Wie einsturzgefährdet ist die weltberühmte Kathedrale Notre-Dame? | Kultur | DW | 11.01.2020
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Notre-Dame

Wie einsturzgefährdet ist die weltberühmte Kathedrale Notre-Dame?

Der Großbrand in der Kathedrale von Paris 2019 schockte die Menschen weltweit. Der Wiederaufbau stellt Frankreich vor große Herausforderungen, sagt Ex-Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner im DW-Interview.

Kathedralen sind komplexe Bauwerke. Das weiß Kunsthistorikerin Barbara Schock-Werner nicht nur als Architektin und Denkmalpflegerin, sondern vor allem durch ihre 13-jährige Erfahrung als Dombaumeisterin zu Köln - als Verantwortliche also für die größte Gotik-Kathedrale Europas. Als Expertin und Koordinatorin der deutschen Hilfen für Notre-Dame, verfolgt sie den Wiederaufbauprozess nach dem Großbrand in Paris aufmerksam.

Deutsche Welle: Zuletzt äußerte sich der Domdekan von Notre-Dame, Patrick Chauvet, kritisch zum empfindlichen Zustand der Kathedrale. 50:50 stünden die Chancen, dass das Gewölbe eventuell doch noch einstürzen könnte. Wie beurteilen Sie diese Prognose?

Weitere Einstürze sind durchaus realistisch. Das Gewölbe wird kaum als Ganzes abstürzen, aber es könnten weitere Teile runterkommen. Was die meisten Menschen nicht realisieren, ist, dass Hitze auch Stein schadet. Große Hitze löst - vereinfacht gesagt - das Gefüge des Steins auf.

Blicks ins verrußte Innere der Kathedrale (Reuters/P. Lopez)

Blicks ins verrußte Innere der Kathedrale

Das Gewölbe von Notre-Dame wurde an drei Stellen durch herabfallende Teile durchbrochen. Auf den noch stehenden Gewölbeabschnitten liegen noch Tonnen verbrannter Eichenbalken. Deswegen darf auch niemand unter das Gewölbe, es kommen immer noch Steine runter. 

Warum sind wir gerade jetzt an einem heiklen Punkt?

Im Moment ist man dabei, das Gerüst um den Vierungsturm, das vor dem Brand für seine Sanierung gebaut wurde, zu entfernen. Dieses Gerüst ist in sich völlig verschweißt durch die große Hitze, die sich bei dem Brand entfaltet hat. Der Chefarchitekt der französischen Baudenkmäler, Philippe Villeneuve, hat Angst, dass das gerade wieder gefundene Gleichgewicht gestört wird, wenn das Gerüst weg ist. 

Außerdem konnte man noch nicht untersuchen, inwieweit die Gewölbe-Steine, die noch oben sind, vom Feuer geschädigt sind. Selbst wenn das Gewölbe nicht einstürzt, könnten die Untersuchungen ergeben, dass die Steine des Gewölbes doch so sehr vom Brand geschädigt sind, dass sie ausgewechselt werden müssen. 

Erst wenn diese Voraussetzungen geklärt sind, kann ein provisorisches Dach installiert und das Gewölbe wieder geschützt werden. Bisher hatten die Kollegen in Paris ja das Glück, dass die Gewölbe keinem Sturm, also keinem Witterungsstress, ausgesetzt waren.

Deutschland Barbara Schock-Werner, ehemalige Kölner Dombaumeisterin (Imago Images/H. Galuschka)

Ex-Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner

Welche weiteren Hürden gibt es für den Wiederaufbau?

Philipp Villeneuve hat gesagt, dass die oberen 20 Zentimeter der Außenmauern ausgeglüht seien, da werden aktuell Untersuchungen gemacht. Wenn die Steine dort stark feuergeschädigt sind, muss man die ganze obere Kante auswechseln.

Das würde den Prozess noch weiter verzögern. Und dann ist natürlich der allgegenwärtige Bleistaub eine Gefahr für die Menschen. Zügiges Arbeiten im Innenraum wird verzögert, da das zur Zeit ja nur mit Schutzmasken möglich ist.

Apropos Verzögerung. Der französische Präsident Macron hatte mit der Ansage, die Kathedrale werde bis 2024 wieder aufgebaut, große Ambitionen gezeigt. Für wie realistisch halten Sie das?

