Wie viel Gott braucht Europa? | Kultur | DW | 13.09.2007
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Kultur

Wie viel Gott braucht Europa?

Bis Oktober laufen Gespräche der EU-Außenminister über einen neuen Grundlagenvertrag für die EU. Viele Seiten kritisieren die Streichung religiöser Formulierungen, für einen Gottesbezug gibt es aber keine Mehrheit.

Die Gutenberg Bibel aus dem 15. Jahrhundert gehört zum europäischen Erbe

Die Gutenberg Bibel aus dem 15. Jahrhundert gehört zum europäischen Erbe

Sie waren viel unterwegs, um die Botschaft Gottes zu verkünden. Für ihre missionarischen Zwecke eigneten sich die kilometerlangen Papyrusrollen nicht. In römischer Kodex-Form - kleine Pergamentblätter, geschützt von zwei Holztafeln - trugen die Christen ihre Heilige Schrift. Sie verbreiteten nicht nur einen Glauben. Sie verbreiteten auch diese ersten Bücher und den Bestseller aller Zeiten: Die Bibel. Es war das Zweite Jahrhundert nach Christus.

"Es ist eine historische Lüge, wenn man sagt, dass die europäische Kultur nicht von Christentum geprägt ist", meint Hubert Tintelott, Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. "Ich stelle immer wieder fest, dass es große historische Defizite gibt, was die Aufarbeitung jüdischer, muslimischer Einflüsse in Europa angeht", sagt wiederum Aiman A. Mazyek, Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland.

Es ist eine abgeschlossene Debatte. Zumindest für die Politik. Die Präambel des neuen EU-Vertrages wird nicht darauf hinweisen, dass Europa auf einem christlichen Erbe ruht. Auch einen Gottesbezug wird es nicht geben.

Drei Komponenten eines Wertemodells

"Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben", wird in der Präambel des neuen EU-Vertrages zu lesen sein.

Ein Gottesbezug fehlt, obwohl alle monotheistischen Religionen ihn gefordert haben - vom Christentum bis zum Islam. Sowohl das "religiöse Erbe" Europas als auch der Humanismus wird erwähnt: Gerade die Geisteshaltung, die die absolute Dominanz des menschlichen Lebens durch die Kirche scharf kritisierte und die Menschheit, die "humanitas", an Stelle Gottes im Zentrum des Universums positionierte.

Jo Leinen, Quelle: Jo Leinen

Jo Leinen

"Es ist doch gut formuliert: das kulturelle und religiöse Erbe, je nachdem wo man bei seiner Religionsanschauung seine Inspiration bezieht, und das humanistische Erbe aus der Französischen Revolution und der Aufklärung. Das sind die drei Komponenten, die das europäische Wertemodell repräsentieren und das findet sich in dem neuen Europavertrag wieder", sagt Jo Leinen, sozialdemokratischer Abgeordneter im Europäischen Parlament.

Im Vielfalt geeinigt

"In den verschiedenen Staaten der EU gibt es unterschiedliche Traditionen und Kulturen, wie man mit der Religion im Zusammenhang mit menschlichen Gemeinschaften, mit den Staaten, umgeht", begründet Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments, die Entscheidung gegen den Gottesbezug.

Hans-Gert Pöttering, Quelle: dpa

Hans-Gert Pöttering

Auch wenn das europäische statistische Institut EUROSTAT bislang die Europäer noch zu ihrer Konfessionszugehörigkeit befragt hat, besteht kein Zweifel, dass in Europa Christen in der Mehrzahl sind, und die meisten Europäer an einen Gott glauben. Pöttering hätte als Katholik gerne den Gottesbezug im EU-Vertrag gehabt, so wie seine christdemokratischen Kollegen. Frankreich und Belgien aber weigerten sich auf Grund ihres Laizismus besonders dagegen. Und auch das Europäische Parlament, die einzige reindemokratische Instanz der EU, stimmte dagegen.

Lesen Sie im zweiten Teil: Europa und das Christentum, eine scheinbare Diskussion?

Im Jahr 313 n. Chr. setzte der römische Kaiser, Konstantin der Große, der Christen-Verfolgung ein Ende. Nach dem Verfall des weströmischen Reiches, herrschten die Römer in Byzanz, im oströmischen Reich, weitere Tausend Jahre. Im VI. Jahrhundert machte der byzantinische Kaiser Justinian I. das Christentum zur offiziellen Religion des Imperiums. Im vierten Jahrhundert erreichte der christliche Glaube auch die Germanen. Die Christianisierung Europas war nicht mehr aufzuhalten.

Europa ist vom Christenturm geprägt - das wollten auch die Christen im EU-Vertrag anerkannt sehen. Aber auch wenn das christliche Erbe Europas nicht direkt erwähnt ist, "man muss sehen, dass es in diesem Vertrag eine klare Beschreibung der Werte gibt, die man als christliche Werte bezeichnen kann", sagt Pöttering. Christen sollten "nicht resignieren."

Griechen, Römer, Muslime, die Aufklärung, die Arbeiterbewegung, die Philosophie und vieles Andere hätte in die Präambel gleichermaßen gepasst - dazu wird es aber nicht kommen.

Eine scheinbare Diskussion

"Die Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen, und beeinträchtigt ihn nicht", steht im Artikel I-52 des neuen EU-Vertrages, unter dem so genannten "Status der Kirchen und weltanschaulichen Gemeinschaften".

Die Debatte um die Präambel ist nur eine scheinbare Diskussion, meint der Internationale Bund der Atheisten und Konfessionslosen (IBKA). "Die Präambel ist Lyrik und hat keine rechtliche Bedeutung. Das wirklich entscheidende ist der Kirchenartikel, der im neuen EU-Vertrag übernommen werden soll. Darüber wird leider überhaupt nicht gesprochen", sagt Rudolf Ladwig, IBKA-Vorsitzender. Im Verfassungsentwurf regelt Artikel 46, wie Nichtregierungsorganisationen an der EU teilhaben könnten. "Dieser Artikel passt nicht auf die katholische Kirche, weil sie die Kriterien nicht erfüllt - sie ist eine zutiefst hierarchische und nicht demokratische Organisation, die die Menschenrechtserklärung nicht anerkennt. In einer Form von Geheimverhandlungen einigte man sich auf den Kirchenartikel. Plötzlich war er da, ohne dass man darüber diskutieren konnte, und garantierte den bisherigen Status der Kirchen sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene."

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