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PolitikSüdsudan

Wie kann der Südsudan einen neuen Bürgerkrieg vermeiden?

Martina Schwikowski
2. Februar 2026

Der Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem Rivalen Riek Machar treibt das Land in einen Konflikt. Analysten fordern, international Druck auf beide Parteien auszuüben, um einen Krieg zu verhindern.

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Salva Kiir und Riek Machar sitzen nebeneinander
Südsudans Präsident Salva Kiir (links) und sein politischer Rivale Riek Machar (rechts) sind in anhaltende Machtkämpfe verstrickt und drohen, das Land in einen neuen Bürgerkrieg abgleiten zu lassenBild: Peter Louis Gume/AFP

Im Südsudan spitzen sich die Machtkämpfe zwischen Präsident Salvar Kiir und seinem politischen Rivalen Riek Machar zu: Der ehemaligeVizepräsident Machar ist wegen Hochverrats angeklagt und steht in Juba vor Gericht. Gleichzeitig droht eine militärische Eskalation: Der oberste Militärbefehlshaber des Landes, Johnson Olony, soll kürzlich die Truppen dazu aufgefordert haben, entschlossen zu handeln und „keine Gnade zu zeigen“, auch nicht gegenüber Zivilisten, als Teil der Vorbereitungen für eine Offensive der Regierung gegen oppositionelle Kräfte. Die UN-Friedensmission im Südsudan (UNMISS) und andere Menschenrechtsorganisationen haben Olonys Äußerungen als Aufforderung zu möglichen Kriegsverbrechen verurteilt. 

"Die aktuelle Lage im Südsudan ist erschreckend", sagt Tim Glawion, Wissenschaftler am Arnold-Bergtraesser-Institut in Freiburg. "Mehr als Dreiviertel der Bevölkerung sind in großer Not, leiden Hungerund sind den Kämpfen ausgesetzt. Überschwemmungen kommen hinzu. Und nun die drohende Aussicht auf einen erneuten Bürgerkrieg", sagt Glawion zur DW. 

Die Spannungen konzentrieren sich auf den Bundesstaat Jonglei im Südsudan. Dort kam es Berichten zufolge zu zahlreichen Toten und Verletzten, nachdem erneut Kämpfe zwischen oppositionellen Milizen und Regierungstruppen ausgebrochen waren. Laut der Vereinten Nationen wurden 180.000 Menschen vertrieben. 

Ehemaliger Vizepräsident Riek Machar vor Gericht

Bereits im September 2025 klagte die Regierung den Oppositionsführer Machar und sieben seiner Verbündeten des Mordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Laut Glawion wird Machar in Kürze verurteilt. Das könnte zu mehr Gewalt führen. Sollte die Regierung ihre angekündigte Gegenoffensive in Jonglei durchführen, werde das Land wieder in "einen extremen Bürgerkrieg verfallen".

Politische Experten sind besorgt: "Die Mobilisierung auf beiden Seiten lässt befürchten, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte, ethnische Konflikte ausgelöst und Zivilisten zur Zielscheibe werden könnten", sagt Daniel Akech, Südsudan-Analyst bei der International Crisis Group. 

Südsudan Juba 2025 | Riek Machar schaut im Gericht durch Gitterstäbe
Südsudans ehemaliger Vizepräsident Riek Machar steht in Juba wegen Hochverrats und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht Bild: Peter Louis Gume/AFP

In Juba wird Machar, Anführer der South Sudan People‘s Liberation Movement in Opposition (SPLM-IO), für die Verbrechen der Nuer-Miliz "Weiße Armee" angeklagt, die im März 2025 ein Militärlager in Nasir im Nordosten des Landes überfallen haben. Dabei kamen etwa 250 Soldaten und ein General ums Leben. Machar soll die Nuer-Kämpfer mobilisiert haben. Die Regierung warf ihn aus seinem Amt als Vizepräsident und leitete ein Strafverfahren ein.

 

Laut Akech ist Machar durch die rechtlichen Schritte des Präsidenten gegen ihn geschwächt, er steht unter Hausarrest. "Der Opposition fehlt es an Führung an der Spitze." Die Regierung selbst sei ebenfalls schwach. Der Präsident habe hochrangige Politiker an den Rand gedrängt; Ende 2025 entließ er seinen langjährigen Geheimdienstchef.

