir im kleinen Albinen machen wollen und können, schon von vornherein nicht infrage", sagt Gemeindepräsident Jost. Der Traum vom subventionierten Eigenheim im idyllischen Schweizer Bergparadies dürfte für die meisten also weiterhin ein Traum bleiben.

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