Wie Flüchtlinge meinen Blick auf die Kunst veränderten | Kultur | DW | 29.07.2015
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Kultur

Wie Flüchtlinge meinen Blick auf die Kunst veränderten

Als Teenager hasste Kate Hairsine Schulausflüge ins Kunstmuseum, wo stundenlang über verstaubte Gemälde geredet wurde. Ihre Meinung änderte sie erst, als sie kürzlich junge Asylbewerber in einer Ausstellung traf.

Eine Gruppe von jugendlichen Asylbewerbern sitzt auf Klappstühlen vor einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Zu sehen ist ein Selbstporträt des deutschen Künstlers Anselm Feuerbach. Das Ölgemälde hängt unscheinbar in einer schummrigen Ecke. Dargestellt ist ein Mann mittleren Alters in einem braunen Anzug vor einem braunen Hintergrund. Normalerweise widme ich dieser Art von Gemälden keine weitere Aufmerksamkeit, sondern gehe einfach an ihnen vorbei. Heute ist es anders. Ich lausche gespannt einem Vortrag von Petra Erler von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Vor ihr sitzen die 14 jungen Männer. Sie hören der Kunstpädagogin interessiert zu und diskutieren mit ihr über das Selbstporträt.

Der eine zeigt auf Feuerbachs prächtigen Schnurrbart und sagt, der Künstler sähe aus wie ein Inder. "Alle Männer in Indien tragen Bärte. Ohne Bart bist du dort kein richtiger Mann". Die anderen in der Runde brechen in Gelächter aus. Die Flüchtlinge haben eine weite Reise hinter sich: Sie stammen aus Pakistan, Gambia, Äthiopien oder Syrien. Einige von ihnen sind vor Kriegen in ihrer Heimat geflohen, andere vor Armut und Vertreibung. Nach Deutschland haben sie sich alleine durchschlagen müssen. "Sieht Feuerbach aus wie ein netter Mensch?" fragt Erler. Nun gibt es noch mehr Gelächter, weil einer der Männer die Wörter "sauber" und "sauer" verwechselt. Er antwortet, dass Feuerbach "sauber" aussehen würde, meint aber wohl eher "sauer".

Flüchtlinge sind wissensdurstig

Einige der Asylbewerber, die zwischen 17 und 22 Jahre lat sind, besuchen seit Januar jeden Dienstag den Kunstunterricht in der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe. Und es kommen immer wieder neue Interessierte hinzu. "Warum kann man nur die Hälfte seines Gesichts sehen?", fragt einer der Syrer und zeigt auf das Gemälde. Eine Frage, die ich mir nie selber gestellt hätte. Es beschämt mich ein wenig, dass mir der Blick für solche Details fehlt. Diese fremde Perspektive der jungen Asylbewerber macht mir klar, wie sehr ich bestimmte Dinge als selbtverständlich akzeptiere. Obwohl ich schon seit acht Jahren in Karlsruhe lebe, habe ich mich bisher nie dafür interessiert, die Kunsthalle zu besuchen, die viele sehenswerte Ausstellungen im Programm hat.

Für die Flüchtlinge ist der Besuch der Kunshalle ein besonderes Erlebnis, wie zum Beispiel für den 17-jährigen Mamadou aus Senegal: "Für mich ist es das erste Mal überhaupt, dass ich ein Museum besuche", sagt er auf Französisch mit westafrikanischem Akzent. "Ich finde es spannend, weil ich hier Deutschlands Geschichte kennenlerne."

Asylbewerber machen selbst Kunst im Museum

Die jungen Flüchtlinge schauen sich die Kunstwerke nicht nur an, sondern sie werden auch selbst aktiv. Beim letzten Mal ließen sie sich von der abstrakten Formensprache des spanischen Malers Joan Miró inspirieren. Ein anderes Mal lernten sie im Stil des deutschen Künstlers Gerhard Hoehme zu zeichnen: eher strukturiert und linear.

Heute soll es um Selfies mit dem Smartphone gehen. Deshalb haben sich alle um Feuerbachs Selbstbildnis versammelt. Petra Erler geht mit der Gruppe nach draußen in den Hof, wo sie sich alle abwechselnd positionieren - einige im Profil, einige mit dem Gesicht nach vorne. Ein Foto mit sexy Lächeln, wie es zuhauf auf Facebook geteilt wird, macht keiner von ihnen. Stattdessen machen die jungen Männer ernste Gesichter, wahscheinlich, weil sie die würdevolle Haltung von Anselm Feuerbach im Kopf haben.

Besser Deutsch lernen mit Kunst

Kunstprojekte mit Flüchtlingen gibt es viele, meist mit dem ehrgeizigen Ziel, den Teilnehmern ein Stück ihrer Kindheit zurückzugeben oder ihre Traumata zu verarbeiten. Das Projekt der Kunsthalle Karlsruhe ist bescheidener: Es geht hier vor allem darum, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, Deutsch in einer anderen Atmosphäre als dem Klassenzimmer zu lernen. Ganz nebenbei erfahren sie auch, wie sie sich einen Fahrtschein für die Straßenbahn selber kaufen können, um ins Museum zu gelangen.

Im Rahmen des Museumsprojekts können die Asylbewerber ihre Sprachkenntnisse anwenden: Sie reden viel mehr als im normalen Deutschunterricht, sagt Kunstpädagogin Susanne Hanbrok, die das Projekt ins Leben gerufen hat. Auch nach den Sommerferien sollen die Asylbewerber wieder in die Kunsthalle kommen, denn das Projekt wird fortgesetzt.

"Mich beeindruckt die Begeisterung der Asylbewerber für den Kunstunterricht. Vor allem, weil die meisten von einer Ausbildung zum Mechaniker, Elektriker oder Schreiner träumen - und nicht vom Künstlerdasein", sagt sie.

"In meinem eigenen Land habe ich nie gemalt."

"Ich liebe Kunst", sagt Bereket aus Äthiopien in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Was mich schockiert: Er sagt, hier habe er zum ersten Mal gemalt. In seiner Heimat habe er dazu keine Möglichkeit gehabt. "In Deutschland bin ich glücklich. In diesem Projekt habe ich etwas über Künstler und die Kunst gelernt, wie man zum Beispiel Leben, Kultur oder Religion damit zum Ausdruck bringt". Auch Alsanna aus Gambia, 22 Jahre alt, liebt diesen Kunstunterricht, die Gespräche über die Bilder und das Zeichnen. Sein Freund Foday, ebenfalls aus Gambia, betont, wie stolz er sei, nun endlich zeichnen zu lernen. Auch er habe in seiner Heimat nie dazu Gelegenheit gehabt.

Die Kunstwerke der jungen Asylbewerber werden noch bis zum 31. Juli 2015 in der Gewerbeschule Durlach ausgestellt. Ihre Selfies werden demnächst Teil der Ausstellung "Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 31. Oktober 2015 bis 30. Januar 2016 sein.

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