Wie entstehen Migrantenkarawanen? | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 07.11.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Lateinamerika

Wie entstehen Migrantenkarawanen?

Die USA sind das Ziel der Flüchtlingskarawanen, die durch Mexiko ziehen. Doch wer hat Interesse, die Menschen zur Flucht zu bewegen? Um diese Fragen ranken sich viele Verschwörungstheorien. Was ist wahr, was nicht?

Sowohl in den USA als auch in Mittelamerika wird ein Kampf um die Deutungshoheit über die jüngsten "Karawanen" von Migranten geführt, die mittlerweile in Mexiko angekommen sind und weiter nach Norden ziehen. Einige Stimmen beschreiben die Mobilisierung von rund 9000 Honduranern, Salvadorianern und Guatemalteken als ein "unnatürliches" Phänomen, das von einem Bündnis autokratischer Herrscher Lateinamerikas und mächtiger Wirtschaftsgruppen vorangetrieben wurde, um US-Präsident Donald Trump im Vorfeld der  "Midterm-Wahlen" zu schaden.

Sowohl Nicaragua als auch Venezuela wird vorgeworfen, die jüngsten Karawanen zu sponsern, um so die mediale Aufmerksamkeit von ihren Ländern abzulenken. Beide stehen wegen systematischer Verletzung der Menschenrechte im Visier der Weltöffentlichkeit. Die honduranische Regierung beschuldigte jüngst die Oppositionspartei LIBRE, eine Marionette des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro zu sein und über dreitausend verzweifelte Landsleute zur Migration bewegt zu haben. Honduras und Guatemala haben Untersuchungen angekündigt, um die "Förderer" der Migrantenkarawanen zu bestrafen.

Migranten werden instrumentalisiert

"Das Völkerecht sieht keine Sanktionen für diejenigen vor, die Migranten Hilfe leisten", sagt Frank Wolff, vom Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) in Osnabrück. "Die Staaten können aber Akteure bestrafen, wenn sie diese Hilfen als Kriegs- oder kriminelle Handlungen einstufen. Internationale Abkommen verpflichten alle Staaten, ihren Bürgern jederzeit die Möglichkeit zu geben, ihr Territorium zu verlassen. Aber während kein Staat die Pflicht hat, Migranten, die das eigene Staatsgebiet durchqueren, zurückzuhalten, hat auch kein Land die Pflicht, Migranten aufzunehmen. Dieses Rechtsvakuum versetzt die Migranten in eine verletzliche Lage", erläutert der Migrationsexperte.   

Nicaraguas Präsident Daniel Ortega und Venezuelas Präsident Nicolas Maduro (Juan Barreto/AFP/Getty Images)

Lateinamerikanische Regierungschefs Ortega und Maduro: Willkommenen Affront gegen das Weiße Haus?

Die Migrantenkarawanen würden derzeit von allen Seiten instrumentalisiert, so Wolff. Dabei hätten sie sich aber spontan gebildet und seien nach und nach gewachsen, weil die Menschen sich auf dem gefährlichen Weg nach Norden in größeren Gruppen sicherer fühlen. Bei diesem Wachstum der einzelnen Gruppen hätten auch die Sozialen Medien eine große Rolle gespielt.

"Außerdem träumen nicht alle diese Migranten davon, sich in den USA niederzulassen. Die Migrantenzüge, die sich da in Bewegung gesetzt haben, schrumpfen und wachsen täglich, da jeden Tag Hunderte von Migranten sich entweder anschließen oder die Gruppe wieder verlassen", fügt Wolff hinzu. 

Abstimmung mit den Füßen

"Zusammenschlüsse dieser Art sind Manifestationen sozialer Prozesse, die nicht neu sind", befindet Günter Maihold, stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Diesmal würden die Karawanen aber mit den für Trump wichtigen "Midterm"-Wahlen zusammenfallen und der Übernahme der mexikanischen Präsidentschaft durch den progressiven Andrés Manuel López Obrador.  Die Regierungschefs in Venezuela und Nicaragua, Nicolás Maduro und Daniel Ortega, mögen die Karawane als willkommenen Affront gegen das Weiße Haus sehen, aber aus Maiholds Sicht hat keiner der beiden diese Karawane angestachelt.    

Einwanderer an der US-Südgrenze begegnen einem Agenten der U.S. Border Patrol Tactical Unit (Reuters/A. Latif)

Einwanderer an der US-Südgrenze: Es gibt viele Gründe für den Exodus

"Es überrascht mich nicht, dass so viele Honduraner, Salvadorianer und Guatemalteken ihren Ländern den Rücken kehren. Ich würde sagen, dass sie mit den Füßen abgestimmt haben, weil sie den Glauben an die Veränderungsmöglichkeiten an der Wahlurne verloren haben", sagt Günter Maihold und zählt die Gründe auf, die Menschen in Mittelamerika in den Exodus treiben: Mangel an Arbeit, Bildungschancen und öffentlichen Dienstleistungen, Verschlechterung des Sozialgefüges, Armut sowie die hohe Wahrscheinlichkeit Opfer krimineller Banden, politischer oder geschlechtsspezifischer Gewalt zu werden. 

Viele Gefahren auf dem Weg nach Norden

"Es überrascht mich auch nicht, dass es viele Aktivisten und NGOs gibt, die Migranten auf ihrem gefährlichen Weg durch Mittelamerika und Mexiko unterstützen, fügt Maihold hinzu. Frank Wolff vom IMIS stimmt dem zu: "Der Charakter dieser Karawanen ist dezentral, aber sie wirken als Magnet für viel Mittelamerikaner, da sie ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Frauen, Jugendliche und Kinder profitieren am meisten vom Zusammenhalt der Karawane", so der Osnabrücker Forscher.  

"Die Karawane wird bestimmt nicht als einheitlicher Monolith an der Grenze zu den USA ankommen, wie Trump und seine Anhänger sich vorstellen", meint Wolff. Sie würden sich vorher in kleinere Gruppen aufteilen und entlang der porösen Grenzlinie nach Möglichkeiten suchen sie zu überqueren. Nur so hätten die Migranten eine Chance in die USA zu kommen, und das wüssten sie auch. "Das ist es, was sie in den letzten fünf oder sechs Jahren schon getan haben", sagt Günter Maihold. "Die aktuellen Karawanen sind ungewöhnlich groß, aber sie sind nicht die Ersten".