Wie sieht die Zukunft von ″Fridays for Future″ aus? | Aktuell Welt | DW | 15.09.2019
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Klimaprotest

Wie sieht die Zukunft von "Fridays for Future" aus?

Sie protestieren nun schon seit Monaten für den weltweiten Durchbruch des Klimaschutzes. Doch was werden die meist jungen Leute mit ihrem großen Engagement erreichen? Dazu zwei Einschätzungen von kompetenter Stelle.

Ein Fridays-for-Future-Protest in Frankfurt - diesmal am Samstag anlässlich der Internationalen Automobilausstellung (Foto: picture-alliance/dpa/M. Becker)

Ein Fridays-for-Future-Protest in Frankfurt/Main - diesmal anlässlich der Internationalen Automobilausstellung

Der Protestforscher Simon Teune geht davon aus, dass die Klimabewegung "Fridays for Future" sehr lange aktiv sein wird. "Die Ausgangsbedingungen für einen langanhaltenden Protest sind sehr gut, weil es eine breite Unterstützung gibt", sagte der Wissenschaftler vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Um Proteste zu organisieren und aufrecht zu erhalten, seien zwei Ressourcen nötig, nämlich finanzielle Mittel und Menschen, die bereit seien sich einzubringen: "Und mit beiden ist 'Fridays for Future' ziemlich gut ausgestattet."

Parents, Scientists, Artists und Churches for Future

Teune ist Vorstandsvorsitzender des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung und Ko-Leiter des Bereichs "Soziale Bewegungen, Technik, Konflikte" am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin. Er und sein Team untersuchen die "Fridays for Future"-Bewegung wissenschaftlich und veröffentlichten im August eine erste Studie zur Zusammensetzung der Protest-Teilnehmer.

Simon Teune (Foto: epd/TU Berlin/U. Dahl)

Simon Teune: "Viele Menschen sehen sich verstärkt selbst in der Pflicht, für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen"

Der Wissenschaftler verweist auch darauf, dass die meist jugendlichen Vertreter von "Fridays for Future" immer mehr Unterstützung von anderen Gruppen bekommen: "Es haben sich ziemlich schnell Gruppen wie die 'Parents for Future' und die 'Scientists for Future' gegründet." Zudem habe es auch vorher schon Unterstützung durch Umweltorganisationen, Parteien oder andere Initiativen gegeben. "Aber was sich durch die 'Fridays for Future' geändert hat, ist, dass sich viele Menschen verstärkt selbst in der Pflicht sehen, für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen", sagte der Protestforscher. Es entstünden immer weitere Gruppen wie "Artists for Future", "Entrepreneurs for Future" oder "Churches for Future".

"Politische Akteure können sich nicht mehr wegducken"

Nun sei die Frage, wie die Politik auf die Klimaproteste reagiere. Da gebe es bislang "eigentlich gar keine Entwicklung, die einen optimistisch stimmt, dass dieses Engagement auch zu konkreten politischen Entscheidungen führt", sagte Teune. Ein Erfolg der Bewegung sei es allerdings, dass sie das Thema Klimaschutz auf die politische Agenda gesetzt habe: "Die politischen Akteure können sich dazu nicht mehr wegducken."

Protest mit Greta Thunberg an der Spitze am Donnerstag in der Nähe des Weißen Hauses in Washington (Foto: Getty Images/AFP/N. Kamm)

Protest mit Greta Thunberg an der Spitze am Donnerstag in der Nähe des Weißen Hauses in Washington

Zurückhaltender beurteilt der frühere Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner die langfristigen Erfolgsaussichten von "Fridays for Future". "Ich glaube schon, dass die Politiker vor allem in Deutschland, aber auch in Norwegen, Schweden, in den Nordländern aufmerksamer geworden sind auf das Thema. Ob das allerdings nachhaltig etwas verändert, muss sich erst zeigen", sagte Messner, der am Dienstag 75 Jahre alt wird, der Deutschen Presse-Agentur. "Wir werden in zehn Jahren sehen, ob Greta Thunberg etwas erreicht hat oder nicht." Seine jüngste, 17 Jahre alte Tochter gehe zu den Demonstrationen. "Sie hat ihr Leben geändert. Sie streitet mit allen Gästen, die zu uns kommen, über die Klimakatastrophe. Sie fährt jetzt Zug. Sie will nicht mehr fliegen, auch nicht auf größeren Familienreisen."

Es sei positiv, dass sich junge Menschen wehrten, denn sie seien die Leidtragenden. "Die jungen Leute haben ein Gefühl dafür, dass die ganze Welt zusammenstehen muss, dass Europa das nicht allein machen kann. Europa kann höchstens Vorreiter sein. Aber wenn China, Indien und Amerika außen vor bleiben, wird nicht viel erreichbar sein."

Reinhold Messner (Foto: Imago Images/S. Minkoff)

Reinhold Messner: "Es ist leicht darüber zu reden, und es ist schwierig, konkret politisch etwas zu ändern"

Allerdings überblicken die Jugendlichen nach Messners Einschätzung vermutlich nicht alle Schwierigkeiten. "Es ist leicht, darüber zu reden, und es ist schwierig, konkret politisch etwas zu ändern. Wenn jemand wirklich so eindeutig wie Greta Thunberg die Probleme auf den Tisch legt, wird er beim nächsten Mal nicht mehr gewählt. Das ist Demokratie." Zudem sei offen, was eine Umkehr bewirken könne. "Diese Klimaerwärmung, die immer galoppierender ist und die offensichtlich alles sprengt, was wir bisher befürchtet haben, ist nicht so schnell zurückzudrängen - wenn es überhaupt noch möglich ist."

Die Mühen der Ebene

Gerade in den Bergen sei der Klimawandel unübersehbar, so Messner weiter. "Was an riesigen Felsbrocken von den Bergen kommt, weil der Permafrost schwindet, was durch Platzregen an Muren abgeht, dass Gletscherseen ausbrechen und Sturzbäche vom Berg herunterkommen, ist eine Katastrophe. Das hat es in den letzten 60, 70 Jahren so nicht gegeben. Ich beobachte die Natur in den Dolomiten, seit ich ein Kind bin, und sehe die Folgen des Klimawandels bei jeder Fahrt oder jedem Marsch", sagte Messner. "Wenn jemand mit offenen Augen durch die Alpen fährt, sieht er die Folgen des Klimawandels ganz schnell. In der Ebene ist das nicht so leicht feststellbar."

sti/fab (dpa, epd)

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