Das hängt tatsächlich vom Zustand der Gewölbe ab. Auch der Pariser Kollege möchte es so bald wie möglich schließen, damit der Innenraum erhalten bleibt - um ihn wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die ganze Restaurierung der Kathedrale - die Säuberung außen und innen, das Flicken der Fenster, Reinigung der Wände, Restaurierung der Orgel und so weiter - wird sicher länger als fünf Jahre dauern.

Frankreich Präsident Macron TV Rede (Getty Images/AFP/L. Marin)

Nach dem verheerenden Brand von Notre Dame wandte sich Präsident Macron per TV-Ansprache an die Franzosen

Aber wenn man sich jetzt konzentriert und keine großen Katastrophen passieren, könnte der Innenraum in fünf Jahren wieder gewonnen sein. Der Kollege vor Ort, Philippe Villeneuve, macht sehr gute und sorgfältige Arbeit. Das ist unter dem Druck der Politik nicht immer so einfach.

Sie organisieren ja die Gelder der deutschen Hilfe für den Wiederaufbau von Notre-Dame und sind beratend tätig. Wie können Sie momentan konkret helfen?

Ich habe ein Angebot gemacht, dass Deutschland bei der Restaurierung der bereits ausgebauten Obergadenfenster helfen könnte. Das habe ich gerade nach Frankreich geschickt und hoffe, dass ich in den nächsten zwei Monaten Antwort bekomme, ob die französischen Kollegen das für eine nützliche Hilfe halten. Da könnten wir dann einspringen.

Der brennende Vierungsturm von Viollet-le-Duc stürzt am 15. April 2019 ein(Getty Images/AFP/G. van der Hasselt)

Der Vierungsturm von Viollet-le-Duc stürzt am 15. April 2019 ein

Jetzt gibt es allerlei Entwürfe für einen eher modernen Wiederaufbau - einige davon sind skurril. Welcher ist denn Ihr Favorit?

Mein Favorit ist der alte Turm. Der im 19. Jahrhundert neu wieder aufgebaute Vierungsturm von Eugène Viollet-le-Duc war ein Meisterwerk der Neugotik. Ich würde ihn genauso wiederherstellen wie er war. Von den Entwürfen, die sonst so kursieren, ist mir der Entwurf von Sir Norman Foster mit seinem Edelstahl-Kristall-Vierungsturm noch der nächste, weil er am meisten dem Gebäude entspricht. Aber ich bin eigentlich - wie auch mein Pariser Kollege - dafür, das Ursprüngliche zu rekonstruieren.

Frankreich Paris | Wiederaufbau Kathedrale Notre-Dame de Paris | Entwurf Vincent Callebaut Architecture (picture-alliance/Vincent Callebaut Architectures/Cover Images)

Vorschlag von Vincent Callebaut Architecture: Kathedrale soll zur urbanen Farm werden

In Ihren 13 Jahren als Dombaumeisterin zu Köln waren Sie ja auch dafür bekannt, sich für Neuerungen einzusetzen, zum Beispiel für die Domfenster von Gerhard Richter. Gibt es moderne Elemente, die Sie sich auch im Rahmen des Wiederaufbaus von Notre-Dame vorstellen könnten?

Da bin ich zurückhaltend, das ist Sache der Franzosen. Ob man ein modernes Kunstwerk im Inneren, einen Altar oder ein Memorial durch einen modernen Künstler errichtet, das an die Katastrophe erinnert...Das kann ich mir durchaus vorstellen.

Und das wäre auch gut einzufügen, denn Notre-Dame ist ja durch die beiden Revolutionen fast aller Altäre beraubt gewesen. Es hätte also Platz.


Das Gespräch führte Julia Hitz


Die Architektin und habilitierte Kunsthistorikerin Barbara Schock-Werner (Jg. 1947) ist Denkmalschutzberaterin und war von 1999 bis 2012 Dombaumeisterin in Köln. Häufig wird sie als Expertin für historische Kirchenbauten angefragt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters beauftragte sie mit der Koordination der deutschen Hilfe für den Wiederaufbau von Notre-Dame in Paris.

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