Wie internationale Studierende die Corona-Krise meistern | Aktuell Deutschland | DW | 04.07.2020
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Studienfinanzierung

Wie internationale Studierende die Corona-Krise meistern

Jetzt bekommen auch internationale Studierende Geld aus dem Hilfspaket der Bundesregierung. Hinter ihnen liegt eine lange finanzielle Durststrecke, die viele nur durch Solidarität und Eigeninitiative überstanden haben.

Studierende lesen Stellenangebote auf einem Aushang

Studierende auf Jobsuche in der Coronakrise

Mindestens 500 Euro braucht Deeksha Sharma, um ihren Lebensunterhalt als Studentin in Oldenburg zu bestreiten. Eigentlich wollte sie das möglichst ohne ihre Eltern schaffen und sich einen Nebenjob suchen - so der Plan. Die dafür nötige Arbeitserlaubnis hatte sie schon, doch dann kam Corona dazwischen.

Um sie herum verloren viele ihre Studentenjobs und die finanziellen Reserven waren schnell aufgebraucht. Auch für die Physikstudentin wurde es eng. "In den letzten drei Monaten hatte ich echt ein Problem. Ich musste die Zimmermiete und Lebensmittel bezahlen und wollte meine Eltern nicht noch einmal um Geld bitten."

"Einzigartiges Paket im europäischen Vergleich"

Ihre Mitbewohnerin half ihr, erste finanzielle Löcher zu stopfen. Schließlich suchte sie eine Beratungsstelle für internationale Studierende an ihrer Universität auf und erfuhr dort vom Studienkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Er steht erstmals auch Studierenden ohne deutsche Staatsbürgerschaft zur Verfügung und ist Teil des Hilfspakets des Bundes für alle in Not geratenen Studierenden.

Portraitbild Deeksha Sharma

Deeksha Sharma ist erleichtert, dass sie ihre Eltern in Nepal nicht um Hilfe bitten musste

"Ein solch breites Paket eines Bildungsministeriums für Studierende ist im europäischen, vielleicht sogar im internationalen Vergleich einzigartig", lobte sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, als sie ihre Maßnahmen im Juni bei einer Pressekonferenz in Berlin präsentierte.

Keine Hilfe zum Nulltarif

Im Vorfeld hatte die Ministerin viel Kritik einstecken müssen. Studierendenvertreter, Politiker und Gewerkschaften warfen ihr unter anderem vor, viel zu spät auf die Nöte der Studierenden reagiert zu haben. Hinzu kommt, dass es den Studienkredit langfristig nicht zum Nulltarif gibt.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek vor einem Mikrophon

Zwischen Lob und Kritik: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek

Deeksha Sharma hat aber keine Angst, dass ihr die Rückzahlung über den Kopf wachsen könnten. Sie freut sich erst einmal über den monatlichen Betrag von 650 Euro, den sie von Juli bis März nächsten Jahres zinsfrei auf das Konto ihrer Hausbank überwiesen bekommt.

Danach stellt die KfW jedoch Zinsen von rund vier Prozent in Rechnung und schon 18 Monate nach der ersten Überweisung beginnt die allmähliche Rückzahlung. Die sei mit rund 20 Euro monatlich aber recht niedrig, sagt die Nepalesin. Außerdem ist sie zuversichtlich, dass sie langfristig einen Job findet und das Ganze gut stemmen kann.

Antragsteller aus Iran, Indien und Tunesien

Die junge Frau ist eine von etwa 8.000 internationalen Studierenden, die den Kredit seit Mai beantragt haben. Auf den vorderen Plätzen rangieren Antragsteller aus Iran, Indien, Bangladesch, Syrien und Tunesien. Allen ist gemeinsam, dass sie vier Wochen länger warten mussten als die rund 7.000 deutschen Studierenden, die den Kredit ebenfalls beantragt haben. Für diese gab es das Kreditmodell schon lange vor Corona.

Logo der Kreditanstalt für Wiederaufbau

Hauptsitz der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt

Da man die Auszahlung für die internationalen Neukunden aus technischen Gründen bis Anfang Juni nicht gewährleisten konnte, habe man das sicherheitshalber auf Anfang Juli geschoben, erklärt Philip Rauh von der KfW. Die staatliche Förderbank sei sehr zufrieden mit der Zahl der aktuellen Anträge, bilanziert der zuständige Produktmanager.

Viele Studierende scheitern an Vergabekriterien

Allerdings erfüllten viele internationale Studierende gar nicht die strengen Vergabekriterien, bemängelt Kornelia von Kaisenberg, die als Referentin der Evangelischen Studierendengemeinde in Aachen Betroffene berät. So dürften Antragsteller maximal im zehnten Semester sein. "Viele der ausländischen Studierenden sind aber jenseits des zehnten Semesters, weil sie einfach während ihres Studiums gearbeitet haben und das bedeutet häufig eine Verlängerung des Studiums."

Die Evangelische Studierendengemeinde Aachen steht in Not geratenen internationalen Studierenden nicht nur beratend, sondern auch finanziell zur Seite, zum Beispiel mit einem monatlichen Zuschuss in ihrer Abschlussphase. Davon profitiert auch Jöel Mekiedje. Er studiert an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und schreibt gerade seine Masterarbeit in Elektrotechnik.

Portraitbild Jöel Mekiedje

Jöel Mekiedje organisierte für viele Studierende eine finanzielle Unterstützung

Der Kameruner kennt viele Studierende, die sich nicht auf einen KfW-Kredit beworben haben, weil sie die hohe Verschuldung fürchten. Vor allem ab nächstem Jahr, wenn der Kredit nicht mehr zinsfrei ist. Schulden machen sie trotzdem, aber dann eher bei Freunden und Verwandten.

Große Solidarität unter internationalen Studierenden

Diese Form der Solidarität sei unter kamerunischen, aber auch unter anderen internationalen Studierenden sehr verbreitet, erzählt Mekiedje und ergänzt: "Natürlich zahlt man das Geld zurück, wenn man wieder Geld hat."

Das ist aber nur ein Beispiel, wie sich der Masterstudent und viele seiner Kommilitonen gerade durchschlagen. Als sich bei einer kleinen Umfrage unter 40 kamerunischen Studierenden herausstellte, dass mehr als 90 Prozent Probleme hatten, ihre Miete und ihre Krankenversicherung zu bezahlen, sammelten er und seine Mitstreiter rund 3500 Euro an Spendengeldern.

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