Die 2020 gebildete Einheitsregierung zwischen beiden Kontrahenten ist durch alte Rivalitäten und neue Machtkämpfe blockiert. Am vergangenen Wochenende bildete Präsident Kiir zwar ein Dialog-Komitee zu den im Dezember 2026 anstehenden Wahlen  – allerdings ist Machars Oppositionspartei ausgeschlossen.

Mehr Waffen anstatt Frieden

Die politischen Spannungen halten bereits seit Jahrzehnten an, betont Analyst Glawion. Südsudan habe sich nach der Unabhängigkeit 2011 nicht zu einem friedlicheren Land, sondern hin zu einer stärkeren Militarisierung bewegt: Die politischen Ämter seien ausschließlich von ehemaligen Milizenführern besetzt. Zivile Stimmen spielten 15 Jahre nach der Unabhängigkeit kaum eine Rolle.  

Sudan Joda 2014 | Südsudanesische Geflüchtete am Grenzposten Joda nach Kämpfen
Gewalt und Kämpfe im Südsudan treiben immer mehr Menschen in die FluchtBild: Ashraf Shazly/AFP

Für die Menschen im Südsudan ist das Gegenteil der erhofften Reform eingetreten: Statt einer Demobilisierung gebe es im Land immer mehr Waffen und bewaffnete Kämpfer, so Glawion. Freie Wahlen seien in weiter Ferne, auch wenn regelmäßig Abkommen wie 2013, 2016 und 2018 zwischen Kiir und Machar geschlossen werden. "Sie schaffen keine langfristigen Lösungen, denn ihre Inhalte werden nicht umgesetzt", sagt Glawion.

Die Krise spitzt sich immer weiter zu, obwohl eine Friedensmission der Vereinten Nationen im Land im Einsatz ist. Sie ist laut Glawion mit fast 20.000 Soldaten eine der Größten der Welt.  "Trotzdem ist sie schwach. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die internen Streitkräfte sowohl auf Regierungs- als auch Oppositionsseite stark bewaffnet." Die Regierung sei derzeit die größte Gefahr für die eigene Bevölkerung.

Der Konflikt weitet sich zudem auf die Region aus: Das benachbarte Uganda hat mutmaßlich in den Konflikt im Südsudan eingegriffen: Ein UN-Bericht warf Uganda im Dezember 2025 vor, gegen das UN-Waffenembargozu verstoßen und seit März 2025 Truppen und militärische Ausrüstung über die Grenze schickte.  

Es braucht den Willen zu freien Wahlen

In Juba spricht Ulrich Thum, Leiter der dort ansässigen Friedrich-Ebert-Stiftung, angesichts der anhaltenden Kämpfe und die Verschärfung der humanitären Lage von einem Teufelskreis, der dringend durchbrochen werden müsse. „Der Südsudan steht an einem kritischen Wendepunkt", warnt Thum. "Das Friedensabkommen 2018 ist durch die zunehmende bewaffnete Auseinandersetzung ernsthaft gefährdet."

Das Vertrauen zwischen den Parteien sei weitgehend zerstört. Es gebe keine ernsthaften Bemühungen seitens der Regierung, um das wirksam einzudämmen, sagte er der DW. Und auch der politische Wille, freie Wahlen auf Basis einer dauerhaften Verfassung mit Zustimmung des Volkes durchzuführen, sei nicht vorhanden, so FES-Leiter Thum.

Zudem sei Machars SPLM-IO bis heute nicht als politische Partei registriert, da sie weiterhin eigene Truppen unterhält. Damit habe sie derzeit keine realistische Perspektive, an den kommenden Wahlen teilzunehmen, so Thum. "Die südsudanesische Bevölkerung zahlt somit weiterhin einen bitteren Preis für den gewaltsamen Macht- und Verteilungskampf der politischen und militärischen Eliten."

Für Glawion ist der einzige Weg zum Frieden nur durch eine gemeinsame Stimme der internationalen Gemeinschaft möglich, die starken Druck auf beide Parteien ausübt: "Alle Kriegstreiber müssen abtreten, eine zivile Übergangsregierung muss gebildet werden, die Wahlen und notwendige humanitäre Hilfe organisieren kann."